BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf der BdS-Mitgliederversammlung 2026 bringt „SystemGastroConnect“ Politik und Praxis zusammen und setzt auf spürbaren Bürokratieabbau. Rund 200 Gäste diskutierten in der STATION Berlin die Zukunft der Systemgastronomie, insbesondere Rahmenbedingungen für Wachstum, Investitionen und Beschäftigung. Der Verband rechnet in den kommenden Jahren mit rund 3 Milliarden Euro Investitionen, bis zu 600 neuen Standorten und etwa 30.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen. Im Fokus standen außerdem Fachkräfte, Arbeitszeitrecht und die Frage, wie Reformen schneller und praxisnäher umgesetzt werden können.

Die Systemgastronomie will nicht nur liefern, sondern auch gestalten: Auf der BdS-Mitgliederversammlung 2026 setzte der Bundesverband der Systemgastronomie (BdS) mit „SystemGastroConnect“ ein deutliches Signal in Richtung Politik. Rund 200 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Praxis kamen am 25. Juni in der STATION Berlin zusammen, um über die Zukunft der Branche zu sprechen. Die Kernbotschaft: Investitionen und Wachstum brauchen verlässliche Regeln. Der Verband koppelt damit wirtschaftliche Erwartungen an politische Umsetzungen – vom Bürokratieabbau bis zu stabilen Rahmenbedingungen, die Planungssicherheit für neue Standorte und Personal schaffen.
Konkrete Zahlen gaben der Ton vor: Die Mitgliedsunternehmen planen in den kommenden Jahren Investitionen von rund drei Milliarden Euro. Dazu kommen Perspektiven für bis zu 600 neue Standorte sowie etwa 30.000 zusätzliche Arbeitsplätze. Dass diese Größenordnung nicht nur als politische Rhetorik verstanden werden will, zeigt die wiederkehrende Argumentationslinie des BdS-Präsidiums: Ohne schnellere Verfahren, weniger Dokumentationspflichten und weniger Hürden in der Umsetzung bleiben Potenziale auf der Strecke. Branchenvertreter sprechen dabei von „Verantwortung übernehmen“ – ein Anspruch, der in der Praxis auch bedeutet, Prozesse in den Betrieben so auszurichten, dass neue Anforderungen handhabbar bleiben.
Besonders deutlich wurde der Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktregeln und betrieblicher Umsetzbarkeit. BdS-Präsident Matthias Kutzer verwies darauf, dass Deutschland wirtschaftlich stärker wachsen müsse, aber zugleich denjenigen vertrauen sollte, die unternehmerische Verantwortung übernehmen. Seine Position: Wenn Politik Freiräume schafft, pragmatische Lösungen ermöglicht und Leistung wieder stärker anerkennt, kann die Systemgastronomie ein Erfolgsfaktor bleiben. Im gleichen Atemzug fordert der BdS Strukturreformen und eine bessere Koordination zwischen Politik, Wirtschaft und Sozialpartnern. Das ist auch deshalb relevant, weil die Branche in vielen Regionen mit ähnlichen Herausforderungen kämpft: Fachkräfte finden, Personal halten und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit sichern.
Ein wichtiger Teil des Programms war die politische Einordnung durch Vertreterinnen und Vertreter aus Bundesregierung und Bundestag. Lilian Tschan (SPD) stellte die 100-prozentige Tarifbindung der BdS-Mitglieder als Signal für faire Arbeitsbedingungen und verlässliche Beschäftigungsverhältnisse heraus. Im Kontext Mindestlohn betonte sie die Bedeutung der Tarifpartnerschaft und der Unabhängigkeit der Mindestlohnkommission. Zudem ging es um die Reform des Arbeitszeitgesetzes: Lösungen sollen sowohl Interessen der Beschäftigten als auch Anforderungen der Unternehmen treffen. Diese Abwägung zeigt, wie stark der politische Spielraum von Details abhängt – etwa davon, wie Arbeitszeitmodelle in Schichtbetrieben konkret abgebildet werden können.
Für den wirtschaftspolitischen Kurs spielte Sepp Müller (CDU/CSU) die Forderung nach einem „Neustart“ aus, der Bürokratie konsequent abbaut. Kritisch äußerte er sich zur Idee kommunaler Verpackungssteuern, da seiner Auffassung nach keine ausreichende Lenkungswirkung entstehe und Unternehmen zusätzlich belastet würden. Dr. Christoph Ploß (CDU) ordnete das Thema aus der Tourismus- und Standortperspektive ein und verwies auf Entlastungen wie die dauerhafte Senkung der Mehrwertsteuer für Speisen. Gleichzeitig sprach er sich für größtmögliche Flexibilität im Arbeitszeitgesetz und klaren Bürokratieabbau aus. Als Beispiel nannte er die geplante Reform des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes, die für Gastronomie vor allem „bürokratiearm und praxistauglich“ werden müsse.
Der Rahmen „Regulierung und Realität“ wurde im BdS-Politiktalk nochmals verdichtet. Unter Moderation von Dr. Helene Bubrowski diskutierten unter anderem Marc Biadacz (CDU/CSU), Lisa Paus (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) sowie Bundesministerin a.D. Carina Knie-Nürnberg und Vertreter aus Arbeitgeberverbänden und Wirtschaft. Bei Themen wie Erwerbsmigration, Fachkräftegewinnung und Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes ging es auch um die Frage, wie Reformen in die Breite der Betriebe wirken. Ein praktischer Kern: Wenn Verfahren zu lange dauern oder Dokumentationspflichten disproportioniert wachsen, sinkt die Bereitschaft, neue Standorte zügig zu eröffnen. Für Unternehmen ist das nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch ein Risiko für die Servicequalität.
Hier hilft ein Blick auf Expertenstimmen, die Tarif- und Arbeitsmarktfragen wirtschaftlich einordnen. Dr. Hagen Lesch vom Institut der Deutschen Wirtschaft setzte in seinem Vortrag den Fokus auf Sozialpartnerschaft und Tarifpolitik „im Zeichen von Krisen“. Die Kernaussage: Gerade in unruhigen Phasen stabilisieren klarere tarifliche Rahmenbedingungen die Planbarkeit, sowohl für Arbeitgeber als auch für Beschäftigte. Passend dazu ordnete Jochen Pinsker vom Marktforschungsunternehmen Circana die Marktentwicklung ein: Trotz eines anspruchsvollen Konsumumfelds baue die Systemgastronomie ihre Marktposition kontinuierlich aus, der Marktanteil stieg auf 45,6 Prozent. Für den Wettbewerb ist das mehr als eine Momentaufnahme – es signalisiert, dass Standardisierung und Skalierung funktionieren, solange die regulatorische Last nicht überproportional wächst.
Auch die Branche selbst stellte ihre Innovationsfähigkeit in den Mittelpunkt. Begleitet wurde „SystemGastroConnect“ von einer Ausstellung der BdS-Fördermitglieder; in Networking-Pausen und Formaten wie Light Lunch, Fördermitgliederrallye und After-Work-Party ging es um Austausch über Dienstleistungen und Zukunftsthemen. In solchen Settings wird häufig verhandelt, wie sich operative Abläufe digitaler und ressourcenschonender gestalten lassen, ohne Beschäftigte aus der Praxis herauszunehmen. Dass dabei auch konkrete Akteure wie McDonald’s-Franchisenehmerin Olga Vos im Programm auftauchen, unterstreicht den wettbewerblichen Charakter der Debatte: Systemgastronomie ist kein statischer Markt, sondern ein Benchmark-Umfeld, in dem Partner entlang derselben Regeln erfolgreich sein müssen.
Aus historischer Perspektive ist die Spannungsachse zwischen Regulierung und Betriebspraxis nicht neu: Der Weg der letzten Jahre war geprägt von wechselnden Erwartungen an Arbeitszeitmodelle, Lohnsysteme und Dokumentationsanforderungen. Neu ist vor allem die Dringlichkeit, mit der die Branche eine Beschleunigung fordert. Wenn das Arbeitszeitgesetz reformiert wird, entscheidet sich, wie schnell Betriebe neue Schichten organisieren können, wie planbar Personalkosten bleiben und wie flexibel auf Nachfragezyklen reagiert werden kann. Ergänzend wirkt der Blick auf Modernisierung: Fach- und Arbeitskräftegrenzen werden zu einem zentralen Engpass, der zunehmend über Migration, Weiterbildung und regionale Kooperation gelöst werden muss. Damit wird die Debatte auch zu einem indirekten Digitalisierungs- und Prozessentwicklungsthema, denn bessere Planung erfordert saubere Datenflüsse in HR, Einsatzplanung und Reporting.
Für die nächsten Schritte zeichnet sich ein klares Zukunftsbild ab: Der BdS will politische Präsenz ausbauen und erwartet, dass Bürokratieabbau messbar wird – nicht nur als Ziel, sondern als konkrete Senkung von Hürden in Verfahren und Dokumentationspflichten. Gleichzeitig bleibt die sozialpolitische Balance entscheidend: Tarifbindung, Sozialpartnerschaft und Mindestlohn-Mechanismen gelten als Stabilitätsanker, während Flexibilisierung des Arbeitszeitrechts als Stellschraube gesehen wird. Aus Regulierungsperspektive sollten Unternehmen außerdem besonders auf Datenschutz und sichere Prozessgestaltung achten, wenn Reformen zusätzliche Berichts- oder Nachweispflichten nach sich ziehen. Wenn Politik und Branche hier pragmatisch zusammenarbeiten, kann die Systemgastronomie ihre Investitions- und Beschäftigungspläne eher in reale Kapazitäten überführen – und damit wirtschaftliche Dynamik auch über Stadtgrenzen hinweg liefern.
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