GROßOSTHEIM / LONDON (IT BOLTWISE) – Depot schließt im laufenden Insolvenzverfahren 66 Filialen und reduziert das Filialnetz auf vorerst rund 80 Standorte. Geschäftsführer Christian Gries nennt als Kernfaktoren steigenden Online-Wettbewerb, vor allem durch Plattformen wie Temu, sowie eine wachsende Preisempfindlichkeit der Kundschaft. Mit den Schließungen verlieren laut Angaben rund 330 Beschäftigte ihren Job. Der Fall zeigt, wie schnell Daten- und Preislogik aus dem Onlinehandel den stationären Non-Food-Bereich unter Druck setzen.

Der stationäre Non-Food-Handel bekommt erneut einen Schlag: Die Deko-Kette Depot schließt im Zuge des laufenden Insolvenzverfahrens 66 Filialen. Das Unternehmen veröffentlichte dafür eine Schließungsliste und kündigte an, dass viele Standorte nach dem jeweiligen Räumungsverkauf bis Ende Juli schließen sollen, während einzelne bereits geschlossen sind. Laut Geschäftsführer Christian Gries „geht wirtschaftlich leider nicht anders“, weil sich nur noch Läden betreiben lassen, die rentabel sind. Betroffen sind unter anderem Standorte in Berlin, Hamburg, München, Stuttgart sowie mehreren Mittel- und Oberzentren in Ost- und Westdeutschland.
Technisch betrachtet ist das Muster hinter solchen Entscheidungen häufig weniger „Miete vs. Umsatz“ im Bauchgefühl, sondern ein Ergebnis harter Datenroutinen: Filialerträge werden in kurzen Zyklen gegen Fixkosten gerechnet, Bestände und Abverkaufsraten werden an Preisniveaus gekoppelt, und jede Verzögerung bei der Räumungslogistik erhöht die Kapitalbindung. Beim Insolvenzprozess läuft die Betriebspraxis dabei unter erhöhtem Zeitdruck, weil Lagerbestände, Lieferketten-Stopps und Vertragskündigungen oft gleichzeitig greifen. Depot reduzierte das Netz bereits nach einer früheren Insolvenz in Eigenverwaltung (2024) drastisch auf noch gut 150 Geschäfte – nun erfolgt die nächste Schrumpfungsrunde.
Hinter der aktuellen Lage stehen laut Gries mehrere Treiber: Zölle, der zunehmende Online-Wettbewerb durch Plattformen wie Temu und die Kaufzurückhaltung der Verbraucher. Entscheidend ist dabei die Preislogik im digitalen Handel: Online-Anbieter können Sortimente schneller aussteuern, Werbeaktionen datenbasiert automatisieren und Preise häufig kurzfristig an Nachfrage-Signale anpassen. Für stationäre Filialen bedeutet das, dass die Kunden „Preisanker“ aus dem Netz mit in den Laden nehmen. In einem Interviewkontext sagte Gries zudem sinngemäß, dass viele Kunden stark auf Preise schauen – ein Hinweis darauf, dass die Zahlungsbereitschaft nicht mehr nur über Qualität, sondern über den Abgleich mit Online-Angeboten entschieden wird.
Der Wettbewerb läuft parallel auf mehreren Ebenen. Depot steht nicht allein: Aus der Branche wird berichtet, dass auch andere Non-Food-Händler unter Druck gerieten, etwa der Non-Food-Discounter Mäc Geiz sowie die Baumarktkette Hellweg. Gleichzeitig gilt Amazon als Plattform- und Marktplatzreferenz, weil dort sowohl Reichweite als auch Preiswettbewerb strukturell hoch sind – auch wenn Depot selbst andere Kundenerwartungen bedient. Ein weiteres Signal liefert das Ifo-Institut: Berichten zufolge fürchtet inzwischen jeder sechste Händler in Deutschland um die Existenz; im April lag der Anteil existenzbedrohter Einschätzungen bei 17,4 Prozent, ein Rekordwert. In diesem Umfeld wirken Insolvenzverfahren wie eine beschleunigte Bereinigung von Geschäftsmodellen, die online nicht mehr mithalten können.
Die Marktfolgen gehen über einzelne Standorte hinaus. Depot erwartet, dass etwa 330 Beschäftigte ihren Job verlieren, weitere Stellen sind laut Gries in der Zentrale betroffen. Dazu kommen indirekte Effekte: Für Vermieter bedeutet jeder Leerstand nicht nur ausbleibende Miete, sondern auch Aufwand für Neuvermietung und Umbau. Genau hier werden die in der Meldung angedeuteten Verhandlungen mit Vermietern relevant – einige Standorte seien nach dem Räumungsverkauf bereits geschlossen, andere könnten folgen, weil die Entscheidungskaskade oft an Vertragsdetails hängt. Branchenexperten verweisen in solchen Fällen zudem darauf, dass Fixkostenstrukturen im Non-Food-Bereich besonders schwer zu „reparieren“ sind, sobald die Laufkundschaft dauerhaft einbricht.
Historisch ist die Entwicklung nicht neu, aber sie verschärft sich. Schon während und nach der Corona-Pandemie kämpften Filialisten mit veränderten Einkaufsgewohnheiten; viele reagierten zunächst mit Sortimentsanpassungen, Aktionen und längeren Öffnungszeiten für den Abverkauf. Als Onlinehandel und Plattformlogiken ab 2022/2023 weiter an Dynamik gewannen, wurden die Abstände zwischen stationären Kostenstrukturen und digitalen Skaleneffekten größer. Depot meldete bereits 2024 Insolvenz in Eigenverwaltung an, woraufhin das Filialnetz erneut schrumpfte. Dass es nun die nächste Runde gibt, zeigt: Selbst ein bereits reduziertes Netz kann unter anhaltend schwacher Konsumstimmung nicht automatisch „stabil“ werden, wenn Preis- und Lieferversprechen aus dem Netz überhandnehmen.
Für die Zukunft zeichnet sich ein klarer Trend ab: Unternehmen im stationären Handel werden stärker als bisher entscheiden müssen, welche Rollen sie in einer Omnichannel-Welt übernehmen. Das kann von „Click-and-Collect“ bis zu lokaler Abverkaufslogistik reichen, aber auch zu konsequenten Filialpriorisierungen anhand von Nachfrageprofilen. Gleichzeitig bleibt das Thema Regulierung und Datenschutz nicht abstrakt: Je mehr Preissignale, Kundenverhalten und Retourenströme datengetrieben gesteuert werden, desto stärker rücken Anforderungen an IT-Sicherheit und datenschutzkonforme Verarbeitung in den Fokus. Der Fall Depot ist damit nicht nur eine Schließungsnachricht, sondern ein Stresstest für die gesamte Retail-IT: Wer Kundendaten, Preissteuerung und Bestandsplanung nicht robust integriert, riskiert bei Marktstress schnell die nächste Insolvenzrunde.
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