BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ab 1. Juli 2026 können Ärztinnen und Ärzte die Verlaufskontrolle der DiGA „Axia“ über zwei neue EBM-Ziffern abrechnen. Damit wird die ärztliche Begleitung digitaler Therapien finanziell besser abgebildet. Gleichzeitig bleibt die ePA-Vergütung vorerst bestehen, während technische Voraussetzungen für den Zugriff per App verschärft werden. Der Schritt stärkt die Professionalisierung des DiGA-Markts und verändert die Planung in Praxen sowie in den Abrechnungsprozessen.

Ab dem 1. Juli 2026 rückt eine Detailänderung im Abrechnungssystem in den Fokus: Ärztinnen und Ärzte dürfen die „Verlaufskontrolle“ der DiGA Axia mit zwei neuen EBM-Ziffern vergüten lassen. Damit wird ein bislang nicht vollständig abgedeckter Teil der digitalen Versorgung adressiert: die regelhafte ärztliche Begleitung, nicht nur die initiale Verordnung oder die Dokumentation. Zugleich bleibt die ePA-bezogene Vergütung über die EBM-Ziffer 01648 für die Erstbefüllung vorerst erhalten. Branchenbeobachter erwarten, dass diese Kombination die Akzeptanz digitaler Therapien in der Routine erhöht, weil Aufwand und Nutzen stärker zueinanderpassen.
Technisch und organisatorisch bedeutet die Erweiterung vor allem eines: Praxen müssen ihre Abrechnungslogik anpassen, damit Verlaufskontrollen wirklich als eigener Leistungsbaustein abgebildet werden können. Die DiGA-„Axia“-Kontrolle knüpft dabei an den Kernworkflow digitaler Therapie an: App-Daten und Therapieereignisse werden so aufbereitet, dass eine klinisch sinnvolle Sicht auf Fortschritt und nächste Schritte entsteht. Im Hintergrund bleibt die elektronische Patientenakte (ePA) als Infrastruktur relevant. Das zeigt sich auch daran, dass der ePA-Zugriff per App an aktuelle Betriebssystemstände gekoppelt ist.
Für den Praxisalltag wird es konkreter, wenn Versicherte ihre Endgeräte aktualisieren müssen: Ab Juli sind für den ePA-Zugriff über die App laut den Angaben Android 14 oder iOS 18 Pflicht. Hintergrund ist die Umstellung auf neue Verschlüsselungsstandards (ECC). Damit verschiebt sich die Grenze zwischen „Medizin-App“ und „IT-Betriebsrealität“ stärker in Richtung der IT-Sicherheitsarchitektur: Wer DiGA-Leistungen abrechnen will, braucht nicht nur die medizinische Indikation, sondern auch einen reibungslos funktionierenden Datenpfad bis in die ePA. Im Vergleich zu einem reinen On-Device-Ansatz (ohne ePA-Schiene) steigt hier der Integrations- und Supportaufwand, weil Änderungen im Sicherheitsstack regelmäßig Nutzer- und Systemupdates erzwingen.
Der Markt reagiert auf solche Stellschrauben typischerweise mit mehr Selektivität. Bis zum Frühjahr 2026 sollen 59 Gesundheits-Apps im offiziellen Verzeichnis gelistet gewesen sein; das Marktvolumen wird auf rund 400 Millionen Euro bei etwa 1,9 Millionen Verordnungen beziffert. Die Schwerpunkte liegen bei psychischen Erkrankungen, Stoffwechselstörungen sowie Muskel- und Skelett-Beschwerden. Im Wettbewerb treffen Axia und andere DiGAs auf unterschiedliche Strategien: Während Plattformen wie Kaia Health oder Ada-Ansätze oft stark auf standardisierte Therapiepfade setzen, profitieren Anbieter mit eng verzahnten Praxis- und Abrechnungsprozessen überproportional, sobald neue EBM-Leistungen eingeführt werden. Experten berichten zudem, dass digitale Anwendungen bei Depressionen häufig genutzt werden, um Wartezeiten zu überbrücken, und als Ergänzung zur laufenden Therapie wirken—vor allem bei leichten Symptomen.
Aus Expertensicht ist die neue Vergütung für Verlaufskontrollen ein Signal, aber auch ein Test. Laut einer im Juni 2026 veröffentlichten Auswertung nutzen Fachkräfte digitale Anwendungen zwar häufig als Lückenfüller, dennoch bleiben Hürden bestehen: Viele Ärztinnen und Ärzte kennen die konkreten Einsatzmöglichkeiten nicht ausreichend oder haben Vorbehalte gegenüber der Wirksamkeit und der organisatorischen Einbettung. Genau hier setzt die EBM-Logik an: Wenn der Aufwand für Verlauf und ärztliche Steuerung monetär und administrativ klarer eingeordnet wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass DiGAs nicht nur „zwischen Terminen“, sondern strukturierter in Therapiepläne eingebunden werden. Für die Branche ist das auch eine Wegmarke der bisherigen Entwicklung: DiGAs wurden zunächst vor allem über Verordnung und Dokumentationsaspekte sichtbar, während sich der Versorgungsumfang Schritt für Schritt in Richtung kontinuierlicher Betreuung verschiebt.
Parallel zur DiGA-Abrechnung verschiebt sich auch die Telemedizin in Richtung breiterer Versorgungskanäle. So startet die assistierte Telemedizin in Apotheken: Patientinnen und Patienten können dort per Videosprechstunde teilnehmen, unterstützt durch pharmazeutisches Personal. Auch dafür sollen eigene Honorarregelungen gelten. Das ist für Krankenhäuser und Praxen relevant, weil sich Patientenzugänge diversifizieren: Wo früher primär eine Arztpraxis den Takt vorgab, kommen nun „Intermediäre“ hinzu, die Termine vorbereiten, technische Hürden senken und den Datenfluss erleichtern können. Im Vergleich zu rein digitalen Heimlösungen kann das die Einstiegshürde senken, allerdings steigen die Anforderungen an Prozessintegration, Datenschutzkonzepte und Schulung der Beteiligten.
Regulatorisch betrachtet liegt der Schwerpunkt weiterhin auf Verfügbarkeit, Sicherheit und Nachvollziehbarkeit. Sobald ein Leistungsprozess wie die Verlaufskontrolle stärker vergütet wird, steigt das Interesse an belastbaren Dokumentationsketten, Logging-Mechanismen und Zugriffskontrollen. Die ePA-Verschlüsselungsumstellung auf ECC illustriert, dass die Sicherheitsgrundlage kontinuierlich nachgezogen wird. Für Unternehmen, die DiGA-Software betreiben oder an Praxisworkflows anbinden, bedeutet das: Architekturentscheidungen müssen Updates in OS- und Verschlüsselungsebene antizipieren, damit keine „Leistungsunterbrechungen“ entstehen, wenn Patientinnen und Patienten Endgeräte nicht rechtzeitig aktualisieren. Gleichzeitig sollten Anbieter die UX so gestalten, dass technische Anforderungen (z. B. Betriebssystemstände) im Versorgungsprozess transparent bleiben—ohne die Behandlung selbst zu verlangsamen.
In den kommenden Quartalen dürfte sich daher vor allem ein Muster durchsetzen: digitale Therapie wird weniger als Zusatzleistung behandelt und mehr als wiederholbares Versorgungselement mit klar definierten Abrechnungsstationen. Die neuen EBM-Ziffern für Axia ab Juli 2026 schaffen dafür einen zusätzlichen Anker, während die ePA-Voraussetzungen die Systemlandschaft nachziehen. Für Entwickler eröffnen sich Chancen, weil mehr Zeit für Stabilität, Interoperabilität und Sicherheitsupdates investiert wird—und weil Schnittstellen in Richtung ePA und Telemedizin zuverlässiger werden müssen. Politische Kürzungen seien derzeit nicht absehbar, doch der Markt sollte darauf vorbereitet sein, dass weitere Anpassungen folgen. Wer diese Veränderungen früh in Abrechnung, Schulung und IT-Support übersetzt, gewinnt einen praktischen Vorsprung, bevor der Wettbewerb die gleiche Professionalität einholt.
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