HOUSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Längere Missionen zum Mond und darüber hinaus verschieben den Schwerpunkt von reinen Fertigpaketen hin zu frischem, vor Ort angebautem Essen. Forschende untersuchen dafür nicht nur Nährwerte, sondern auch, wie Mikrogravitation Geschmack, Verdauung und die kognitive Leistungsfähigkeit beeinflusst. Projekte auf der Internationalen Raumstation testen unter anderem Joghurtproduktion, Pilzzucht und Mikrogreens. Der Knackpunkt bleibt: Ernährung muss auf der Mission zugleich funktional, nachhaltig und kulturell „menschlich“ bleiben.

Weltraum-Ernährung auf dem Weg von Fertigpaketen zu frischem Anbau
Weltraum-Ernährung auf dem Weg von Fertigpaketen zu frischem Anbau (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Startschuss für eine neue Ära bemannter Raumfahrt fällt mit Blick auf Artemis II nicht nur technisch, sondern auch emotional: Die Frage, was Menschen im All wirklich essen, rückt wieder in den Mittelpunkt. Spätestens wenn Missionen Wochen oder Monate dauern, wird Essen zur systemkritischen Komponente – nicht nur im Sinne der Kalorien, sondern mit Auswirkungen auf Gehirnleistung, Verdauung, Identität und sogar auf die Motivation in engen Crew-Routinen. Die Diskussion ist damit deutlich breiter als früher: In den Anfängen galt „Verpflegung“ vor allem als Engineering-Problem für Masse, Lagerung und Handhabung.

Historisch war das Bild entsprechend schlicht: Astronauten kamen mit pürierten Mahlzeiten aus Aluminiumröhren oder mit gefriergetrockneten Würfeln zurecht. Erst Skylab brachte 1973 in der Low-Earth-Orbit-Phase eine wirklich nutzbare „Space Galley“, also eine Küche, die Kochen und Zubereitung im Alltag der Mission überhaupt praktikabel machte. Bis heute bleibt die Versorgung jedoch stark von Fertigprodukten geprägt, weil sie im Vergleich zu frischem Anbau klare Vorteile bei Transport und Haltbarkeit bietet. Dass dabei ein „Geschmacksthema“ auftaucht, zeigt der bekannte Zwischenfall aus dem Jahr 1965: Der Versuch, ein Sandwich in die Kapsel zu schmuggeln, endete mit Krümeln, die potenziell gefährliche Auswirkungen auf Technik haben konnten.

Auf der Internationalen Raumstation gibt es aktuell zwar eine breite Auswahl: Berichten zufolge umfasst das Menü mehr als 200 Mahlzeiten und Getränke. Doch selbst diese Vielfalt schrumpft in der Praxis auf 8 bis 10 Optionen pro Mission – ein Umstand, der nach Monaten schnell zu Essmüdigkeit („food fatigue“) führt. Genau hier setzen aktuelle Forschungsrichtungen an: Statt nur nachzudenken, ob Astronauten überhaupt essen können, fragen Teams heute stärker, wie das Raumumfeld Geschmack und Verträglichkeit verändert. Zentral ist außerdem die Frage, ob Nährstoffprofile gezielt Leistung und Kognition stützen können – und ob sich zugleich neue Anbausysteme etablieren lassen, die Nachhaltigkeit auf langen Strecken mittragen.

Ein praktischer Hebel sind „Ready-to-eat“-Ansätze, die frische Komponenten an Bord bringen. Auf der ISS werden dafür inzwischen mehrere Wege parallel getestet, darunter die Joghurtproduktion, der kontrollierte Anbau von Pilzen und das Wachstum von Mikrogreens. Mikrogreens sind junge, zarte Sämlinge essbarer Gemüsesorten oder Kräuter – klein im Volumen, aber relevant für frische Textur und Mikronährstoffe. Technisch wird das im All jedoch schnell komplex: Mikrogravitation, begrenzte Ressourcen, Stress für biologische Systeme und die eingeschränkte Fläche erhöhen den Aufwand erheblich. Um daraus eine belastbare Lösung zu machen, müssen Prozesse stabil laufen, Erntezyklen planbar werden und Qualitätsparameter auch unter Strahlungs- und Gravitationsbedingungen reproduzierbar bleiben.

Neben Nährwerten rückt dabei die Gesundheit des Darms („Gut Health“) stärker in den Fokus. Bei langen Flügen kann die Kombination aus veränderter Essenszusammensetzung, reduzierter Bewegungsaktivität und dem Leben in geschlossenen Kreisläufen die Mikrobiota beeinflussen. Mehr frische, lokal produzierte Bestandteile könnten hier helfen, weil sie die Grundlage für ein ernährungsphysiologisch abwechslungsreicheres Muster schaffen. Ebenso wichtig ist die kulturelle Dimension: Gemeinsames Essen und das Gefühl, auch im System „Raumstation“ Alltag zu gestalten, wirkt psychologisch stärker als viele rein technische Konzepte. Wie Psychologen und Ernährungswissenschaftler aus der Branche betonen, sind Rituale und sensorische Vielfalt oft ein entscheidender Faktor, um Stress in der Crew abzufedern.

Das zeigt sich auch an konkreten Beispielen aus dem Betrieb: Bei Besuchen und Missionen werden immer wieder Nahrungsmittel hervorgehoben, die nicht primär „funktional“ sind, sondern Freude auslösen – von traditionellen Plätzchen bis zu süßen Snacks, die in Behältern erstaunlich sichtbar werden, wenn sie bei Bewegungen kurz „schweben“. In der Praxis bedeutet das: Food auf dem Weg zum Mond muss mehrere Rollen gleichzeitig erfüllen – Stabilität im Prozess, reproduzierbare Qualität, und zugleich eine Auswahl, die den Alltag menschlich hält. Für den Blick nach vorn ist dabei entscheidend, dass eine künftige Mondbasis nicht als „großer Frachtraum“ funktioniert, sondern als Lebens- und Arbeitsumgebung mit Wochenrhythmus, in der Essen echte Verlässlichkeit und Erfahrung bieten muss.

Auch im Wettbewerb entsteht daraus ein Markt für Lösungen, die sich nicht nur auf Zutaten beschränken, sondern auf das Zusammenspiel von KI-gestützter Prozesssteuerung, Labor-ähnlicher Biologie und zuverlässigem Betrieb. Während staatliche Akteure die Grundlage für Standards und Sicherheitsanforderungen legen, investieren private Raumfahrtunternehmen und Zulieferer parallel in Betriebskonzepte für modulare Missionslogistik. Wettbewerbsbezug gibt es daher auch organisatorisch: NASA und ESA treiben unter anderem Ernährungs- und Habitabilitätsforschung voran, während Unternehmen wie SpaceX oder Blue Origin den zeitlichen Druck für belastbare Systeme erhöhen, weil sie zunehmend auf schnelle Missionsabläufe und größere Besatzungsdynamik setzen. Branchenanalysten erwarten, dass sich der Bedarf an Onboard-Produktionsmodulen für frische Komponenten in den 2020er-Jahren sichtbar beschleunigt, sobald klare Schnittstellen zwischen Transportkette, Bioprozess und Menüplanung definiert sind.

Für Unternehmen in der Zulieferkette bedeutet das: Es geht weniger um „das eine perfekte Produkt“, sondern um eine verifizierbare Pipeline vom biologischen Prozess bis zur sicheren Verwendung an Bord. Dazu zählen Hygiene- und Sicherheitskonzepte, Monitoring der Prozessparameter sowie robuste Fehlerbehandlung, falls Erntezyklen abweichen. Hinzu kommt Regulierung und Datenschutz in einem indirekten, aber realen Sinne: Sobald Systeme Daten über Konsum, Gesundheit oder Crew-Routinen erfassen, müssen sie lokal verarbeiten, Zugriffe begrenzen und nur die minimal notwendigen Informationen für medizinische Entscheidungen bereitstellen. Der Ausblick ist klar: Wenn Mondmissionen im Zeitraum der 2030er-Jahre häufiger werden, wird frische Produktion in an Bord integrierten Konzepten ein Wettbewerbsvorteil – und eine Voraussetzung dafür, dass „Überleben“ nicht das einzige Ziel menschlichen Lebens im All bleibt.


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