KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Institut der deutschen Wirtschaft warnt vor steigender Schwarzarbeit, falls der Handwerkerbonus 2027 gekürzt wird. Der Grund: Handwerkerleistungen lassen sich dann steuerlich weniger absetzen, wodurch legale Arbeit relativ teurer wirkt. Das IW rechnet mit zusätzlichen Belastungen für den legalen Markt und schätzt eine Zunahme der Schattenwirtschaft um etwa eine Milliarde Euro jährlich. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks sieht dennoch einen tragfähigen Kompromiss.

Mit der geplanten Reform der Einkommensteuer ab 1. Januar 2027 rückt eine vergleichsweise kleine Stellschraube in den Fokus, deren Wirkung in der Praxis deutlich größer ausfallen könnte: die Absetzbarkeit des Handwerkerbonus. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erwartet, dass die Kürzung die Schwarzarbeit attraktiver macht. Volkswirt Dominik Enste brachte das Argument auf den Punkt: Wenn die Kosten für legale Arbeit steigen und die steuerliche Entlastung sinkt, verlagern sich Entscheidungen im Haushalt schneller in den informellen Sektor. Damit würde nicht nur Umsatz entzogen, sondern auch der Handlungsspielraum seriöser Betriebe leiden.
Ausgangspunkt ist die geplante Verringerung der steuerlichen Förderung von Handwerkerleistungen von 20 auf 15 Prozent. Der maximale Steuerbonus fällt dadurch von 1.200 auf 900 Euro pro Jahr. Das IW koppelt diese Veränderung an eine ökonomische Rechenlogik: Sollte jeder der nach IW-Schätzung mindestens 3,3 Millionen Schwarzarbeiter in Deutschland jährlich 300 Euro statt legal verdienen, entspräche das einer zusätzlichen Belastung der Volkswirtschaft. In Sumenz rechnet das Institut mit einem Wachstum der Schattenwirtschaft um rund eine Milliarde Euro pro Jahr. Für die Bewertung ist entscheidend, dass es sich nicht um eine abstrakte Annahme handelt, sondern um eine messbare Preis- und Anreizänderung.
Technisch lässt sich die Wirkung solcher Steueranreize als Mischung aus Subventionslogik und Verhaltenssteuerung beschreiben. Im Kern wirkt der Bonus wie ein Nachfragestimulus: Haushalte erhalten einen Teil der Kosten als steuerliche Entlastung, wodurch die effektiven Eigenanteile sinken und die Kaufentscheidung häufiger auf Rechnung statt Barzahlung fällt. Fällt der Satz oder der Maximalbetrag, verändert sich die Grenzrechnung. Während legale Anbieter zudem Kosten für Sozialversicherung, Qualifikation, Gewährleistung und ordnungsgemäße Abrechnung tragen müssen, wird deren relativer Vorteil im Haushalt geringer. Genau diese Verschiebung erwartet das IW in Richtung informeller Leistungen.
Markt- und Branchenbetrachtungen zeigen allerdings, dass solche Reformpakete selten nur Gewinner oder Verlierer kennen. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) bezeichnete die Einigung dennoch als „vertretbaren Kompromiss“. ZDH-Präsident Jörg Dittrich argumentiert, dass der Handwerkerbonus weiterhin Anreize setze, legal zu beschäftigen und Schwarzarbeit zu vermeiden. Als Vergleichsfolie lohnt sich der Blick auf andere volkswirtschaftliche Einrichtungen, etwa das ifo Institut oder das DIW, die in der Vergangenheit wiederholt betont haben, dass die Schattenwirtschaft durch einzelne Maßnahmen zwar beeinflusst wird, die Elastizität aber stark davon abhängt, wie leicht legale Alternativen verfügbar sind. Die entscheidende Frage ist damit weniger „Bonus ja oder nein“, sondern wie stark die verbleibende Förderung im Verhältnis zu realen Kosten wirkt.
Historisch ist der Handwerkerbonus kein Neuzugang im deutschen Steuerinstrumentenkasten. Schon frühere Fördermechanismen zielten darauf ab, die Nachfrage nach handwerklichen Dienstleistungen zu stabilisieren und zugleich die Abwicklung auf Rechnung zu stärken. Solche Programme hatten wiederholt mit Zielkonflikten zu kämpfen: Einerseits sollen Anreize Schwarzarbeit eindämmen, andererseits müssen sie finanzierbar bleiben und dürfen keine Mitnahmeeffekte in großem Stil auslösen. In dem aktuellen Paket kommt hinzu, dass die Entlastungen insgesamt ab 2027 greifen sollen, während gleichzeitig die Absetzbarkeit der Handwerkerleistungen sinkt. Gerade diese Kombination kann die Wirkung entkoppeln: Entlastung in anderen Bereichen hilft zwar, die konkrete Rechnungsschwelle im Handwerkssegment aber könnte trotzdem steigen.
Für Unternehmen und Kommunen folgt daraus eine klare Handlungsdimension: Wer im legalen Markt tätig ist, braucht neben Transparenz bei Preisen und Leistungen vor allem eine stabile Nachfrageerwartung. Wenn das IW seine Größenordnung von rund einer Milliarde Euro zusätzlicher Schattenwirtschaft als realistisch ansieht, könnte das kurzfristig Auswirkungen auf Umsatzmargen, Steuer- und Beitragsaufkommen sowie auf den Wettbewerb führen. Aus Datenschutz- und Compliance-Sicht bleibt die Lage ebenfalls relevant, weil Informalität oft weniger dokumentiert ist und damit Nachweispflichten erschwert. Der Ausblick ist daher zweigeteilt: Der Gesetzgeber dürfte die Förderung politisch abwägen, während Betriebe über Vertragsgestaltung, klare Leistungsabgrenzung und digitale Rechnungsprozesse die Attraktivität der legalen Zahlungswege stärken müssen, um die möglichen Lücken abzufedern.
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