BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ökonomen und Gewerkschaften warnen, dass eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag den Krankenstand nicht senken könnte, sondern eher zu mehr Arztbesuchen führt. Besonders problematisch sei die mögliche Wechselwirkung mit der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung für leichtere Fälle. Gleichzeitig zeigen Krankenkassendaten, dass Telefon- oder Video-Krankschreibungen nur einen sehr kleinen Anteil ausmachen. Der Streit betrifft damit nicht nur Gesundheit, sondern auch Produktivität, Wartezeiten und den rechtssicheren Umgang mit Gesundheitsdaten.

Die geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag steht in Deutschland politisch erneut auf dem Prüfstand, weil sie nach Einschätzung von Experten den falschen Hebel ansetzt. DIW-Ökonom Daniel Graeber argumentiert, dass eine frühere Nachweispflicht für Arbeitsunfähigkeit eher zusätzliche Arztkontakte auslöst, statt Fehlzeiten strukturell zu reduzieren. Für Unternehmen und Beschäftigte bedeutet das: Die Frage ist nicht nur, wie Krankmeldungen erfasst werden, sondern ob dadurch Ansteckungsrisiken in Wartezimmern steigen und ob Beschäftigte bei leichten Infekten eher „trotzdem durchziehen“. Genau diese Logik steht im Zentrum der Kritik.
Technisch betrachtet greift die Reform an einem Prozess, der im Betrieb häufig über HR-Workflows und Schnittstellen zu Krankenkassen abgebildet wird. Mit der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) sind Datenströme zwischen Ärzten, Kassen und Arbeitgebern deutlich standardisierter geworden als in früheren, stärker papierbasierten Modellen. Gerade deshalb wirkt eine zusätzliche Hürde am ersten Tag wie eine Prozessverdichtung an einer Stelle, an der Systemeffekte oft unterschätzt werden. Wenn Wartezeiten in der ambulanten Versorgung steigen, verlagert sich der Engpass in die Zeitachse: Termine müssen kurzfristig erfolgen, statt Ausfallzeiten in Ruhe zu dokumentieren.
Ein weiterer Punkt ist die Evidenzlage: Laut Auswertungen der Krankenkasse Barmer macht der Anteil der telefonischen oder video-basierten Krankschreibungen lediglich rund 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aus. Daraus folgt für Graeber, dass selbst eine Abschaffung dieses Instruments den Krankenstand vermutlich nicht in der Größenordnung beeinflusst, die politisch oft impliziert wird. Der historische Kontext ist wichtig: Telefonische Krankschreibungen wurden Ende 2023 als pragmatische Lösung erweitert, unter anderem um Kapazitäten zu entlasten. Wenn die Wirkung dieser Maßnahme im Datenbild gering ist, müssen andere Ursachen stärker untersucht werden.
Diese Ursachen sieht Graeber und auch der DGB stärker in langfristigen Erkrankungen und in Infektionswellen. Für 2024 wird betont, dass Langzeiterkrankungen, also Arbeitsunfähigkeiten von mehr als sechs Wochen, etwa 40 Prozent aller Fehltage verursachten, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Krankmeldungen ausmachen. Besonders häufig geht es um Muskel-Skelett- und psychische Erkrankungen. In der Praxis heißt das: Unternehmen stehen weniger vor dem Problem „zu viele kurze Ausfälle“, sondern vor dem „zu lange dauernde Genesung“. Deshalb verschiebt eine Attestpflicht die Diskussion leicht weg von Prävention, Therapiezugang und ergonomischer/psychosozialer Unterstützung.
Der Markt- und Systemvergleich macht das Dilemma greifbarer: In Ländern, die ähnliche Nachweispflichten erproben oder restriktiv umsetzen, zeigt sich häufig, dass der Effekt auf Fehlzeiten ohne flankierende Maßnahmen begrenzt bleibt, während Bürokratie- und Kapazitätskosten steigen. Selbst wenn das Ziel „Missbrauch vermeiden“ lautet, kann die Rückkopplung über Arzttermine und Wartezeiten die gewünschte Steuerungswirkung umdrehen. Betriebswirtschaftlich relevant ist zudem die Planbarkeit: Personalausfälle lassen sich besser managen, wenn Unternehmen frühzeitig über belastbare Muster verfügen. Wenn der erste Krankheitstag zu einem Engpass wird, kann das Controlling zwar formal sauberer werden, aber operativ teurer.
Gleichzeitig liefert die öffentliche Debatte Hinweise darauf, dass Akzeptanz ein unterschätzter Faktor ist. In einer YouGov-Umfrage sprechen sich 59 Prozent der Befragten gegen die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag aus, nur 31 Prozent sind dafür. Auch gegen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung für leichte Erkrankungen richten sich 58 Prozent. Gewerkschaftsseitig ergänzt Anja Piel (DGB-Vorstandsmitglied) die Argumentation: Eine frühe Attestpflicht könne den sogenannten Präsentismus fördern, also das Erscheinen trotz Krankheit. Das wiederum würde Produktivität mindern und das Risiko chronischerverläufe erhöhen. In der Summe entsteht ein Szenario, in dem Mehrbelastung entsteht, ohne den Kern der Fehlzeiten wirksam zu adressieren.
Aus Regulierung- und Datenschutzsicht ist der Umbau ebenfalls sensibel. Gesundheitsdaten sind besonders geschützte personenbezogene Informationen; die eAU und ihre Verarbeitung im Unternehmen erfordern rechtssichere Prozesse nach DSGVO und nationalen Datenschutzvorgaben. Jede zusätzliche Melde-/Nachweispflicht erhöht die Anzahl der Übertragungspunkte und damit die Anforderungen an Berechtigungsmodelle, Logging und Datenminimierung. Unternehmen sollten deshalb nicht nur die politische Wirksamkeit prüfen, sondern auch, ob HR- und IT-Teams ihre Rollen- und Freigabekonzepte für Krankheitsdaten aktualisieren können. Sonst wird aus einer gesundheitspolitischen Debatte schnell ein Compliance-Risiko.
Für die Zukunft zeichnet sich ein klarer Handlungsrahmen ab: Wenn Politik die Fehlzeiten wirklich senken will, braucht sie Maßnahmen, die an den Treibern langfristiger Erkrankungen ansetzen. Das kann, je nach Unternehmensgröße und Branche, über bessere Präventionsprogramme, schnelleren Zugang zu psychotherapeutischer Unterstützung oder betriebliche Gesundheitsförderung mit messbaren Erfolgskennzahlen erfolgen. Gleichzeitig sollte die ambulante Versorgung so entlastet werden, dass der Nachweis nicht zur zusätzlichen Belastung wird. Merz betont zwar die Notwendigkeit der Verschärfungen, doch Experten wie Graeber und Gewerkschaftler zeigen, dass der Nutzen unklar bleibt. Die entscheidende Frage wird sein, ob sich die Reform als steuernd erweist – oder ob sie Wartezeiten und Fehlzeiten indirekt verstärkt.
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