LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte Umfrage zeigt, dass zwar eine klare Mehrheit der US-Bevölkerung demokratische Werte priorisiert, aber dennoch rund 40 Millionen Erwachsene starke Anführer gegenüber der Demokratie bevorzugen. Die Studie erfasst außerdem, wie viele Befragte den Einsatz von Militär oder privaten Milizen im Inneren befürworten und wie selten eine persönliche Gewaltausübung tatsächlich ist. Besonders auffällig: Junge Erwachsene und bestimmte politische Lager zeigen deutlich größere Affinitäten zu autoritären Aussagen. Die Ergebnisse werfen damit nicht nur Fragen nach öffentlicher Haltung auf, sondern auch nach Präventions- und Sicherheitsstrategien für die kommenden Jahre.

Über die Gesundheit der US-Demokratie wird seit Jahren intensiv gestritten – und doch liefert eine neue Studie jetzt belastbare Zahlen zu einer Frage, die oft eher gefühlt als gemessen wird: Wie viele Menschen halten autoritäre Prinzipien für akzeptabel, selbst wenn sie demokratische Werte grundsätzlich anerkennen? Die Arbeit wurde in Injury Epidemiology veröffentlicht. Sie kombiniert die Perspektive der Gewaltprävention mit Politikwissenschaft und kommt zu dem Schluss, dass neben großer Unterstützung für Demokratie ein signifikanter Minderheitenblock Offenheit für „starke Führung“ und staatliche Gewalt zeigt – ein Klima, das demokratisches Zurückrutschen erleichtern könnte.
Die Studie ordnet „Autoritarismus“ als politische Ordnung ein, in der Macht stärker bei einer Führungsperson konzentriert ist, Gehorsam gegenüber Autoritäten eingefordert wird und demokratische Freiheiten begrenzt werden. Für die Einordnung ist wichtig: Das Forschungsteam betrachtet nicht primär das Verhalten, sondern die Einstellungen – also das mentale „Wenn-dann“-Verhältnis der Befragten zu Zwang, Gewalt und institutionellen Eingriffen. Genau hier liegt ein technischer und methodischer Schwerpunkt: Einstellungen werden als Frühindikatoren verstanden. Damit nähert sich das Design dem, was in der Sicherheits- und Präventionspraxis häufig gesucht wird – Signale, die vor realer Eskalation sichtbar werden können, etwa durch veränderte Akzeptanz von Eingriffen in Parlamente oder durch Zustimmung zu Gewaltanwendung.
Methodisch basiert die Untersuchung auf einer national repräsentativen Online-Befragung von 8.248 Erwachsenen, die zwischen Mai und Juni 2025 durchgeführt wurde. Auftraggeber und Feldarbeit stammen von einem etablierten Umfrageinstitut; die Plattformierung der Fragen im Web ist dabei nicht nur organisatorisch relevant, sondern beeinflusst auch die Datengüte: Wer online antwortet, bildet in der Regel nicht exakt jede Bevölkerungsgruppe gleich ab, weshalb Gewichtungen und Kontrollen zentral sind. Die Teilnehmenden wurden nach politischer Zugehörigkeit und Haltung zu demokratischen Institutionen gefragt und sollten außerdem einschätzen, ob die Bundesregierung Gewalt gegen Zivilpersonen einsetzen dürfe. Zusätzlich wurde sehr direkt nach der persönlichen Bereitschaft gefragt, körperliche Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele einzusetzen – sowohl im Sinne der Regierung als auch als Widerstand.
Um die autoritären Tendenzen zu operationalisieren, enthielt der Fragebogen Aussagen, wonach „eine starke Führung für Amerika“ wichtiger sei als „Demokratie“. Ergänzend kam eine zweite, bewusst prinzipienfokussierte Formulierung hinzu: Ob das Land das Parlament für einige Jahre aussetzen sollte, damit eine starke Führung das „Chaos“ beseitigen könne, das angeblich von Politikern in Washington verursacht werde. Die Fragen umgingen bewusst die Nennung aktueller Politiker, um nicht einzelne Personen, sondern grundlegende Legitimitätsmuster zu messen. Beim Thema Gewalt wurde abgefragt, ob militärische Kräfte oder private bewaffnete Milizen im Inland zur Durchsetzung politischer Vorgaben eingesetzt werden sollten, und ob Gegner des Regierungskurses – einschließlich Demonstrierender oder kritischer Journalistinnen und Journalisten – verhaftet werden müssten. In der Studie wurde Gewalt als körperliche Einwirkung definiert, die Schmerz oder Verletzungen verursachen kann.
Die Ergebnisse sind in ihrer Abstufung besonders aufschlussreich. Eine überwältigende Mehrheit – 88 Prozent – bewertet es als „sehr“ oder „äußerst wichtig“, dass die USA eine Demokratie bleiben. 61 Prozent sehen eine ernste Bedrohung für die Demokratie als akut an. Auch in der allgemeinen Zustimmung zeigt sich also ein stabiles demokratisches Grundnarrativ. Gleichzeitig offenbart die Untersuchung eine nicht triviale Gegenströmung: 15 Prozent stimmen stark oder sehr stark der Aussage zu, dass eine starke Führung wichtiger sei als die Demokratie. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung schätzen die Forschenden, dass nahezu 40 Millionen Erwachsene diese Priorisierung teilen. Weitere 12 Prozent unterstützen die Idee, das Parlament zugunsten einer nicht kontrollierten Exekutive auszusetzen.
Beim Thema staatlich gelenkter Zwang weichen die Zustimmungsraten je nach Gewaltform deutlich voneinander ab. Etwa ein Zehntel befürwortet die Nutzung des Militärs, um innenpolitische Maßnahmen durchzusetzen. Etwas mehr als 4 Prozent stimmten stark zu, dass private bewaffnete Milizen für denselben Zweck eingesetzt werden sollten. Bei Verhaftungen kritischer Stimmen – darunter Alltagsbürgerinnen und -bürger sowie Journalistinnen und Journalisten, die gegen die Regierung sprechen, demonstrieren oder kritische Berichte veröffentlichen – liegen Zustimmung und Ableitung zwischen 5 und 7 Prozent. Bemerkenswert ist der Abstand zwischen politischer Zustimmung zu „Zwang“ und echter persönlicher Eskalationsbereitschaft: Nur etwa 2 Prozent erklären, sie wären sehr oder vollständig bereit, selbst körperliche Gewalt anzuwenden, um die Bundespolitik zu unterstützen oder ihr entgegenzutreten; ebenfalls rund 2 Prozent würden Gewalt gegen „Jedermensch“ oder Journalistinnen und Journalisten befürworten.
Diese Diskrepanz lässt sich auch in politischen Subgruppen wiederfinden. Wie bereits aus anderen groß angelegten Umfragen bekannt ist, differieren Einstellungen stark nach Alter und politischer Identität; als Referenzrahmen kann man etwa Arbeiten solcher Institute wie Pew Research Center heranziehen, die regelmäßig Haltungen zu Demokratie, Institutionenvertrauen und politischer Legitimität erfassen. In der vorliegenden Studie zeigen Befragte unter 25 Jahren im Schnitt weniger Begeisterung für demokratische Regierungsformen als ältere Kohorten. Gleichzeitig sind sie eher bereit, autoritären Aussagen zuzustimmen – und sie zeigen auch häufiger eine persönliche Bereitschaft zu politischer Gewalt. Besonders ausgeprägt ist die Differenz nach Lagerzugehörigkeit: Befragte, die sich als MAGA-Republikaner einstufen, berichten geringere Werte für demokratische Institutionen und höhere Werte für autoritäre Konzepte. So priorisieren 32 Prozent in dieser Gruppe „starke Führung“ über Demokratie, während es unter „starken Demokraten“ etwa 7 Prozent sind.
Interessant ist außerdem, dass die höhere Zustimmung zu staatlicher Gewalt nicht automatisch in eine höhere persönliche Gewaltausübungsneigung übergeht. MAGA-Republikaner befürworten demnach häufiger den Einsatz von Militär und privaten Milizen, aber sie sind nicht generell „gewaltgeneigter“ als starke Demokraten, wenn es um die eigene Bereitschaft zur körperlichen Auseinandersetzung geht. Das eigentliche Risiko-Signal entsteht eher in einer kleineren Subgruppe: Personen, die sich als MAGA-Anhänger identifizieren, aber nicht als Republikaner, melden überraschend höhere persönliche Gewaltbereitschaft. Etwa 15 bis 17 Prozent dieser spezifischen Gruppe geben an, bereit zu sein, Gewalt sowohl zur Unterstützung als auch zur Opposition staatlicher Maßnahmen einzusetzen. Für Sicherheits- und Präventionsstrategien ist das relevant, weil solche Nischenprofile in der öffentlichen Debatte oft untergehen.
Die Studie macht zugleich Grenzen transparent. Da es sich um Querschnittsdaten handelt, bildet die Untersuchung nur einen Zeitpunkt ab. Genau das ist in sensiblen Themenfeldern entscheidend: Online-Umfragen können unter Social-Desirability-Bias leiden, also dem Druck, „extreme“ Ansichten oder gewaltnahen Absichten nicht zuzugeben. Die Autorinnen und Autoren leiten daraus ab, dass die tatsächliche Bereitschaft zu politischer Gewalt möglicherweise höher liegen könnte als berichtet. Hinzu kommt ein weiterer methodischer Punkt: Aufgrund der Konstruktion der wiederkehrenden Stichprobe wurden in der 2025-Auswertung keine Erwachsenen zwischen 18 und 20 Jahren berücksichtigt. Für die Praxis heißt das: Wer demokratische Resilienz erhöhen will, muss die aktuellsten Kohorten gezielt beobachten und nicht allein auf ältere Altersfenster vertrauen.
Aus industrie- und gesellschaftsnaher Perspektive lassen sich dennoch unmittelbare Implikationen ableiten – nicht zuletzt, weil Prävention zunehmend datengetrieben geplant wird. Wenn Einstellungsdaten als Frühindikatoren dienen sollen, braucht es belastbare Monitoring-Mechanismen, die Datenschutz und Sicherheitsanforderungen zusammenbringen. Bei Umfragen betrifft das vor allem Anonymisierung, Zweckbindung und robuste Verfahren gegen Re-Identifikation. Auch der technische Betrieb solcher Erhebungen erfordert Sorgfalt: Frageformulierung, Antwortskalen und Gewichtungslogik beeinflussen stark, wie Zustimmungsraten interpretiert werden. Für die Zukunft planen die Forschenden, ideologische Trends über Zeit hinweg zu beobachten; in einer Welt, in der Polarisierung, Protestdynamiken und staatliche Einsatzformen sich gegenseitig verstärken können, wird dieses „Longitudinal Monitoring“ ein wichtiger Bestandteil der Sicherheitsplanung bleiben.
Der historische Hintergrund macht klar, warum das so dringlich ist: In vielen Ländern gab es wiederholt Phasen, in denen demokratische Institutionen schrittweise entwertet wurden, ohne dass sich dies im Alltag sofort als „Bruch“ anfühlt. Die vorliegende Studie zeigt dafür eine quantitative Vorstufe: Millionen Menschen akzeptieren bereits heute die Idee starker Führung als Ersatz für demokratische Kontrolle. Gleichzeitig bleibt die persönliche Gewaltbereitschaft gering – was ein Handlungsspielraumsignal ist. In der kommenden Phase entscheidet sich daher weniger daran, ob „Demokraten“ existieren, sondern ob politische Bildung, zivilgesellschaftliche Sicherheitsarbeit und glaubwürdige institutionelle Stabilität jene Minderheit erreichen, bevor aus Zustimmung eine Eskalation wird.
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