NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Die SpaceX-Aktie testet ein 52-Wochen-Tief bei 120,20 Euro und bleibt damit trotz RSI 41,0 deutlich unter Druck. Im Markt dominieren zwei Fragen: Reicht der Weg Richtung Starship-Testflug 13, um die operative Dynamik zu stützen, oder wird die Bewertung weiter korrigiert? Gleichzeitig wächst das Interesse an der KI-Infrastruktur am Boden – während Analysten die „orbitale Rechenzentrums“-Vision unterschiedlich stark einkalkulieren. Dazu kommen Belastungen aus Übernahmen, Verlusten und der Renditespanne bei SpaceX-Anleihen.

Die SpaceX-Aktie steht nach einem erneuten Abverkauf am Tiefpunkt ihrer jüngsten Kursgeschichte. Bei 121,46 Euro liegt das Papier nur noch 1,05 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 120,20 Euro, das am 13. Juli 2026 markiert wurde. Der Verlauf wirkt dabei weniger „ruhig“ als vielmehr stochastisch: Auf Wochenbasis ergibt sich ein Minus von 7,27 Prozent, auf Monatssicht sogar 26,85 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 194,46 Euro (16. Juni 2026) sind es inzwischen 37,54 Prozent Abwärtsstrecke. Der RSI von 41,0 deutet nicht auf eine überverkaufte Lage hin, aber die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 97,60 Prozent spricht für nervöse Preisbildung.
Technisch und börsentaktisch fällt dabei weniger der „Level“ ins Auge als die Geschwindigkeit der Bewegung. In den USA verlor die an der Nasdaq gehandelte Aktie am Freitag 4,51 Prozent und am Montag weitere 4,24 Prozent; der Kurs schloss bei 139,14 US-Dollar – knapp über dem IPO-Preis von 135 US-Dollar (12. Juni). Intraday rutschte der Wert sogar auf 136,78 US-Dollar. Damit hat der Markt seit dem Rekordhoch von 225,64 Dollar rechnerisch rund 39 Prozent eingebüßt. In der Folge wird von einem ausgelöschten Marktwert in der Größenordnung von etwa 800 Milliarden bis 1,2 Billionen Dollar berichtet. Solche Spannen sind typisch, wenn Bewertungsmodelle stärker schwanken als der operative Takt.
Spannend wird die Lage erst in der Bewertungsebene: Analysten kommen zu weit auseinanderliegenden fairen Werten. Auf der bullischen Seite steht etwa BofA mit Ron Epstein, Kaufvotum und einem Kursziel von 235 Dollar. Die Argumentation dreht sich um Skalierungseffekte bei der Transporteffizienz: Während Falcon 9 laut Darstellung etwa 2.000 Dollar pro Kilogramm kosten soll, werden bei Starship künftig 50 bis 100 Dollar in Aussicht gestellt. Goldman Sachs setzt das Ziel auf 205 Dollar, Morgan Stanley auf 300 Dollar – allerdings mit einem Bull-Case von 600 und einem Bear-Case von 75 Dollar. Solche Extremwerte spiegeln nicht nur Optimismus wider, sondern auch das Optionscharakter-Profil von Raumfahrt und KI-Infrastruktur.
Auf der anderen Seite wird Skepsis deutlich. MoffettNathanson vergibt als bislang einziges der 19 abdeckenden Häuser kein Kaufvotum, sondern ein Halten-Rating mit dem niedrigsten Kursziel von 131 Dollar. Die Begründung knüpft an regulatorische Risiken, ein aus ihrer Sicht überzogenes adressierbares Marktvolumen und die Einschätzung, dass die orbitale Rechenzentrums-Vision kurzfristig nicht realisierbar sei. Morningstar sieht den fairen Wert sogar nur bei 63 Dollar. Der Konsens zielt zwar auf rund 239 Dollar, bleibt aber moderater Kaufempfehlung. Entscheidend ist: Der Kapitalmarkt preist nicht nur heutige Cashflows, sondern auch den Zeitplan künftiger Infrastrukturreife.
Operativ liefert der nächste Meilenstein den wahrscheinlichsten Katalysator – und zugleich eine Risikoquelle. Kurzfristig richtet sich der Blick auf Starship Flight 13, für den die FAA grünes Licht gegeben hat. Der Start soll am 16. Juli 2026 gegen 18:45 Uhr Ostküstenzeit von Starbase aus erfolgen. Vorausgegangen ist die Beendigung einer FAA-Untersuchung zu einem Booster-Fehler von Flug 12: Als Ursachen wurden Hitzeeffekte auf Antriebskomponenten sowie fehlerhaft eingestellte Triebwerksalarme identifiziert; außerdem wurden vier Korrekturmaßnahmen umgesetzt. Flug 13 soll erstmals 20 funktionsfähige Starlink-V3-Satelliten aussetzen und wird damit als Schlüsseltest für den Übergang zu routinemäßigen Starts gehandelt.
Parallel verstärkt der Wettbewerb aus China die Technologie-Dynamik. Berichten zufolge gelang es CASC (China Aerospace Science and Technology Corporation), eine wiederverwendbare Rakete des Typs Long March 10B sowohl zu starten als auch zu landen. Technologisch wird darin ein Nachrücken gegenüber SpaceX gesehen – ein Punkt, der in Analystenmodellen häufig als Timing-Risiko auf die Kosten- und Leistungsannahmen wirkt. Genau hier wird der Vergleich zwischen Boden- und Orbit-Strategie relevant: Je schneller sich wiederverwendbare Systeme auch außerhalb der US-Ökosysteme etablieren, desto stärker sinkt der exklusive Hebel. Für Anleger bedeutet das: Nicht nur Starship-Performance zählt, sondern auch die globale Lernkurve bei Wiederverwendung und Nutzlastkapazität.
Während der Orbit-Prozess Zeit braucht, läuft die KI-Geschichte bereits „im Rechenzentrum“ – und sorgt so für zusätzlichen Bewertungsdruck. Im Jahr 2025 investierte SpaceX rund 18 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur: 12,7 Milliarden Dollar als Investitionsausgaben und 5,1 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung. Die Colossus-Rechencluster mit knapp einem Gigawatt Kapazität bedienen Verträge mit Anthropic, Google und Reflection AI; Analysten erwarten künftig mehr als 28 Milliarden Dollar Jahresumsatz aus diesem Segment, nach 3,2 Milliarden Dollar im Jahr 2025. J.P. Morgan rechnet bis 2029 mit neun Gigawatt terrestrischer Rechenkapazität. Dass SpaceX zusätzlich orbitale Rechenzentren anpeilt, verschiebt viele Erwartungen jedoch mindestens zehn Jahre in die Zukunft.
Neben dem Technologie- und Wettbewerbsbild treffen weitere Finanzfaktoren die Bilanz und damit die Risikowahrnehmung. Belastend wirkt die 60 Milliarden Dollar teure Übernahme eines Cursor-Entwickler-Umfelds (Anysphere), die Verwässerungssorgen auslöste. Dazu kommt ein Nettoverlust von 4,28 Milliarden Dollar im ersten Quartal 2026; darin ist eine Belastung von 2,5 Milliarden Dollar aus dem xAI-Bereich enthalten. Für das Gesamtjahr 2025 wird ein Nettoverlust von rund 4,9 Milliarden Dollar genannt, während Starlink mit 11,4 Milliarden Dollar Umsatz und 4,4 Milliarden Dollar operativem Gewinn profitabel blieb. Auch am Anleihemarkt steigt Skepsis: SpaceX-30-Jahres-Bonds mit BBB-Status rentieren mit einem Renditeaufschlag von über zwei Prozentpunkten. Hinzu kommt der bevorstehende Ablauf von Haltefristen für Insider, sodass bis Anfang September bis zu 44 Prozent mehr Aktien frei handelbar sein könnten. Für das, was der Markt als „nächste Normalität“ akzeptiert, werden daher die Quartalszahlen Anfang August als entscheidender Realitätscheck gelten.
Der Ausblick für Unternehmen und Entwickler hängt am Ende an einer Frage, die sich derzeit in zwei Zeithorizonten aufspaltet: Wann werden Raumfahrt- und KI-Workloads so eng verzahnt, dass die Orbit-Compute-Idee nicht mehr nur eine Option, sondern ein wiederholbarer Prozess ist. Starship Flight 13 wirkt dabei wie ein Türöffner – sowohl technisch (20 Starlink-V3-Satelliten als Abnahmetest) als auch strategisch (Übergang zu routinemäßigen Starts). Gleichzeitig signalisiert die Datenzentrumsseite mit Verträgen und Gigawatt-Zielen, dass SpaceX das KI-Geschäft als unmittelbaren Cashflow-Pfeiler versteht. Wenn die nächsten Starts planbar bleiben und die Quartalszahlen den Bewertungshebel stützen, könnten sich die extremen Analystenspannen verengen. Bleiben dagegen Verzögerungen oder zusätzliche regulatorische Hürden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Markt weiter mit hohen Abschlägen arbeitet – und die Volatilität im Kursbild bleibt.
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