LONDON (IT BOLTWISE) – JPMorgan beziffert die Produktionskosten für 1 Bitcoin auf rund 78.000 US-Dollar und stellt damit ein Ungleichgewicht zum aktuellen Marktpreis fest. Für Miner bedeuten Stromrechnungen in US-Dollar bei schwankenden Erlösen spürbaren Druck. Entscheidend ist, wie die Netzwerkmechanik auf Preisrückgänge reagiert: Höherkosten-Miner schalten ab, Difficulty sinkt, und effiziente Betreiber rücken näher an die Blockbelohnungen. Die Frage ist, ob das als Preisuntergrenze dienen kann oder ob ein längerer Verlustzyklus folgt.

Der Kern der aktuellen Debatte um Bitcoin ist weniger eine Schlagzeile als eine Kostenrechnung: Laut einer Schätzung von JPMorgan liegt die Produktion eines Coins bei ungefähr 78.000 US-Dollar. Genau dort wird es für Miner technisch und finanziell unangenehm, weil Stromkosten monatlich anfallen, während der Erlös aus dem Verkauf von neu geschürften Bitcoins stark davon abhängt, wie hoch der Marktpreis zeitgleich notiert. In den fünf Monaten bis Juni 2026 blieb der Bitcoin-Preis unter diesem Referenzwert, was den Druck auf Unternehmen erhöht, die ihre Operationen eng an die Break-even-Schwelle ausrichten.
Damit steht auch die Frage im Raum, was diese Zahl überhaupt umfasst. Die Analysten um Nikolaos Panigirtzoglou rechnen in der Größenordnung vor allem Strom, Abschreibungen für Hardware sowie Gemeinkosten öffentlicher Miner ein. Gleichzeitig gilt: Es handelt sich nicht um einen festen Punkt. Die Bewertung wurde im Jahresverlauf mehrfach angepasst, etwa von etwa 90.000 US-Dollar zu Jahresbeginn auf rund 77.000 US-Dollar im Februar, bevor sie sich um 78.000 US-Dollar einpendelte. Andere Ansätze, die sowohl öffentliche als auch private Strukturen mit einbeziehen, kommen dagegen auf eine „All-in“-Größe näher an 88.000 US-Dollar im Juli – daraus folgt: 78.000 US-Dollar sind eher das untere Ende einer Bandbreite.
Der Zusammenhang mit dem Netzwerk ist jedoch nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch algorithmisch. Hasrate, also die gesamte Rechenleistung im Netzwerk, beeinflusst die Konkurrenz um fixe Blockbelohnungen; steigt der Wettbewerbsdruck, wirkt das unmittelbar auf die Wirtschaftlichkeit einzelner Betreiber. Dazu kommt der Energiepreis als Hebel, der je nach Beschaffungsstrategie stark schwanken kann. Als Beispiel führt JPMorgan Erdgas-Preise an: Henry Hub lag am 11. September 2024 laut Quelle bei 2,79 US-Dollar je Million BTU, deutlich unter einem Sprung auf 13,80 US-Dollar am 30. Januar. Solche Bewegungen verändern die Produktionskosten, selbst wenn die Hardwarekosten und Abschreibungslogiken gleich bleiben.
Wie stark der Markt diese Mechanik schon aufgenommen hat, sieht man an den Verkäufen. Im ersten Quartal 2026 haben laut der vorliegenden Darstellung mehrere Unternehmen einschließlich Marathon Digital Holdings, CleanSpark, Riot Platforms, Cango, Core Scientific und Bitdeer zusammen rund 32.000 Bitcoin verkauft, um Betriebsausgaben zu decken. Das übersteigt die gesamte Verkaufsmenge des Jahres 2025 und setzt damit einen neuen Quartalsrekord; als Vergleich wird außerdem eine frühere Spitze von 20.000 Coins im zweiten Quartal 2022 genannt. CoinShares wird zudem mit der Angabe zitiert, dass etwa 15% bis 20% der globalen Mining-Flotte in dieser Phase mit Verlust arbeiteten, während JPMorgan daraus rund 20% macht. Solche Zahlen passen zu einer Hasrate, die umgerechnet mit einem „Hashprice“ von etwa 33 US-Dollar pro Petahash pro Sekunde und Tag bewertet wird.
Spätestens hier wird deutlich, warum das Netzwerk bei sinkenden Preisen eine eingebaute Stabilisierung durchläuft – und warum diese Stabilisierung nicht sofort „weich“ ist. Bitcoin reagiert auf Preisrückgänge unterhalb der Produktionskosten mit einem Abschaltmechanismus: Höherkosten-Miner gehen offline, die Hasrate fällt und die Difficulty wird im nächsten Schritt geringer eingestellt. Genau diese Schleife habe sich 2026 bereits zweimal gezeigt. Früh im Juni sank die Mining Difficulty um 10,09%, nach einem ähnlichen Rückgang im Januar. Gleichzeitig fiel die Hasrate im Juni um 12% und lag laut Galaxy Research weiterhin rund 23% unter ihrem Oktober-Hoch. JPMorgan arbeitet zudem mit einer Kennzahl: Die „Beta“-Beziehung zwischen Difficulty und Preis über sechs Monate lag bei 0,62 – also eine deutliche, aber nicht perfekte Korrelation. Die praktische Folge: Sobald viele Miner nahe am Break-even arbeiten, beschleunigt sich die Netzwerkanpassung in Krisenphasen.
Auch die Frage, wer diese Anpassungsphase besser übersteht, hängt von der Unternehmensstruktur ab. In der Vergangenheit waren Miner häufig privat, oft mit knappen Rücklagen und ohne flexible Finanzierungsquellen. Heute kontrolliert ein relevanter Teil der Hasrate laut Darstellung öffentlich gehandelte Unternehmen, die unter anderem durch abgesicherte Stromverträge sowie durch Zugang zu Fremd- und Eigenkapital unterschiedlich reagieren können. „Hedging“ dient dabei als Schockabsorber: Strompreise lassen sich teilweise fixieren, zusätzlich können Futures oder Beleihungen gegen gehaltene Bestände helfen, die Stromrechnung zu zahlen, ohne zwingend in einem schwachen Markt direkt verkaufen zu müssen. Gleichzeitig wirkt jedoch ein makroökonomischer Gegenwind: Die US-Leitzinsen werden in der Quelle mit einem federal funds target upper bound von 4,00% am 16. September beziffert, nachdem es im Monatsabstand um 25 Basispunkte gestiegen sei. Höhere Zinsen erhöhen den Druck auf Debt-Finanzierung und können Kapitalmaßnahmen verwässern, wodurch eine schnelle Kapitulation weniger wahrscheinlich wird – allerdings auch mit der Konsequenz, dass die bereinigende Wirkung länger dauern kann.
Bleibt damit die zentrale Leitfrage: Trägt 78.000 US-Dollar als Preisuntergrenze? Die Darstellung legt nahe, dass Bitcoin genau diese Schwelle derzeit nur schwer verteidigt. Fünf Monate lang blieb der Kurs darunter, und damit gilt diese Phase als die längste „Unterkante“-Strecke im aktuellen Zyklus. Wenn der Preis weiter fällt, wird das zur Auslöserlogik für erzwungenes Verkaufen: Miner geraten tiefer in Verlustzonen, wodurch weitere Betreiber möglicherweise schneller offline gehen müssen. Auf der Stimmungsseite wird zugleich ein VIX-Wert von 17,71 am 16. September genannt – weder Panik noch Euphorie, eher ein Zustand, der in der Historie nach Angaben der Analysten als Kontraindikator vor Erholungen gedient haben könnte. Unmittelbar entscheidend ist nun die nächste Difficulty-Anpassung: Sollte die Hasrate wieder anziehen, könnten Produktionkosten erneut steigen und die Marktmechanik weiter verschieben – genau dort entscheidet sich, ob der Mining-Markt in Richtung Erholung kippt oder ob der Verlustzyklus zeitlich verlängert wird.
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