JERUSALEM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie ordnet kosmetische Eingriffe bei einem relevanten Teil der Frauen einem suchtähnlichen Muster zu. Als besonders stark hängen niedriges Körper-Selbstbild und problematische Social-Media-Nutzung zusammen. Die Daten aus Israel zeigen zudem, dass das Risiko nicht nur eine Frage des Alters oder des Bildungsniveaus ist, sondern in Modellen auch mit Einstellungen zu Geschlechterrollen verknüpft bleibt. Gleichzeitig bleibt wegen des Studiendesigns offen, was Ursache und was Folge ist.

Studie: Suchtähnliches Verhalten bei kosmetischen Eingriffen hängt an Selbstwert und Social Media
Studie: Suchtähnliches Verhalten bei kosmetischen Eingriffen hängt an Selbstwert und Social Media (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf den ersten Blick wirken kosmetische Eingriffe wie eine frei wählbare Entscheidung zwischen ästhetischem Wunsch und medizinischer Machbarkeit. Die nun in der Journal of Health Psychology veröffentlichte Untersuchung stellt diese Komfortzone jedoch infrage: Für einen Teil der befragten Frauen lassen sich Muster beschreiben, die an Verhaltenssucht erinnern. Im Kern geht es um die wiederholte Beschäftigung mit Eingriffen trotz negativer psychischer oder körperlicher Folgen. Gerade weil der Alltag heute stark von visuellen Plattformen geprägt ist, rückt die Studie die Wechselwirkung zwischen digitalem Druck und Selbstwahrnehmung in den Fokus.

Die Forscherinnen und Forscher um Vera Skvirsky, Uri Lifshin, Dvora Shmulewitz und Mario Mikulincer analysierten dafür psychologische Mechanismen hinter wiederholten kosmetischen Interventionen. Kosmetische Verfahren umfassen dabei sowohl invasive Operationen wie Liposuktion als auch nicht-invasive Angebote wie Botox-Injektionen. Laut der Studie stieg die globale Nutzung zwischen 2019 und 2023 um rund 40%. In diesem Wachstum sehen Psychologinnen und Psychologen zunehmend Verhaltensmuster, die an Suchtprinzipien erinnern: Craving, Gewohnheitsbildung und ein wahrgenommener Kontrollverlust. Der Ansatz knüpft methodisch an bestehende Substanzmissbrauchsdiagnostik an.

Technisch und methodisch basiert die Erhebung auf mehreren Fragebögen und einem adaptieren Instrument zur Erfassung suchtähnlicher Kriterien. Die Teilnehmenden – 1.614 jüdische Frauen in Israel im Alter von 25 bis 71 Jahren – füllten im Februar 2025 eine Online-Befragung aus. 710 Frauen gaben an, in der Vergangenheit mindestens einen kosmetischen Eingriff gehabt zu haben. Um „suchtähnliche“ Nutzung zu messen, wurde abgefragt, ob Teilnehmende versucht hatten, Eingriffe zu beenden, aber scheiterten, oder ob ein kompulsiver Fortsetzungsdruck trotz negativer Effekte besteht. Ergänzend erhoben die Autorinnen und Autoren Selbstwert, Bindungs-Sicherheit und problematisches Social-Media-Verhalten über die vergangenen zwölf Monate.

Für den Markt ist dabei weniger die Begrifflichkeit als die Größenordnung entscheidend. Unter den 710 Frauen mit Vorerfahrungen erreichte in der Studie etwa ein Fünftel (20%) eine Schwelle für moderates bis schweres Risiko über die Lebenszeit, während 15,4% entsprechende Symptome im vergangenen Jahr berichteten. Über alle 1.614 Teilnehmenden hinweg zeigen sich knapp 9% mit Lebenszeit-Risikosignalen und rund 7% im letzten Jahr. Interessant ist zudem: In den Analysen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Altersgruppen oder Bildungsniveaus. Diese Stabilität über demografische Segmente legt nahe, dass psychologische Faktoren stärker als reine „Zielgruppenlogik“ wirken.

Als erklärende Variablen heben die statistischen Modelle insbesondere drei Faktoren hervor: niedriger Körper-Selbstwert, stärker ausgeprägte problematische Social-Media-Nutzung sowie schwächere feministische Einstellungen. Globaler Selbstwert, Bindungs-Sicherheit und negative Ansichten über das Altern verloren dagegen ihre eindeutige Assoziation, wenn alle Faktoren gemeinsam modelliert wurden. Besonders aufschlussreich ist die Interaktion: Bei Frauen mit hoher problematischer Social-Media-Nutzung korreliert ein niedriges Körperbild deutlich stärker mit dem Risiko suchtähnlicher kosmetischer Nutzung. Bei weniger „obsessivem“ Social-Media-Gebrauch zeigt sich dieser Verstärker nicht. Das beschreibt weniger ein isoliertes Problem der Ästhetik, sondern eine Plattform-gestützte Verstärkung kognitiver Muster.

Beim Blick auf den Wettbewerb innerhalb des Forschungs- und Versorgungsumfelds wird schnell klar, wo die nächsten Schritte liegen. Die Studie operationalisiert Suchtmerkmale über Screening-Logik, die methodisch an Substanzgebrauchsinstrumente angelehnt ist, während in der klinischen Praxis häufig strukturierte Interviews oder diagnostische Kriterien wie sie etwa aus dem DSM-Umfeld bekannt sind eingesetzt werden. Für Anbieter im Beauty- und Medtech-Umfeld bedeutet das: Es reicht nicht, nur Angebote zu skalieren; sie müssen auch Schnittstellen für psychologische Risikofaktoren mitdenken. Gleichzeitig zeigt die Erhebung, dass religiöse Selbstauskunft statistische Zusammenhänge im Gesamtsample aufweist. Traditionell berichtete höhere Risikowerte als säkular, wobei sowohl „religiös“ als auch „ultra-orthodox“ im Vergleich niedriger lagen.

Wichtig bleibt jedoch die Einordnung der Evidenz: Die Studie ist querschnittsbasiert, d.h. alle Daten wurden zu einem Zeitpunkt erhoben. Damit lässt sich keine Kausalität beweisen. Es bleibt offen, ob problematische Social-Media-Nutzung tatsächlich das Risiko erhöht, oder ob eine zugrunde liegende psychische Problemlage sowohl das digitale Verhalten als auch die wiederholten Eingriffe begünstigt. Auch die Generalisierbarkeit ist begrenzt, weil das Sample auf jüdische Frauen beschränkt ist und über einen Online-Panel rekrutiert wurde. Zudem beruhen die Einschätzungen ausschließlich auf Selbstberichten, die durch Erinnerungs- und Antwortverzerrungen beeinflusst sein können. Gerade für Datenschutz und Bias-Management sind solche Einschränkungen relevant, wenn digitale Plattformdaten in künftige Modelle einfließen.

Für die Zukunft zeichnen sich mehrere konkrete Entwicklungsrichtungen ab. Da die Autorinnen und Autoren auch selbst betonen, dass Männer, trans- und nicht-binäre Personen noch nicht einbezogen wurden, dürfte die nächste Iteration differenziertere Risikomodelle liefern. Ebenso wäre eine stärkere Auflösung nach Eingriffstypen sinnvoll: Die Studie unterscheidet nicht zwischen großen invasiven Operationen und wiederholten kleineren, nicht-invasiven Maßnahmen. Technisch wäre außerdem eine Kombination aus objektiveren Daten – etwa tatsächlichen Ausgaben – und klinischen Interviews wertvoll, um Screening-Resultate zu triangulieren. Marktseitig könnten Anbieter dann frühzeitig auf psychologische „Red Flags“ reagieren, wodurch sich nicht nur Risiken mindern lassen, sondern auch die Qualität der Beratung und Nachsorge verbessert. Für Unternehmen in Enterprise-Software-Umfeldern der Gesundheitsbranche wäre das ein Signal, dass Monitoring, Risiko-Scoring und Governance künftig enger an Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen gekoppelt werden.


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