BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die DAK-Gesundheit meldet für die erste Jahreshälfte einen leicht sinkenden Krankenstand: durchschnittlich 9,6 Tage Arbeitsunfähigkeit im Job, nach 9,9 im Vorjahr. Gleichzeitig steigen psychische Erkrankungen als häufigste Ursache weiter an, während Atemwegsinfekte deutlich weniger Fehltage verursachen. Parallel plant die Politik strengere Nachweispflichten, darunter die Vorlage der ärztlichen Bescheinigung ab dem ersten Krankheitstag und ein Ende der reinen Telefon-Krankschreibung ohne Praxisbesuch. Für Unternehmen wird damit die Steuerung von Fehlzeiten, die rechtssichere Dokumentation und die Auswertung digitaler Meldedaten noch wichtiger.

DAK-Gesundheit: Leichter Rückgang beim Krankenstand – Politik zieht mit neuen Regeln nach
DAK-Gesundheit: Leichter Rückgang beim Krankenstand – Politik zieht mit neuen Regeln nach (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Zahlen wirken auf den ersten Blick beruhigend, aber sie sind für HR und Geschäftsführung zugleich ein Warnsignal. Laut Auswertung der DAK-Gesundheit lag die durchschnittliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit in der ersten Hälfte dieses Jahres bei 9,6 Tagen – gegenüber 9,9 Tagen im ersten Halbjahr 2025. Der Krankenstand sank damit von 5,4 Prozent auf 5,3 Prozent. Allerdings verschieben sich die Ursachen: Psychische Erkrankungen sind jetzt die häufigste Kategorie, während Atemwegsinfekte spürbar zurückgehen. Genau diese Mischung macht deutlich, warum politische Maßnahmen nicht nur auf „gesenkte Fehlzeiten“ zielen, sondern auf Steuerbarkeit – besonders bei Langzeiterkrankungen mit vielen Fehltagen.

Technisch betrachtet hängt die Wirksamkeit solcher Steuerungsansätze stark davon ab, wie gut Meldungen im Unternehmen ankommen und wie sauber sie weiterverarbeitet werden. In Deutschland werden Krankschreibungen seit 2022 elektronisch übermittelt, was – wie von Krankenkassen und dem Statistischen Bundesamt betont wird – zu einer vollständigeren Erfassung geführt habe. Für die Praxis bedeutet das: HR-Workflows können Daten aus der elektronischen Übermittlung in bestehende Systeme wie Zeitwirtschaft, Tickets oder Abwesenheitsmodule einsteuern, statt ausschließlich auf papierbasierte Prozesse zu setzen. Gleichzeitig steigt der Druck auf Compliance, denn Arbeitgeber brauchen belastbare Nachweise, um arbeitsrechtliche Entscheidungen konsistent zu dokumentieren.

Beim Blick auf die Krankheitsbilder wird die strategische Dimension klar. Die DAK nennt für psychische Erkrankungen ein Plus von neun Prozent und beziffert sie mit 184 Fehltagen je 100 Versicherte. Atemwegsinfekte – also Erkältungen und Grippe – liegen demgegenüber 21 Prozent niedriger bei 175 Fehltagen je 100 Versicherte. Muskel-Skelett-Erkrankungen landen weiterhin auf Rang drei, etwa Rückenschmerzen mit 174 Fehltagen je 100 Versicherte. Diese Verschiebung ist für Unternehmen relevant, weil Maßnahmen gegen Infektwellen (z. B. Hygienekonzepte) andere Hebel erfordern als Prävention gegen Depressionen oder Burnout-Risiken. Entsprechend verlagern sich Budgets zunehmend in Richtung Gesundheitsmanagement und frühe Intervention.

Auch das Altersprofil zeigt, dass eine pauschale „One-size-fits-all“-Logik nicht reicht. Die Fehlzeiten gehen bei allen Beschäftigten unter 55 tendenziell zurück, besonders stark bei Jüngeren: Bei 15- bis 19-Jährigen und 20- bis 24-Jährigen sinkt der Krankenstand jeweils um 0,3 Prozentpunkte. Gegen den Trend steigt er bei Über-60-Jährigen um 0,3 Prozentpunkte – allerdings mit dem interessanten Detail, dass deren Zahl der Krankschreibungen sinkt, die Dauer aber zunimmt. Das wirkt wie ein Muster aus wiederkehrender Chronifizierung statt akuter Einzelepisoden. Marktseitig heißt das: Anbieter von betrieblichen Gesundheitsleistungen, die sich auf Reha-/Wiedereingliederungsprozesse spezialisiert haben, können hier stärker gefragt sein als rein kurzfristige Präventionsangebote.

Auf der Markt- und Policy-Ebene verschärft sich parallel der Rahmen. Geplant ist, die ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verpflichtend schon ab dem ersten Krankheitstag als gesetzliche Regel zu verankern – statt wie bislang am vierten Tag, wobei Arbeitgeber früher schon eine Vorlage verlangen konnten. Zudem soll die Möglichkeit wegfallen, sich telefonisch krankzuschreiben, wenn dafür kein zusätzlicher Praxisbesuch erfolgt. Der Tenor in der Gegenbewegung ist laut breiten Protesten: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung kritisiert vor allem den zusätzlichen Praxisaufwand, den eine frühere Bescheinigungspflicht erzeugen könne. In der Praxis konkurrieren hier zwei Ziele: rechtzeitiger Nachweis für Arbeitgeber und geringe Belastung für Versorgungssysteme – besonders bei hohem Andrang.

Für Unternehmen kommt dazu ein weiterer Digitalisierungsschub: Die geplante Teilkrankschreibung soll längere Erkrankungen in 25, 50 oder 75 Prozent der üblichen Wochenarbeitszeit abbilden können, wenn Beschäftigte und Arbeitgeber es wünschen. Das ist nicht nur ein sozialpolitisches Instrument, sondern ein operatives: Dienstpläne, Output-Planung, Skill-Matrizen und Vertretungsmodelle müssen feingranularer werden, weil „abwesend“ nicht mehr gleichbedeutend mit „100 Prozent ausgefallen“ ist. Gleichzeitig argumentieren Befürworter, dass sich damit die Rückkehr in den Job glatter gestalten lässt. Vergleichbare Ansätze setzen auch andere Krankenkassen in ihren Empfehlungen zur stufenweisen Wiedereingliederung um, allerdings variiert die konkrete Ausgestaltung in der Umsetzung durch Unternehmen.

Historisch betrachtet ist das Thema Nachweispflicht und Fehlzeitenkontrolle ein Dauerbrenner: Von Telefon-Entscheidungen über Papierbescheinigungen bis zur elektronischen Übermittlung ist die Logik immer wieder in Richtung mehr Datenqualität, schnellerer Verfügbarkeit und besserer Dokumentation gewandert. Die jetzt diskutierten Änderungen setzen dabei auf eine frühe, verpflichtende Bescheinigung – bei gleichzeitiger Erwähnung von Ausnahmen (z. B. Rückdatierung nur ausnahmsweise und in der Regel nur bis zu drei Tagen) sowie auf die Möglichkeit, Bescheinigungen über Videosprechstunden zu erhalten. Für die IT- und Sicherheitsverantwortlichen bedeutet das: Schnittstellen zwischen Arbeitgeber-Software, HR-Prozessen und den elektronischen Meldedaten müssen stabil bleiben, und die Datenschutzanforderungen sind eng zu prüfen, damit nur notwendige Informationen verarbeitet werden.

In die Zukunft übersetzt heißt das: Unternehmen werden Fehlzeiten stärker datengetrieben steuern müssen, ohne „Datafication“ mit Gesundheitsversorgung zu verwechseln. Wenn die DAK-Daten zeigen, dass psychische Erkrankungen als Ursache gewinnen, sollte die Präventionsstrategie nicht bei klassischen Maßnahmen wie Infektmanagement stehen bleiben, sondern psychologische Unterstützung, Führungskräftetraining und Frühwarnindikatoren in HR-Prozessen einbeziehen. Marktbeobachter rechnen zudem damit, dass die Teilkrankschreibung und die frühe Nachweispflicht mittelbar den Bedarf an flexibler Abwesenheitsplanung und rechtssicheren Workflows erhöhen. Der nächste logische Schritt wird sein, dass KI-gestützte Auswertungen (etwa für Mustererkennung bei Langzeitfällen) enger mit Compliance-Checks gekoppelt werden – so, dass Datenschutz und Transparenz jederzeit mitlaufen.


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