LONDON (IT BOLTWISE) – Zum ersten Mal liegen mentale Erkrankungen in den Fehltagen in Deutschland vor Atemwegsinfekten. Eine Auswertung der DAK-Gesundheit zeigt im ersten Halbjahr 2026 mehr Ausfalltage durch psychische Belastungen, während Atemwegserkrankungen deutlich nachlassen. Gleichzeitig plant die Bundesregierung Reformen bei Krankschreibungen, unter anderem eine Teilkrankschreibung. Der Vorschlag trifft auf Widerstand, weil Psychotherapie-Plätze als Engpass gelten.

Krankenstand 2026: Psychische Erkrankungen verdrängen Atemwegsinfekte
Krankenstand 2026: Psychische Erkrankungen verdrängen Atemwegsinfekte (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Krankenstand in Deutschland verschiebt sich 2026 spürbar: Psychische Erkrankungen verdrängen erstmals Atemwegsinfekte als häufigste Ursache für Fehltage. Damit geht eine Veränderung einher, die für Personalverantwortliche und Betriebsärzte nicht nur statistisch relevant ist, sondern in den Arbeitsalltag hineinwirkt. Wenn mentale Belastungen so klar überhandnehmen, rückt weniger die Frage nach saisonalen Schwankungen in den Fokus, sondern die nach Belastungsprofilen, Erholungszeiten und dem Umgang mit Langzeitausfällen.

Die Zahlen stammen aus einer Auswertung der DAK-Gesundheit, die auf Daten von rund 2,2 Millionen Versicherten basiert. Der Krankenstand lag im ersten Halbjahr 2026 bei 5,3 Prozent; pro Tag waren damit 53 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben. Im Vorjahreszeitraum hatte der Wert bei 5,4 Prozent gelegen. Auffällig ist dabei die Mischung aus leicht rückläufigem Gesamtkrankenstand und deutlich gegenläufigen Entwicklungen innerhalb einzelner Diagnosegruppen: Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen stiegen um neun Prozent, während Atemwegserkrankungen um 21 Prozent zurückgingen.

Konkret entfielen in der Kategorie psychische Erkrankungen 184 Fehltage auf 100 Versicherte. Atemwegserkrankungen kamen dagegen auf 175 Fehltage. Muskel-Skelett-Erkrankungen folgen mit 174 Fehltagen auf Platz drei und bleiben damit eine zweite große Treibergruppe für Arbeitsausfälle. Auch die Dynamik der Dauer verändert sich leicht: Die durchschnittliche Krankschreibungsdauer sank von 9,9 auf 9,6 Tage. Für Unternehmen bedeutet das: Selbst wenn sich die Einzeldauer nicht dramatisch verlängert, können mehr Fälle in Summe erhebliche Planungsschäden verursachen, etwa durch wiederkehrende Ausfälle, verlängerte Einarbeitung oder eine Umverteilung von Aufgaben zwischen Teams.

Vor diesem Hintergrund will die Bundesregierung die Regeln rund um Arbeitsunfähigkeit anpassen. Ein Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung sieht unter anderem die Einführung einer Teilkrankschreibung vor. Betroffene könnten dann zu 25, 50 oder 75 Prozent ihrer regulären Wochenarbeitszeit arbeiten, statt vollständig auszufallen. Die Idee dahinter ist pragmatisch: Wenn eine medizinische Indikation grundsätzlich eine Arbeitsfähigkeit in reduziertem Umfang zulässt, kann so der Übergang zurück in den Job strukturierter werden. Neben dieser Komponente sind weitere Pläne genannt, etwa eine strengere Nachweispflicht ab dem ersten Krankheitstag und die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung.

Aus der Versorgung kommt jedoch deutlicher Gegenwind. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung äußerte scharfe Kritik an den Vorhaben, und Experten warnen vor längeren Wartezeiten auf Therapieplätze. Gerade bei psychischen Erkrankungen kann die Zeit bis zum Therapiebeginn entscheidend sein; wenn Kapazitäten ohnehin angespannt sind, droht eine Verschärfung durch zusätzliche organisatorische Hürden. Damit prallen zwei Ziele aufeinander: fiskalische und administrative Steuerung einerseits, und die praktische Sicherstellung einer zeitnahen Behandlung andererseits. Für Arbeitgeber entsteht dadurch ein doppelter Handlungsdruck: Prävention und Unterstützungsangebote müssen schneller greifen, zugleich braucht es belastbare betriebliche Prozesse, um Ausfälle abzufedern, ohne Betroffene unter zusätzlichen Stress zu setzen.

Auch in der Verteilung über Altersgruppen zeigt sich ein klares Muster. Bei Beschäftigten unter 55 Jahren gingen die Krankmeldungen zurück, während bei den über 60-Jährigen der Krankenstand um 0,3 Prozentpunkte stieg. Aus der Branche wird als Haupttreiber der Entwicklung der Arbeitsalltag mit seinen psychischen Belastungen genannt. Während Atemwegsinfekte saisonal schwanken und zuletzt stark zurückgingen, zeigen psychische Leiden eine beständig steigende Tendenz; besonders Langzeitausfälle bleiben laut Einordnung ein strukturelles Problem. Für Unternehmen ist das nicht nur ein Thema der Personalplanung, sondern auch der Organisationsgestaltung: Schichtmodelle, Ziel- und Erwartungsmanagement, Führungskultur und der Zugang zu Unterstützung entscheiden mit, ob sich akute Belastung in chronische Ausfälle verwandelt.

Praktisch heißt das, dass Maßnahmen zur Work-Life-Balance und zur frühen Stabilisierung stärker in den Vordergrund rücken müssen, statt erst dann zu greifen, wenn ein längerer Ausfall bereits eingetreten ist. Wenn Reformen wie Teilkrankschreibung und strengere Nachweise kommen, sollten Arbeitgeber zudem die Umsetzung so planen, dass medizinische Entscheidungen nicht durch organisatorische Reibung ausgebremst werden. In der aktuellen Lage verschärft sich damit die zentrale Frage: Wie lässt sich die Rückkehr in die Arbeit so gestalten, dass sie therapeutisch sinnvoll bleibt und zugleich den Betrieb funktionsfähig hält? Entscheidend wird sein, ob sich die Versorgungskapazitäten für psychotherapeutische Leistungen parallel erweitern, denn ohne diese Basis können auch gut gemeinte Regeländerungen ins Leere laufen.


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