LONDON (IT BOLTWISE) – Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks verlangt eine neue Kommission, die Lohnzusatzkosten senken soll. Damit will er Unternehmen und Beschäftigte bei den Sozialabgaben spürbar entlasten. Er verweist auf den Vergleich zur Rentenreform-Kommission, die bereits ausgewogene Vorschläge geliefert hat. Unklar bleibt, ob der Staat dafür finanzielle Spielräume findet, während sich die Lage im Handwerk weiter eintrübt.

Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), bringt eine politische Maßnahme ins Spiel, die im Kern an die Lohnnebenkosten ansetzt: Er fordert die Einsetzung einer Kommission, die Entlastungen bei den Sozialabgaben für Betriebe und Beschäftigte erarbeiten soll. Dabei geht es ihm nicht nur um steuerliche Reformen, sondern vor allem um die Frage, wie die hohen Lohnzusatzkosten dauerhaft reduziert werden. In seinem Appell steckt auch ein Stimmungsbarometer aus dem Handwerk: Wenn Reformen zwar beschlossen, aber nicht im Betrieb spürbar werden, kippt die Motivation in Richtung Abwarten.
Dittrich verknüpft seinen Vorschlag mit dem politischen Prozess, der aus Sicht der Branche bereits funktioniert hat: Die Bundesregierung habe eine Kommission zur Reform der Rente eingesetzt, die zu ausgewogenen Vorschlägen gelangt sei und breite Zustimmung gefunden habe. Genau dieses Muster will er auf ein neues Ziel übertragen. „Wir müssen die Lohnzusatzkosten reduzieren“, lautet der zentrale Satz, der seine Argumentation zusammenfasst. Er setzt dabei auf Leistungsgerechtigkeit und auf die Idee, dass Kostenentlastung nicht als reines Subventionsinstrument verstanden werden sollte, sondern als Hebel für einen stabilen Arbeitsmarkt im Mittelstand.
Ökonomisch wird die Diskussion dadurch schärfer, dass Lohnzusatzkosten die Kalkulation vieler Handwerksbetriebe direkt treffen. Wenn diese Ausgaben steigen, geraten nicht nur die Lohnkosten unter Druck, sondern häufig auch die Möglichkeit, Investitionen in Ausrüstung, Weiterbildung und zusätzliche Ausbildungsplätze zu finanzieren. Dittrich argumentiert, die Reduzierung der Kosten würde sowohl den Unternehmen als auch den Beschäftigten mehr finanzielle Mittel verschaffen. Für die Wettbewerbsfähigkeit sei das relevant, weil ein Teil der Leistungsfähigkeit im Handwerk über Preisgestaltung, Geschwindigkeit bei der Leistungserbringung und verfügbare Arbeitskräfte entsteht. Gleichzeitig könnte eine Entlastung im Binnenmarkt Nachfrage stützen, weil Beschäftigte netto mehr Spielraum hätten und Betriebe weniger unter Kostenstress leiden.
Die Gegenposition der Politik beschreibt er indirekt über ein Problem, das in solchen Entlastungsdebatten regelmäßig auftaucht: Die Bundesregierung sehe sich mit fehlenden finanziellen Mitteln konfrontiert. Genau dort liegt der kritische Punkt, denn eine Senkung von Sozialabgaben wirkt nur dann nachhaltig, wenn sie entweder durch gegenfinanzierende Reformen abgesichert ist oder wenn der Staat Ausgaben umschichtet. Dittrich formuliert das als Grundsatz: „Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir unsere Spielweise ändern.“ In diesem Bild geht es um mehr als Symbolpolitik; es geht um die Frage, wie schnell die Entlastung in der Lohnabrechnung ankommt und ob sie in der Breite ausreicht, um die Belastungslage der Betriebe messbar zu verbessern.
Parallel zur Forderung nach einem kommissionären Reformweg beschreibt Dittrich eine verschlechterte wirtschaftliche Lage im Handwerk, die sich seiner Darstellung nach bereits in Kennzahlen niederschlägt. Die Absichten der Regierungskoalition würden bislang nicht in den Betrieben ankommen, wodurch die Stimmung angespannt sei. Besonders problematisch sei die Kombination aus sinkenden wirtschaftlichen Indikatoren und einer schwachen Auftragslage. Bei aller Vorsicht betont er, dass derzeit zwar keine massive Insolvenzwelle im Handwerk zu beobachten sei, die Insolvenzzahlen aber steigen würden. Zusätzlich nennt er eine negative Umsatzentwicklung im Gesamthandwerk seit Jahresbeginn und hebt hervor, dass insbesondere der Hochbau unter Druck steht.
Die langfristige Dimension macht Dittrich über eine Prognose deutlich: Bis 2025 erwartet er einen Rückgang von 73.000 Arbeitsplätzen im Vergleich zum Vorjahr. Der demografische Wandel ist für ihn dabei ein Treiber, aber nicht der einzige. Er sieht auch den Bedarf an gezielten Reformen, um gegenzusteuern. Interessant ist außerdem seine Überlegung zur Fachkräftesicherung: Die Übernahme von Beschäftigten aus anderen Branchen könne helfen, dem Fachkräftemangel im Handwerk entgegenzuwirken. Damit diese Strategie funktioniert, braucht es jedoch eine stabile wirtschaftliche Grundlage, die durch die derzeitigen Rahmenbedingungen offenbar gefährdet ist. Das heißt: Umschulung, Einstellungsbereitschaft und die organisatorische Integration von Quereinsteigern sind im Alltag stark abhängig davon, ob Betriebe planbar Aufträge erhalten und nicht nur kurzfristig überleben.
Aus Sicht der Unternehmenspraxis wird damit auch verständlich, warum Dittrich die Entlastung bei den Lohnzusatzkosten so prominent platziert. Arbeitgeber kalkulieren zunehmend entlang von Kapazitätsrisiken: Fehlende Auslastung führt zu kurzfristigen Anpassungen, während Investitionen in Personal und Ausbildung eine längerfristige Planung erfordern. Wenn die Sozialabgabenbelastung hoch bleibt, wird der Spielraum für produktivitätssteigernde Maßnahmen kleiner, etwa für modernisierte Werkstätten, neue Fertigungsprozesse oder Weiterqualifizierung im Betrieb. Für die politische Umsetzung heißt das wiederum, dass eine Kommission nicht nur ideenreich sein muss, sondern auch Mechanismen liefern muss, die die Entlastung im Tagesgeschäft von Betrieben verlässlich adressieren. Die kommenden Monate werden damit zu einem Belastungstest: Entscheidend ist, ob die Regierung Schritte einleitet, die das Handwerk tatsächlich stärken, während die wirtschaftlichen Signale derzeit eher nach unten zeigen.
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