LONDON (IT BOLTWISE) – Das Bundeskabinett hat das Gesundheitsdigitalgesetz (GeDIG) verabschiedet und damit die Weichen für eine neue Rolle der elektronischen Patientenakte (ePA) gestellt. Die Akte soll als „Health Hub“ stärker in den Alltag von Patientinnen und Patienten sowie in klinische Prozesse hineinreichen – inklusive Volltextsuche und digitaler Impf-Verwaltung. Gleichzeitig rückt die e-Überweisung in den Fokus, die ab 1. September 2029 verpflichtend werden soll. Im Hintergrund modernisiert die Gematik die Sicherheitsinfrastruktur mit einer Umstellung von RSA-2048 auf ECC-256, während sich die Anbieterlandschaft bereits auf FHIR-Interoperabilität einstellt.

Gesundheitsdigitalgesetz: GeDIG macht die ePA zum FHIR-Health-Hub
Gesundheitsdigitalgesetz: GeDIG macht die ePA zum FHIR-Health-Hub (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit dem Gesundheitsdigitalgesetz (GeDIG) will die Bundesregierung die Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht nur beschleunigen, sondern funktional neu ordnen: Die elektronische Patientenakte (ePA) wird dabei vom Ablageort zum digitalen Einstiegspunkt. Das Bundeskabinett verabschiedete das Gesetz am 15. Juli 2026 – zeitlich passend zu einer Phase, in der Interoperabilität in vielen Branchen längst zur Lieferantenfrage geworden ist. Zentral ist die Einführung einheitlicher Datenstandards nach dem FHIR-Prinzip, wodurch Datenmodelle und Schnittstellen so gestaltet werden sollen, dass Systeme über Institutionen hinweg konsistent kommunizieren können. Für Unternehmen bedeutet das: Integration ist nicht mehr „nice to have“, sondern wird zum Kern ihrer Produktstrategie im Klinik- und Praxisumfeld.

Technisch greift GeDIG damit ein Prinzip auf, das in der Praxis häufig unterschätzt wird: Es reicht nicht, dass Informationen irgendwo vorhanden sind; entscheidend ist, wie zuverlässig sie über die Systemgrenzen hinweg identisch strukturiert, semantisch verstanden und weiterverarbeitet werden. Die ePA soll künftig als „Health Hub“ fungieren und Patienten Funktionen bieten, die über das reine Anzeigen von Dokumenten hinausgehen. Genannt werden eine Volltextsuche in den Akten, das Verwalten digitaler Impfpässe sowie die Möglichkeit, sich über klinische Studien zu informieren. Auf der Prozessseite kommt die elektronische Überweisung (e-Überweisung) hinzu, die ab dem 1. September 2029 verpflichtend sein soll. Diese Kombination aus such- und workflowfähigen Datenflüssen erhöht den Druck, dass Schnittstellen nicht nur technisch funktionieren, sondern auch in Qualität, Aktualität und Nachvollziehbarkeit in den Versorgungsalltag eingebettet sind.

Finanziell untermauert die Regierung die Richtung mit einer erwarteten Einsparung von rund 445 Millionen Euro pro Jahr. Das klingt zunächst nach einer makroökonomischen Ansage, hat aber eine konkrete Übersetzungsaufgabe für IT- und Informationssicherheitsverantwortliche: Wo Einsparungen entstehen sollen, müssen Prozesse messbar effizienter werden – etwa durch weniger Medienbrüche, geringere Abstimmungsaufwände zwischen Akteuren und eine schnellere Verfügbarkeit relevanter Informationen. Genau an dieser Stelle wird die Sicherheitsinfrastruktur zum kritischen Engpass. Parallel zum Gesetzesvorhaben treibt die nationale Digitalagentur den Umbau der Telematikinfrastruktur voran, mit Fokus auf elektronische Gesundheitsberufekarten (eHBA) und Institutionskarten (SMC-B). Die Umstellung von RSA-2048 auf ECC-256 läuft dabei mit einer verlängerten Frist bis zum 30. Juni 2026. Zusätzlich müssen rund 30.000 Karten ausgetauscht werden, und ab dem 1. Januar 2026 werden nur noch ECC-basierte Karten produziert – ein Zeitplan, der in Rollout- und Compliance-Pläne eingeplant werden muss.

Während Gematik die kryptografische Basis modernisiert, passt sich der Markt zugleich an die neue Interoperabilitätslogik an. Große Technologieanbieter stellen sich auf einen Interoperabilitäts-Boom ein, weil FHIR nicht nur als „Format“, sondern als Architekturhebel für Datenintegration verstanden wird. Im SAP-Umfeld sucht man in Garching nach Spezialisten, die Krankenhausinformationssysteme (KIS) mit dem SAP-Portfolio verbinden sollen – mit Szenarien auf Basis des HL7-FHIR-Standards. Das adressiert ein wiederkehrendes Problem in der Praxis: Viele KIS-Umgebungen und Fachsysteme wurden über Jahre hinweg jeweils für bestimmte Workflows optimiert; FHIR wirkt hier wie ein gemeinsamer Nenner, um Daten austauschbar zu machen, ohne jeden Bilateral-Ansatz neu bauen zu müssen. Gleichzeitig bleibt die Wettbewerbslage dynamisch: Für den globalen Markt der elektronischen Patientenakten wurde InterSystems zuletzt von Gartner als führend eingestuft, was den Trend zu standardisierten Plattformen stützt. Auch Cloud-Anbieter setzen auf ähnliche Integrationsmuster: Eine Hybrid-Architektur mit FHIR-Schnittstellen soll lokale Systeme mit der Cloud verbinden, während etablierte Plattformen wie Mirth Connect und Rhapsody angebunden bleiben.

Der internationale Blick zeigt, dass GeDIG nicht im Vakuum entsteht. Eine Studie von Black Research aus dem dritten Quartal 2026 nennt 84 Prozent der Führungskräfte im Gesundheitswesen, die die FHIR-API-Bereitschaft priorisieren – noch bevor internationale Compliance-Fristen Anfang 2027 greifen. Zusätzlich startete ein Gremium rund um das International Patient Summary (IPS) ein Register, das standardisierte Datennutzung in 34 Ländern verfolgt. Diese beiden Punkte zusammen machen klar, warum FHIR kurzfristig zur strategischen Programmatik wird: Wer Schnittstellen und Datenmodelle früh harmonisiert, kann später schneller in neue Datenaustausch- und Auswertungswege einsteigen, ohne jedes Mal bei Null anzufangen. Parallel verschärft die EU mit dem AI Act die Regeln für KI-Systeme – gerade im Gesundheitssektor, wo Klassifikation, Risiko und Nachweisbarkeit stärker in den Vordergrund rücken. Für viele Organisationen heißt das praktisch: KI-Use-Cases müssen technisch integrierbar sein, aber auch entlang der regulatorischen Anforderungen dokumentierbar bleiben.

Damit rückt auch die Frage in den Vordergrund, wie KI-Entwicklung und Betriebsbetrieb in standardisierten Strukturen zusammenspielen. Laut dem beschriebenen Branchenkontext präsentierten Organisationen wie die IDM gGmbH und das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) KI-Modelle für medizinische Dokumentation und Text-zu-Sprache-Anwendungen. Ein konkret genannter Effizienzhebel lautet: Statt 15 Minuten pro Eintrag sollen KI-gestützte Workflows nur noch rund drei Minuten benötigen. Solche Zeitgewinne sind allerdings nur dann betriebsfest, wenn die Datenbasis stimmt: FHIR-Transaktionen, strukturierte Felder und konsistente Terminologie müssen so bereitstehen, dass KI-Assistenten nicht „frei formulieren“, sondern aus verwertbaren Kontexten arbeiten. Genau hier treffen sich technische Grundlagen, Markt-Realität und Security-Anforderungen. Denn mit der Umstellung auf ECC-256 und der Einführung verpflichtender Prozesse wie der e-Überweisung steigt auch die Relevanz von Schlüsselmanagement, Kartenrotation und kryptografischer Vertrauensketten-Transparenz. Unternehmen, die jetzt in Integration investieren, können den organisatorischen Aufwand reduzieren, aber sie müssen zugleich ihre Sicherheitsarchitektur auf die neuen Standard- und Fristenlogiken ausrichten.

Unterm Strich verschiebt GeDIG den Schwerpunkt im Gesundheits-IT-Betrieb: von isolierten Systemen hin zu einem Ökosystem, in dem Datenstandards und Sicherheitsmechanismen gemeinsam gedacht werden müssen. Die ePA als „Health Hub“ mit Volltextsuche, Impf-Management und Studien-Informationen sowie die e-Überweisung ab 1. September 2029 setzen konkrete Nutzungs- und Prozesssignale, während die Gematik die kryptografische Infrastruktur bis zum 30. Juni 2026 modernisiert. Gleichzeitig zeigt der internationale Trend mit 84 Prozent Priorisierung für FHIR-APIs, dass Standardisierung nicht nur eine deutsche Hausaufgabe ist, sondern eine globale Wettbewerbsfrage. Für IT- und Security-Teams heißt das: Roadmaps sollten jetzt nicht nur auf Implementierungszeitpunkte, sondern auf Zusammenspiel aus Interoperabilität, Datenqualität, Schlüsselrotation und KI-Governance ausgerichtet werden – damit die versprochenen Effekte in der Versorgung und in den Kostenrealitäten ankommen.


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