GARCHING / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Astronomische Gesellschaft ehrt 2026 Forschende und Vermittlerinnen und Vermittler mit mehreren Preisen. Im Fokus stehen unter anderem neue Erkenntnisse zur Entstehung massereicher Schwarzer Löcher, ein Standardwerkzeug der Astrophysik für Strahlungstransport sowie Fortschritte in der Astrochemie. Daneben würdigt die AG auch Beiträge, die Forschung über Bücher und Formate in die Öffentlichkeit tragen. Die Preisverleihungen finden im September 2026 im Rahmen der Jahrestagung in Garching statt.

Astronomie-Auszeichnungen 2026: Schwarze Löcher, RADMC-3D und neue Wege der Lehre
Astronomie-Auszeichnungen 2026: Schwarze Löcher, RADMC-3D und neue Wege der Lehre (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Astronomie-Bilanz für 2026 klingt nach drei Dingen gleichzeitig: nach tiefer Physik in den Zentren von Galaxien, nach harter Software-Arbeit im Hintergrund der Beobachtung und nach einer Lernkultur, die über Fachvorträge hinausgeht. Im September 2026 werden bei der Jahrestagung der Astronomischen Gesellschaft in Garching mehrere Auszeichnungen vergeben, darunter der Astrophysikalische Softwarepreis, ein Promotionspreis sowie Preise für Beiträge zur Sternentstehung und zur Wissenschaftskommunikation. Auch wenn jede Kategorie ihre eigene Logik hat, greifen die Themen ineinander: Schwarze Löcher wachsen nicht im luftleeren Raum, Strahlungstransport ist die gemeinsame Sprache von Modell und Messung, und die Interpretation komplexer Daten braucht zugleich Transfer in verständliche Konzepte.

Den Kern wissenschaftlicher Richtung setzt in diesem Jahr unter anderem Marta Volonteri, Directrice de Recherche am Institut d’Astrophysique de Paris (CNRS). Ausgezeichnet werden ihre wegweisenden Beiträge zum Verständnis, wie massereiche Schwarze Löcher mit Millionen bis Milliarden Sonnenmassen in den Zentren von Galaxien entstehen und sich entwickeln. Besonders prägnant ist dabei der Ansatz, theoretische Modelle nicht nur als abstrakte Simulationen zu begreifen, sondern mit der Interpretation realer Beobachtungen zu verzahnen: Damit wird sichtbar, wie eng das Wachstum Schwarzer Löcher, die Galaxienentstehung, Akkretionsprozesse, Sterndynamik und die Entwicklung des Universums bei hohen Rotverschiebungen zusammenhängen. Für die Praxis bedeutet das: Wer frühe Galaxienentwicklung versteht, muss auch verstehen, wie schnell und auf welchem Pfad zentrale Masse in extreme Gravitation übergeht.

Parallel dazu zeigt der Astrophysikalische Softwarepreis, wie entscheidend die „Infrastruktur“ in der KI- und Datenwelt der Astrophysik ist, auch wenn hier keine KI im Vordergrund steht. Für die Konzeption, Entwicklung und langjährige Betreuung der Strahlungstransport-Software RADMC-3D erhält Cornelis Dullemond vom Institut für Astronomie an der Universität Heidelberg die Auszeichnung. RADMC-3D ist ein weit verbreitetes Paket, das Forschenden einen Rahmen bietet, um Strahlungstransport in Gas und Staub zu modellieren und synthetische Beobachtungsdaten zu erzeugen, die sich direkt mit astronomischen Messungen vergleichen lassen. Gerade bei protoplanetaren Scheiben oder aktiven Galaxienkernen entscheidet der Strahlungstransport häufig darüber, ob eine Bildinterpretation „physikalisch plausibel“ ist oder nur qualitativ passt. Die Zuverlässigkeit und Flexibilität des Tools haben es damit über Jahre hinweg zu einem Standardwerkzeug gemacht, weil es unterschiedliche Szenarien abbilden kann, ohne dass das Modelling ständig bei Null beginnt.

Auch die Preisvergabe an Caroline Gieser und ihren Ludwig-Biermann-Preis 2026 lässt sich als Brücke zwischen Messung und Modell lesen. Gieser wird für Beiträge zu den physikalischen und chemischen Prozessen ausgezeichnet, die Sternentstehung bestimmen. Ihr Ansatz kombiniert modernste Beobachtungen mit fortgeschrittener astrochemischer Modellierung und liefert dabei Beobachtungsbeschränkungen für die Dichte- und Temperaturstrukturen massereicher protostellarer Kerne. Entscheidend ist außerdem, dass die chemische Entwicklung als Diagnoseinstrument genutzt wird: Bestimmte chemische Signaturen lassen sich verfolgen, um frühe Phasen der Sternentstehung abzuleiten. Damit wird das chemische „Gedächtnis“ kalter und heißer Regionen im Sternentstehungsprozess in eine messbare Aussage über Zeitentwicklung übersetzt. Für viele Teams ist genau das der Engpass: Aus Daten auf dynamische Zustände zu schließen, braucht sowohl robuste Modellannahmen als auch eine Interpretation, die nicht nur eine Momentaufnahme liefert, sondern zeitliche Sequenzen.

Beim Promotionspreis 2026 rückt wiederum der Nachweis extremer Masse in einem konkreten Sternsystem in den Vordergrund. Maximilian Häberle von der ESO erhält die Auszeichnung für bahnbrechende Beiträge zur Erforschung Schwarzer Löcher und stellarer Systeme. Während der Promotion am MPIA erstellte er einen astrometrischen Katalog mit Daten von mehr als 1,4 Millionen Sternen im Omega Centauri, einem der massereichsten Sternhaufen der Milchstraße. Aus dieser Datenlage identifizierte er eine kleine Population besonders schneller Sterne im Zentrum des Haufens. Die Bewegungen dieser Sterne lassen sich, wie die Arbeit zeigt, nur durch die Existenz eines Schwarzen Lochs mittlerer Masse mit mehr als achttausend Sonnenmassen erklären. Damit entsteht der erste eindeutige Nachweis dieser Black-Hole-Kategorie in dem untersuchten System – methodisch relevant, weil astrometrische Präzision und statistische Modellierung hier direkt zur astrophysikalischen Schlussfolgerung führen.

Dass Astronomie aber nicht nur aus Daten und Modellketten besteht, macht die AG ebenfalls sichtbar. Florian Freistetter erhält den Bruno-H.-Bürgel-Preis 2026 für seine außerordentlichen Erfolge, Astronomie einem breiten Publikum nahezubringen. Seine Bücher wie „Die Farben des Universums“ vermitteln astronomische Konzepte und Entdeckungen an eine große Leserschaft; besonders auffällig ist dabei, wie sehr er wiederkehrende Formate nutzt, um Interesse über längere Zeit zu halten. Formate wie „Astrodictum Simplex“ gelten als gut zugängliche Einstiege in wissenschaftliche Themen, ergänzt durch Podcasts und Kolumnen. Zusätzlich ist Freistetter seit 2015 Mitglied der österreichischen Wissenschafts-Comedy-Gruppe Science Busters, was den Charakter der Vermittlung erweitert: Wissenschaft wird nicht nur erklärt, sondern in den Alltag übersetzt. Parallel dazu steht Klaus Hünig mit dem Hans-Ludwig-Neumann-Preis 2026 für lebenslanges Engagement in einer praxisorientierten astronomischen Bildung. Schon in den 1980er Jahren entwickelte er Lehrmodelle und Bausätze, die Schülerinnen und Schülern Experimente ermöglichen, statt ausschließlich theoretisch zu lernen; über Jahrzehnte wuchs daraus eine Sammlung von Unterrichtsmaterialien, die heute Schulen im deutschsprachigen Raum nutzen.

Auch der Nachwuchs zeigt, wie sich Astronomie-Fragen mit mathematischer Modellierung bearbeiten lassen. Beim Jugend-forscht-Finale in Herzogenaurach gewannen Alexander Leukert und Leon Heinisch vom Isolde-Kurz-Gymnasium Reutlingen den 1. Preis im Fachgebiet Geo- und Raumwissenschaften und erhielten zusätzlich den von der AG vergebenen Sonderpreis für eine Arbeit aus dem Bereich Astronomie. Ihr Projekt untersucht, ob sich die Bahnen von Satelliten vorhersagen lassen, die zwischen einem Planeten und dessen Monden liegen. Dazu entwickelten sie ein eigenes mathematisches Modell zur Untersuchung von Satellitenbahnen und analysierten ein Stern-Planet-Mond-System, um die Stabilität der Umlaufbahnen zu prüfen. Das Ergebnis: In der Nähe bestimmter Punkte zwischen Planet und Monden sind kleine geschlossene Umlaufbahnen möglich. Damit wird ein klassisches Stabilitätsproblem der Himmelsmechanik in einen experimentell nachvollziehbaren Modellierungsrahmen übersetzt – und genau solche Brücken zwischen Theorie, Modell und überprüfbaren Aussagen tragen langfristig dazu bei, dass aus Beobachtungsdaten tatsächlich astrophysikalisches Verständnis entsteht.


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