KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Gesundheitsdigitalisierungsgesetz (GeDIG) wird mit dem Versprechen von jährlich rund 445 Millionen Euro Verwaltungsentlastung auf den Weg gebracht. Gleichzeitig werden neue IT-Sicherheitsauflagen verbindlich, darunter Werkzeuge des BSI für die digitale Widerstandsfähigkeit von Arztpraxen. Der Ausbau der elektronischen Patientenakte (ePA) kommt dabei mit konkreten Zeitpunkten wie Volltextsuche ab 2027 und digitale Impfpass-Funktionen bis Mitte 2027. In den Kliniken zeigt sich jedoch, wie groß die Umsetzungslücke zwischen Vorgabe und Alltag schon heute ist.

GeDIG: 445 Millionen Euro Verwaltungsentlastung – und mehr IT-Sicherheit in Arztpraxen
GeDIG: 445 Millionen Euro Verwaltungsentlastung – und mehr IT-Sicherheit in Arztpraxen (Foto: IT BOLTWISE)
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Das Gesundheitswesen steht vor einer doppelt getriebenen Veränderung: Einerseits will das Gesundheitsdigitalisierungsgesetz (GeDIG) Bürokratie abbauen, andererseits entstehen neue Sicherheits- und Implementierungspflichten, die in der Praxis nicht „nebenbei“ zu erledigen sind. Rund 445 Millionen Euro Verwaltungsentlastung pro Jahr nennt die Bundesregierung als Zielgröße des Entwurfs, der am 15. Juli 2026 grünes Licht erhielt. Schon parallel dazu wird der Hebel auf die Telematikinfrastruktur (TI) erhöht: Die elektronische Patientenakte (ePA) soll weiter ausgebaut werden, inklusive Volltextsuche, die Anfang 2027 erwartet wird. Für IT-Verantwortliche ist daran weniger die Anwendungslogik entscheidend als die Frage, wie sich Datenzugriff, Betriebsbetrieb und Notfallprozesse unter strengeren Sicherheitsvorgaben stabil halten lassen.

Ein sichtbarer Baustein kommt dabei vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI): Am 22. Juli 2026 veröffentlichte es ein Informationspaket für Arztpraxen. Es zielt darauf ab, die verbindlichen IT-Sicherheitsvorgaben aus Paragraf 390 des Sozialgesetzbuchs V praktisch umzusetzen. Die Regeln gelten bereits seit Oktober 2025 für die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und seit Januar 2026 für die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV). Inhaltlich geht es nicht nur um abstrakte Anforderungen, sondern um konkrete Hilfsmittel wie einen „Quick-Check“ zur digitalen Widerstandsfähigkeit, Handlungsempfehlungen sowie eine IT-Notfallkarte für das Praxispersonal. Gerade kleinere Praxen sollen damit in die Lage versetzt werden, sensible Patientendaten in der TI wirksam zu schützen, obwohl ihnen oft eigene Security-Operations-Prozesse fehlen.

GeDIG setzt zusätzlich auf digitale Bausteine, die den Alltag in Praxen und Kliniken spürbar verändern: Der digitale Impfpass soll bis Mitte 2027 folgen, und bis zum 1. September 2029 sind elektronische Überweisungen (E-Überweisungen) flächendeckend vorgesehen. Auch die Nutzung von TI-Messengern für sichere Kommunikation zwischen Leistungserbringern wird vorangetrieben. Das ist technisch relevant, weil damit Integrationen und Schnittstellen nicht nur „technisch möglich“, sondern im Regelbetrieb zuverlässig und abgesichert sein müssen. In der Praxis bedeutet das: Verantwortliche müssen Identitäten sauber verwalten, Nachrichtenflüsse nachhalten und sicherstellen, dass Berechtigungsmodelle und Protokollierung im Fehlerfall nachvollziehbar bleiben. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von reinem Feature-Rollout hin zu Betriebssicherheit, also zu dem Teil der Digitalisierung, der häufig erst sichtbar wird, wenn es bei Updates, Störungen oder Notfällen zählt.

Dass Tempo und Umsetzung nicht automatisch zusammengehen, zeigt ein Blick in die Kliniken. Ein DigitalRadar-Modell, das am 22. Juli 2026 vom Bundesgesundheitsministerium vorgestellt wurde, macht Investitionslücken in allen 16 Bundesländern sichtbar. Laut Erhebungen des Deutschen Krankenhausinstituts haben nur 56 Prozent der Kliniken die notwendigen Updates ihrer Krankenhausinformationssysteme (KIS) für die ePA abgeschlossen. Zwar geben 62 Prozent der Kliniken an, Zugang zur ePA zu haben, doch im Gematik-TI-Dashboard nutzen von 1.800 Kliniken lediglich 650 die Akte aktiv. Zusätzlich ist bereits seit Oktober 2025 eine Befüllungsverpflichtung für Ärztinnen und Ärzte in Kraft; die Diskrepanz zwischen Anspruch und gelebtem Prozess bleibt damit eine zentrale Risikozone. Für Informationssicherheits- und IT-Leitungen heißt das: Man muss nicht nur Systeme „anbinden“, sondern auch den operativen Betrieb so umbauen, dass Datenqualität und Nutzungsraten steigen, ohne die klinische Entscheidungslogik zu überfrachten.

Während die nationale Umsetzung läuft, verschiebt sich der Blick parallel in Richtung europäischer Rahmenbedingungen. Neben GeDIG rückt in vielen Organisationen auch der EU AI Act zunehmend in den Fokus, weil Compliance-Verantwortliche frist- und risikobezogene Pflichten bei KI-Systemen einordnen müssen. Eng verbunden ist das Ganze zudem mit dem Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS), der im März 2025 in Kraft trat: Die Umsetzung erfolgt gestaffelt, zunächst sollen Patientenkurzberichte und E-Rezepte bis März 2029 grenzüberschreitend funktionieren, danach folgen weitere Anwendungsfälle wie Bildgebung, Laborergebnisse und Entlassbriefe bis März 2031. Technische Basis bleibt dabei der FHIR R4-Standard. Ergänzend gilt seit März 2025 die C5-Gleichwertigkeitsverordnung (C5GleichwV), die rückwirkend zum 1. Juli 2024 Sicherheitszertifikate für Cloud-Dienste im Gesundheitswesen regelt und Standards wie DIN EN ISO/IEC 27001:2022 anerkennt. Wer diese Linien zusammenführt, landet bei einer klaren Konsequenz: Architekturentscheidungen für TI, Cloud-Nutzung und Datenflüsse müssen künftig stärker nach nachweisbaren Sicherheits- und Zertifizierungslogiken ausgerichtet werden.

Dass die neuen Werkzeuge im Alltag funktionieren können, zeigt zugleich, wie sich Pilotbetrieb in konkrete Routinen übersetzen lässt. In Köln eröffnete die KV Nordrhein am 1. Juli 2026 die „MediTeam“-Praxis am Butzweilerhof als Reallabor auf 300 Quadratmetern. Dort werden KI-gestützte Anwendungen und neue Organisationsabläufe erprobt, was vor allem für die Frage wichtig ist, wie stark KI in bestehende Workflows integriert wird statt als isoliertes Add-on zu enden. Im Heiligenstädter Malteser-Gesundheitszentrum läuft parallel ein sechsmonatiges Pilotprojekt, in dem Rettungssanitäter und Hausärzte per TI-Messenger kommunizieren; nach der Testphase soll das System dauerhaft integriert werden, inklusive Videofunktion. Auch Apotheker rüsten um: Am 22. Juli 2026 unterzeichneten der Deutsche Apothekerverband (DAV) und die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Apotheken-Softwarehäuser (ADAS) eine Absichtserklärung zur Verbesserung der ePA-Nutzerfreundlichkeit, während am 15. Juli 2026 eine neue Pilotphase mit erweiterter elektronischer Medikationsliste und dem elektronischen Medikationsplan (eMP) gestartet ist. Für Unternehmen und Softwareanbieter in der Gesundheits-IT bedeutet das vor allem: Die Schnittstellen werden nicht nur „weiterentwickelt“, sondern unter echten Prozessbedingungen geprüft.

Gleichzeitig bleibt der politische und fachliche Widerstand Teil der Gleichung. Der Hartmannbund äußerte am 22. Juli 2026 Bedenken, insbesondere hinsichtlich der Gefahr für die ärztliche Entscheidungsfreiheit sowie beim Datenzugriff für Krankenkassen. Solche Einwände sind nicht nur Positionierung, sondern wirken direkt auf Anforderungen an Rollenmodelle, Datenminimierung und Transparenz: Wenn mehr Datenflüsse entstehen, müssen sie sich in der Wahrnehmung der Leistungserbringer an klaren Grenzen orientieren. Für die nächsten Monate dürfte daher entscheidend sein, ob sich die Sicherheitsvorgaben aus dem BSI-Paket mit konkreten Betriebsprozessen verbinden lassen und ob Kliniken die Update- und Befüllquoten aus dem „Plan“-Modus in den „Messen“-Modus bringen. In Summe ist GeDIG damit mehr als ein Budget- oder Rollout-Thema: Es ist ein Umbau von IT-Betrieb, Governance und Datenzugriff, der bereits jetzt darüber entscheidet, ob Digitalisierung im Gesundheitswesen als Entlastung erlebt wird oder als zusätzliche Belastung.


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