LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – National Grid hat für das Geschäftsjahr bis zum 31.03.2024 einen bereinigten EPS von rund 1,18 Pfund gemeldet. Damit setzt der britische Netzbetreiber die Erwartung fort, dass sein Ergebnisbeitrag vor allem aus regulierten Strom- und Gasnetzen kommt. Entscheidend für Anleger ist dabei die Kombination aus Dividendenkontinuität und einem Investitionsprogramm, das die Energiewende in die Netzinfrastruktur übersetzt. Offen bleibt allerdings, wie stark die steigende Kapitalbindung die Kennzahlen in den kommenden Regulierungszyklen prägt.

National Grid wird an der Börse seit Jahren vor allem als defensiver Infrastrukturwert wahrgenommen: Nicht Energieerzeugung oder Handelsvolumen treiben das Profil, sondern der Betrieb von Strom- und Gastransportnetzen unter einem regulierten Rendite- und Investitionsrahmen. Genau diese Mechanik bildet den Kern der jüngsten Geschäftszahlen für das bis zum 31.03.2024 laufende Geschäftsjahr. Der Konzern steigerte den bereinigten Gewinn je Aktie (EPS) auf rund 1,18 Pfund und blieb damit im Bild eines Geschäftsmodells, das Erträge planbarer macht als in stärker wettbewerbsgetriebenen Segmenten.
Technisch betrachtet liegt die Stabilität in der Regulierungslogik: Die Erlöse entstehen überwiegend über genehmigte Rahmenwerke, in denen Renditen, Investitionsvolumina und Effizienzvorgaben vorab strukturiert sind. In der Praxis bedeutet das, dass National Grid Investitionen in Netze und Leitungen nicht „ins Blaue“ tätigen muss, sondern sie in einen mehrjährigen Rahmen einbetten kann. Für Anleger ist dabei auch relevant, dass der Konzern trotz hoher Investitionen operative Ergebnisgrößen auf solidem Niveau hielt. Der Markt bewertet damit weniger eine kurzfristige Gewinnspitze, sondern eher die Fähigkeit, kapitalintensive Projekte in einen akzeptierten regulatorischen Kosten- und Ertragsmix zu überführen.
Auf der Ausschüttungsseite setzte National Grid ebenfalls ein Signal: Für 2023/24 wurde eine Dividende von rund 0,55 Pfund je Aktie genannt, leicht über dem Vorjahresniveau nahe 0,50 Pfund. In einkommensorientierten Portfolios ist genau diese Kontinuität oft wichtiger als dynamische Wachstumsraten, weil sie die Erwartung an einen stabilen Ertragsstrom stützt. Zusätzlich spielt der Free Cashflow eine Rolle: Die Mittelzuflüsse aus dem operativen Geschäft lagen über mehreren Milliarden Pfund und konnten damit einen wesentlichen Teil der Investitionsausgaben abdecken. Damit wird die Dividendenpolitik nicht ausschließlich mit kurzfristigen Sondereffekten verankert, sondern an einer laufenden Cashflow-Basis ausgerichtet.
Der zweite große Treiber ist das Investitionsprogramm rund um die Energiewende. National Grid bündelt seine Kapitaleinsätze in den Ausbau und die Modernisierung der Netze, inklusive der Verstärkung von Stromübertragungsleitungen und der Integration erneuerbarer Erzeugung, etwa Offshore-Wind. Solche Projekte sind typischerweise nicht nur groß im Volumen, sondern auch langfristig in ihrer Wirkung, weil sie Netzkapazitäten und Stabilität bereitstellen müssen, bevor neue Erzeugung in größerem Umfang zuverlässig einspeisen kann. Im Rahmen der Regulierungszyklen konnte der Konzern die eingesetzte Kapitalbasis (Regulated Asset Base) im zweistelligen Milliardenbereich erhöhen; das Wachstum um mehrere Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr ist für die Ertragsbasis insofern bedeutsam, als es die Grundlage für zukünftige, regulatorisch abgeleitete Renditen erweitert.
Für die laufende Bewertung rücken dann die Kennzahlen in den Vordergrund, mit denen sich die Qualität des Infrastrukturgeschäfts prüfen lässt. Dazu gehört die operative Marge im regulierten Netzgeschäft, die im oberen zweistelligen Prozentbereich lag, sowie der Verschuldungsgrad: Die Nettofinanzschulden lagen zum Ende des Geschäftsjahres in einem deutlich zweistelligen Milliardenbereich und stiegen gegenüber dem Vorjahr, was sich mit der intensiven Investitionstätigkeit erklären lässt. Hinzu kommen Renditen auf die eingesetzte Kapitalbasis, also Größen wie ROE oder Rendite auf reguliertes Kapital; im Fall von National Grid bewegt sich das Ergebnis im Rahmen dessen, was die Regulierungsbehörden typischerweise als angemessen definieren. Gleichzeitig bleibt der internationale Vergleich relevant: Im Marktumfeld anderer europäischer Netzbetreiber gilt National Grid damit eher als konsistenter Performer als als Optimierer mit starkem Bewertungsaufschlag.
Auch die Marktdimension ordnet sich dem defensiven Charakter unter: National Grid wird in London gehandelt, die Marktkapitalisierung wird Mitte 2024 im Bereich von rund 35 bis 40 Milliarden Pfund verortet, während der Kurs grob zwischen 10 und 12 Pfund je Anteilsschein lag. Das daraus abgeleitete KGV fällt auf Basis des bereinigten EPS in den niedrigen bis mittleren zweistelligen Bereich, was die fehlende „Spekulationsprämie“ widerspiegelt. Für Anleger aus dem DACH-Raum kann diese Konstellation zusätzlich attraktiv sein, weil die Aktie häufig über paneuropäische Infrastruktur- und Versorgerindizes sowie thematische Fonds indirekt zugänglich ist. Der praktische Nutzen liegt dann weniger in einer Wette auf kurzfristige Energiepreise, sondern in der Beimischung eines Netzbetreibers, dessen Risiko- und Ertragsstruktur stärker über Regulierung und Cashflows als über Marktvolatilität getaktet wird.
Unterm Strich zeigt National Grid mit den Zahlen für 2023/24 vor allem zwei Dinge: Erstens bleibt die Ergebnisqualität an das regulierte Netzgeschäft gekoppelt, was sich im bereinigten EPS um 1,18 Pfund und in der operativen Stabilität ausdrückt. Zweitens schafft die Investitionskraft die Voraussetzung dafür, die Energiewende nicht nur politisch zu begleiten, sondern technisch in die Netze zu übertragen, wobei die Regulierungsmechanik die Renditepfade absteckt. Für die nächsten Quartale wird daher weniger die Frage „ob“ investiert wird, sondern „wie“ die Kapitalbasis wächst und wie gut der Free Cashflow diese Ausgaben dauerhaft tragen kann. Wer Infrastruktur als langfristige Asset-Klasse sucht, findet in National Grid genau das Profil, das die Branche seit Jahren auszeichnet: regulierte Planungssicherheit kombiniert mit einer Dividende, die sich an eine belastbare Cashflow-Realität bindet.
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