LONDON (IT BOLTWISE) – Ermittler haben die Phishing-as-a-Service-Plattform „Kratos“ zerschlagen und mehr als 200 Server beschlagnahmt. Laut den vorliegenden Angaben nutzten rund 1.800 Kriminelle den Dienst, um in vielen Ländern wöchentlich Kampagnen zu starten. Der operative Kern: ein „Adversary-in-the-Middle“-Ansatz, der Zugangsdaten und Sitzungscookies abgreift und damit Zwei-Faktor-Authentifizierung faktisch aushebelt. Doch schon kurz danach rücken neue Tools wie Kali365 und weitere Betrugsvarianten in den Fokus.

Die Zerschlagung von „Kratos“ markiert vor allem eines: Phishing funktioniert immer seltener als improvisiertes Handwerk, sondern immer häufiger als industriell betriebenes Produkt. In der aktuellen Operation wurden mehr als 200 Server beschlagnahmt und der mutmaßliche Entwickler in Indonesien festgenommen. Damit geht ein Service vom Markt, der nach den Angaben seit 2024 auf ein wiederholbares Geschäftsmodell gesetzt hat: rund 300.000 Euro Umsatz und ein klar skalierbarer Betrieb mit monatlich etwa 15.000 Phishing-Kampagnen in über 30 Ländern. Dass zudem etwa 1.800 Kriminelle als Nutzer genannt werden, zeigt die typische Rollenverteilung im Modell Phishing-as-a-Service: Wer nicht die Infrastruktur betreiben will, kauft sie als Paket ein.
Technisch interessant ist weniger der „Marketingname“ als die Angriffsmethodik. Die Ermittler beschreiben „Kratos“ als System, das Zwei-Faktor-Authentifizierung umgehen konnte. Zentral ist dabei ein sogenanntes „Adversary-in-the-Middle“-Verfahren, bei dem ein Angreifer in die Kommunikation zwischen dem Ziel und dem Authentifizierungsprozess eingreift. Statt nur Passwörter abzugreifen, fängt der Angreifer Anmeldedaten und Sitzungscookies von Microsoft-365-Konten ab und erhält dadurch direkten Zugriff auf Firmen- und Privatkonten. Für Sicherheitsverantwortliche ist das eine unbequeme Erkenntnis: Wenn ein Tool nicht nur Credentials, sondern auch gültige Sitzungen übernimmt, wird der Schutzwert von MFA reduziert, weil die zweite Hürde im Ablauf bereits „überbrückt“ ist.
Auch die Tarnung folgt inzwischen einer regelrechten Betriebslogik. Laut den vorliegenden Angaben setzte die Gruppe auf legitime Cloud-Dienste und umging CAPTCHA-Abfragen, um Erkennungsmechanismen zu umgehen. Das ist strategisch wichtig, weil viele Abwehrsysteme bei klassischen Phishing-Seiten auf beobachtbare Muster reagieren: ungewöhnliche Domain-Historien, statische Content-Strukturen oder immer gleiche Redirect-Ketten. Wer dagegen echte Cloud-Ressourcen nutzt und die Interaktion automatisiert, senkt die Auffälligkeit über mehrere Ebenen hinweg. Gleichzeitig bleibt die Wirksamkeit solcher „Schläge“ umstritten. Branchenkenner verweisen darauf, dass die Nachfrage nach automatisierten Phishing-Kits hoch bleibt und es nach einem Wegfall meist schnell Ersatz gibt – sei es durch Weiterentwicklung, Nachbau oder durch ähnliche Dienste in anderen Ökosystemen.
Während sich Unternehmen noch mit der Frage beschäftigen, wie nachhaltig ein einzelner Plattformstopp ist, kündigen sich neue Angriffswerkzeuge bereits im selben Atemzug an. So wird eine weitere Kampagne namens „Kali365“ beschrieben, die gezielt auf US-Organisationen ausgerichtet sei. Der Mechanismus: Missbrauch der Gerätecode-Authentifizierung, um OAuth-Tokens zu stehlen. Praktisch bedeutet das, dass Opfer ahnungslos fremde Codes auf legitimen Login-Seiten eingeben. Genau an dieser Stelle wird OAuth zum Hebel: Sind Tokens einmal erbeutet, können Angreifer sich gegenüber nachgelagerten Systemen als „berechtigt“ ausgeben, und dann reicht ein reines Passwort-Fokus-Modell oft nicht mehr aus. In Ergänzung wird außerdem über ähnliche Aktivitäten berichtet, bei denen passwortgeschützte PDFs und fingierte Anwaltsschreiben eingesetzt wurden, um Microsoft-Zugangsdaten zu erlangen – mit Zielsystemen wie Teams, OneDrive und Outlook.
Neben dem klassischen Office-Umfeld zeigt sich zudem, dass auch die Spieleindustrie ein attraktives Ziel bleibt. Für Xbox-Live-Nutzer seien Angriffe bekannt geworden, bei denen es darum ging, über Phishing-Attacken Microsoft Points sowie Packs im Umfeld von EA Sports Ultimate Team zu ergattern. Microsoft betont dabei, dass die Sicherheitsinfrastruktur von Xbox Live nicht direkt kompromittiert worden sei; die Angriffe seien über gestohlene Zugangsdaten erfolgt. Das unterstreicht einen wiederkehrenden Trend: Selbst wenn Plattformbetreiber ihre internen Controls konsequent härten, können Angreifer über die Benutzerautorisierung ansetzen. Dazu passt auch die Beobachtung, dass Passwörter immer stärker durch Phishing und automatisierte Angriffe ersetzt bzw. „umgangen“ werden und Unternehmen deshalb auf modernere Schutzmethoden setzen.
Ein Blick auf die Breite der Betrugslandschaft macht die Lage noch konkreter. Der Brand Phishing Report von Check Point Research für das zweite Quartal 2026 nennt Microsoft als am häufigsten imitierte Marke: 23 Prozent der beobachteten Phishing-Vorfälle. Dahinter liegen LinkedIn mit 11,6 Prozent und Google mit 6,7 Prozent. Der Technologiesektor bleibt damit bevorzugtes Ziel, was auch daran liegt, dass viele Nutzer und Prozesse dort stark mit Authentifizierung verknüpft sind. Gleichzeitig wächst ein Format, das für das Social Engineering besonders anschlussfähig ist: QR-Code-Phishing, auch „Quishing“ genannt. Die Zahl solcher Angriffe sei zwischen Januar und März 2026 um 146 Prozent gestiegen – von 7,6 auf 18,7 Millionen Vorfälle. Dahinter steckt weniger Magie als Vertrauen: Nutzer scannen QR-Codes häufig, ohne den Zielkontext aktiv zu prüfen.
Auf der Verteidigungsseite rücken Technologie- und Prozessfragen immer näher zusammen. Auffällig ist die Partnerschaft zwischen Microsoft und dem Versicherer AXA XL: Künftig soll Microsoft Defender stärker mit Versicherungsprozessen verknüpft werden, damit Kunden im Schadensfall schneller unterstützt werden. Solche Integrationen sind mehr als ein Marketingversprechen, denn sie berühren die Schnittstelle zwischen „Erkennung“ und „Schadenbearbeitung“: Welche Telemetriedaten werden bereitgestellt, wie werden Ereignisse klassifiziert, und wie schnell lässt sich ein Fall aus Sicht der Versicherung priorisieren? Ergänzend zeigt ein erwähnter Ermittlungsfall, dass gefälschter Support nach wie vor wirtschaftlich tragfähig ist: Ein chinesischer Staatsbürger sei festgenommen worden, weil er mit fingiertem Microsoft-Technik-Support ältere Menschen um 360.000 Dollar betrogen hatte. Für Entscheider folgt daraus eine klare Priorisierung: Kontosicherheit muss sich an realen Phishing-Abläufen messen lassen – also nicht nur an der Frage „Gibt es MFA?“, sondern an der Frage „Wie verhindert man Token- und Sitzungsdiebstahl?“
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