ÖSTERREICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine aktuelle Studie in Österreich zeigt, dass die psychische Belastung für viele Beschäftigte spürbar zunimmt. 63 Prozent berichten von einer Zunahme, besonders hoch ist der Wert bei Menschen mit Pflegeverantwortung. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Arbeitsmodellen, die sich an Lebensphasen orientieren. Für Unternehmen wird damit klar: Ergonomie und Organisation müssen enger zusammen gedacht werden.

Psychische Belastung steigt: 63 Prozent melden Zunahme – flexiblere Arbeitszeiten werden Kernforderung
Psychische Belastung steigt: 63 Prozent melden Zunahme – flexiblere Arbeitszeiten werden Kernforderung (Foto: IT BOLTWISE)
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Psychische Belastung entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Thema für HR, Führung und Betriebliches Gesundheitsmanagement – und nicht nur zu einer Frage des individuellen Umgangs. Die aktuelle Datengrundlage aus Österreich ist dabei besonders deutlich: In der Befragung äußern drei von vier Arbeitnehmern den Wunsch nach Arbeitsmodellen, die sich an ihrer Lebensphase orientieren. Der Kerngedanke dahinter ist simpel, aber folgenschwer: Wenn Arbeit sich nicht mehr in den privaten Lebensrhythmus einfügt, verschiebt sich Zeitdruck in den Alltag, und damit auch die mentale Last.

Die Zahl, die in vielen Organisationen Alarm auslöst, ist die gemeldete Dynamik: 63 Prozent der Befragten berichten von einer Zunahme der psychischen Belastung. Besonders ausgeprägt ist das Muster bei Beschäftigten mit Pflegeverantwortung – hier liegt der Wert bei 83 Prozent. Interessant ist auch, welche Faktoren laut Befragung die Belastung verstärken oder zumindest mit ihr einhergehen: Teamarbeit wird von 32 Prozent genannt, Flexibilität ebenfalls von 32 Prozent, Wertschätzung von 26 Prozent. Daraus lässt sich ableiten, dass nicht nur die Arbeitsmenge, sondern vor allem die Interaktions- und Organisationsbedingungen entscheidend sind, also wie Teams planen, Abstimmungen leben und wie Führungskultur wahrgenommen wird.

Der Blick auf die „unsichtbaren“ Betriebsphänomene macht die Lage zusätzlich greifbar. Eine zweite Untersuchung der IU Internationalen Hochschule beschreibt, dass sich rund ein Drittel der Befragten verpflichtet fühlt, auch nach Feierabend erreichbar zu sein, während 40 Prozent gedanklich ständig „auf Empfang“ sind. Genau an dieser Stelle entsteht ein klassischer Konflikt zwischen formaler Arbeitszeit und informellem Erwartungsmanagement: Selbst wenn Schichten enden, bleiben Zugriffe, Chats und mentale Bereitschaft bestehen. Die Folge sind nicht abstrakte Befindlichkeiten, sondern messbare Muster wie Erschöpfung und Schlafprobleme, die wiederum die Leistungsfähigkeit in den nächsten Arbeitsphasen direkt treffen.

Dass psychische Belastungen nicht nur „im Kopf“ bleiben, zeigt auch der Krankheitsausfall. Die DAK-Gesundheit meldet für das erste Halbjahr 2026 einen Anstieg psychischer Erkrankungen um 9 Prozent; gleichzeitig sind sie der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit. Dabei steigt auch die durchschnittliche Erkrankungsdauer auf 9,7 Tage – ein Wert, der für die Planung von Teams, Vertretungen und Projekt-Pipelines relevant ist. Gleichzeitig gibt es ein gemischtes Bild: Atemwegserkrankungen gingen um 21 Prozent zurück. Das unterstreicht, dass die Veränderung bei psychischen Themen nicht automatisch mit saisonalen Effekten erklärt werden kann, sondern eher mit arbeitsorganisatorischen Ursachen zusammenhängt.

Für das betriebliche Gesundheitsmanagement formulieren Expertinnen der EAH Jena deshalb einen präventiven Ansatz, der stärker auf Strukturen zielt. Konkret werden transparente Erreichbarkeitsregeln empfohlen, die Einbindung von Führungskräften sowie die Erfassung psychischer Belastungen in Gefährdungsbeurteilungen. Technisch betrachtet ist das eine Verschiebung von reaktiven Maßnahmen hin zu kontinuierlicher Risikosteuerung: Unternehmen müssen definieren, wann und wie Kommunikation erwartet wird, welche Rollen dafür zuständig sind und wie Belastungsindikatoren systematisch erhoben werden. In der Praxis kann das bedeuten, Erreichbarkeit nicht als individuelles „Goodwill“-Thema zu behandeln, sondern als Teil der Prozess- und Rollenarchitektur – inklusive Regeln für Eskalationen, Planbarkeit und die Vermeidung dauerhafter Kontextwechsel.

Der Handlungsdruck verstärkt sich zudem durch den Fachkräftemangel. Für Deutschland weist KOFA im Jahr 2025 ein Defizit von 369.516 qualifizierten Arbeitskräften aus; parallel warnt der TÜV Rheinland, dass der Mangel zu Arbeitsverdichtung führt und dadurch physische wie psychische Belastungen verstärkt werden. Unter solchen Bedingungen reichen Einzelmaßnahmen oft nicht aus, weil sich Stress über mehr Aufgaben pro Person und weniger Puffer in den Alltag fortpflanzt. Ergänzend zeigen Daten von WTW, dass 46 Prozent der deutschen Unternehmen die Wahl zwischen Firmenwagen und Geldlösung anbieten. Und eine Analyse von Fidelity und der Universität Hamburg nennt, dass 29,57 Prozent der Organisationen mit mehr als 300 Beschäftigten Zeitwertkonten eingeführt haben. Beides sind Bausteine, die Arbeitsgestaltung indirekt beeinflussen können – entscheidend ist jedoch, ob sie tatsächlich Spielräume schaffen oder nur zusätzliche Verwaltungsinstrumente werden.

Damit sich Arbeitsverdichtung nicht zur gesundheitlichen Falle entwickelt, rückt strukturiertes Selbstmanagement stärker in den Fokus – allerdings nicht als Ersatz für Unternehmensverantwortung, sondern als Ergänzung zu klaren Rahmenbedingungen. In der Logik zeitgemäßer Governance helfen Methoden, um den eigenen Tag planbar zu machen, Stress zu reduzieren und Erwartungslücken zu schließen. Parallel kündigt die Politik eine Präventionsoffensive an: Bundesgesundheitsministerin Nina Warken will gegensteuern, und Deutschland liegt laut Public Health Index auf dem vorletzten Platz unter 18 verglichenen Ländern. Aus der Praxisperspektive ist die Signalwirkung klar: Wer flexible Arbeitszeitmodelle und verlässliche Erreichbarkeitsregeln ernst nimmt, reduziert nicht nur individuelle Belastung, sondern verbessert auch Planbarkeit, Kooperationsqualität und damit langfristig die Resilienz von Teams.


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