DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – In Düsseldorf häufen sich Berichte aus dem Buchhandel, wonach KI-Firmen gezielt massenhaft Bücher bestellen, die in Antiquariaten sonst kaum nachgefragt werden. Viele Sendungen sind offenbar für den Export in die USA gedacht, während zugleich auffällig teure Versandwege in Kauf genommen werden. Buchhändler vermuten als Folgeprozesse das systematische Einscannen und die Vernichtung der gedruckten Exemplare. Während der Börsenverein den Verdacht auf einen massiven Urheberrechtsverstoß äußert, bleibt rechtlich umstritten, wie weit sich „Fair Use“ auf Trainingszwecke auswirkt.

In Düsseldorf treffen aktuell ungewöhnliche Buchbestellungen auf reibungslosen Onlinehandel: Händler berichten, dass über Plattformen plötzlich zahlreiche „Ladenhüter“ auftauchen, teils in sehr großen Mengen und aus einer Hand. Entscheidend ist dabei weniger die Frage, ob überhaupt digitalisiert wird, sondern die auffällige Musterbildung: Bestellungen decken scheinbar beliebig unterschiedliche Themen ab und werden gleichzeitig mit einem klaren Ziel verknüpft – nicht mit dem Absatz am Sekundärmarkt. Ein Antiquar aus Flingern beschreibt, dass in den letzten Wochen mehrere Werke mit thematischem Bezug zu sehr spezifischen historischen Regeln im öffentlichen Dienst auftauchten, obwohl diese Titel in seinem Alltag nicht „automatisch“ gekauft werden.
Konkrete Indizien verdichten sich in der Händlerperspektive: Teilweise kommen, so schildern es mehrere Betroffene, bis zu 20 Bestellungen von demselben Kunden. Außerdem sollen viele Sendungen in die USA gehen – obwohl der Versandpreis für einzelne Bücher deutlich über dem liegt, was das gedruckte Exemplar üblicherweise einbringt. Genau diese Kosten-/Nutzen-Kalkulation wirkt wie ein Hinweis darauf, dass nicht der Buchwert im Vordergrund steht, sondern das Material als Input für Trainingsprozesse. In einem Fall wurde zudem eine Konstellation genannt, bei der die Lieferadresse deutsch ist, während die Rechnungsadresse in den USA oder in Kanada verortet ist; auch das passt zu einem Szenario, in dem nicht der Einkauf für den eigenen Handel, sondern die Beschaffung für andere Zwecke organisiert wird.
Die technische Vermutung dahinter lautet: erst kaufen, dann digitalisieren und am Ende vernichten. Händler sprechen darüber, dass die Bücher möglicherweise „zerteilt“ und anschließend Seite für Seite eingelesen werden könnten, um daraus Trainingsdaten zu gewinnen. Gleichzeitig fällt auf, dass viele der angefragten Exemplare sehr alt sind oder bereits seit Jahren online zum Verkauf stünden, ohne Abnehmer zu finden. Wenn ein Markt über Jahre keine Nachfrage generiert, wird der nächste Schritt plausibel: Die gedruckte Form ist dann nicht mehr Ware, sondern Rohmaterial. Historisch betrachtet ist der Weg von gedruckten Korpora zu Trainingsdaten für KI-Systeme nicht neu; neu ist vor allem die Größenordnung, die in den Berichten anklingt, und der Umstand, dass der Prozess über klassische Retail- und Antiquariatskanäle laufen könnte.
Aus rechtlicher Sicht verschärft sich damit die Debatte um die Reichweite von „Fair Use“. In der Berichterstattung wird ein Zusammenhang hergestellt zu einem System, bei dem KI offenbar bereits einen Großteil digital verfügbarer Bücher erfasst habe und nun auf analoge Bestände ausweicht. Genannt wird außerdem ein Vorgehen, bei dem Millionen Bücher eingekauft, eingescannt und anschließend vernichtet worden sein sollen. Unabhängig davon, ob man diese Schritte im Detail akzeptiert oder ablehnt: Entscheidend ist, dass der Trainingszweck in das Spannungsfeld zwischen Urheberrecht, Zugangsrechten und dem umstrittenen Verständnis von zulässiger Nutzung fällt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sieht in gezielten Massenaufkäufen deshalb einen Verstoß und argumentiert, dass KI-Konzerne urheberrechtlich geschützte Werke zum Training nutzen, ohne Einwilligung und ohne Vergütung.
Der Börsenverein stützt diese Sicht auf die Schwierigkeit, konkrete Verstöße nachzuweisen, solange Transparenzpflichten fehlen. Pressesprecher Thomas Koch äußert dazu im Wortlaut: „Es sieht nach einem weiteren Beispiel dafür aus, dass KI-Konzerne massenhaft urheberrechtlich geschützte Werke zum Training ihrer Sprachmodelle nutzen, ohne Einwilligung und ohne Vergütung“; weiter heißt es: „Das ist in unseren Augen ein klarer und massiver Verstoß gegen das Urheberrecht.“ Er betont außerdem, dass nach deutschem Recht das Einscannen der Bücher zu irgendeinem Zweck nicht möglich sei und dass selbst Sicherungskopien nur unter strengen Voraussetzungen angefertigt werden dürften. Gleichzeitig bleibt laut seiner Darstellung unklar, ob das Einscannen in den USA generell zulässig ist; zudem wird auf eine gerichtliche Entscheidung verwiesen, nach der „Fair Use“ vorliegen könne, wenn mit legal gekauften Büchern trainiert wird. Das zentrale Problem für Unternehmen und Rechteinhaber: Selbst eine klare Linie in einer Gerichtsbarkeit bedeutet nicht automatisch, dass jede andere Situation in anderen Ländern identisch bewertet wird.
Dass sich das Thema auch in Deutschland weiter verfestigt, zeigt die angesprochene juristische Entwicklung: Als erster deutscher Verlag wird im Kontext genannt, dass die Penguin Random House Gruppe wegen Urheberrechtsverletzung beim Kinderbuch „Der kleine Drache Kokosnuss“ gegen Open AI geklagt hat. Aus Sicht der Buchbranche verweist das Muster auf eine politische und regulatorische Lücke: Koch fordert „stärkere Leitplanken durch die Bundespolitik und die EU“, damit Big-Tech-Unternehmen Einhalt geboten wird. Damit verschiebt sich der Fokus von einzelnen Händlerfällen hin zu systemischen Fragen der Branche: Wer muss in welchem Stadium informiert werden? Welche Dokumentationspflichten gelten für Trainingsdaten? Und wie lässt sich verhindern, dass der Einkauf „in der Fläche“ faktisch zu einem Lizenzerwerb ohne Verhandlung wird.
Für Unternehmen, die KI-Modelle produktiv einsetzen, wirkt die Debatte vor allem als Wecksignal für die eigene Datenstrategie. Auch wenn viele Firmen in der Praxis auf Lizenzen, eigene Datasets oder klar dokumentierte Quellen setzen, treffen sie in der Lieferkette auf ein Marktumfeld, in dem Beschaffung über klassische Buchkanäle möglich erscheint. Für die Wettbewerbsfähigkeit bedeutet das: Transparenz und Nachvollziehbarkeit werden zu Sicherheits- und Governance-Themen, nicht nur zu juristischen Randbedingungen. Gleichzeitig bleibt die Branche auf gerichtliche Klärung angewiesen, weil die Frage „zulässig oder nicht“ weniger von der Idee des Trainings abhängt als von der konkreten Ausgestaltung der Datenerhebung. Bis solche Leitplanken greifen, dürften weitere Antiquariate und Händler ihre Beobachtungen intensivieren – nicht aus Marketinggründen, sondern weil sich an den Einkaufsprofilen bereits jetzt erkennen lässt, dass gedruckte Inhalte zunehmend als Rohmaterial für KI-Entwicklung betrachtet werden.
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