BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur zeigt: In Ostdeutschland befürworten 47 Prozent eine Regierungsbeteiligung der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, falls die Partei dort stärkste Kraft wird. In Westdeutschland liegt der Wert mit 37 Prozent niedriger. Gleichzeitig rechnen im Osten viele Befragte bei einer AfD-Beteiligung eher mit einer Schwächung der Demokratie, während im Westen die Zweifel besonders groß sind. Das Modell einer „Expertenregierung“ mit wechselnden Mehrheiten findet dagegen nur eingeschränkte Zustimmung.

Die Debatte um Koalitionen mit der AfD bekommt durch eine neue Umfrage eine deutlich nach Ost und West getrennte Komponente. Laut einer YouGov-Befragung, die im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur erhoben wurde, befürworten 47 Prozent der Ostdeutschen eine Regierungsbeteiligung der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, allerdings an ein konkretes Szenario geknüpft: Die Partei soll dort bei den Landtagswahlen im September die stärkste Kraft werden, aber keine absolute Mehrheit erzielen. In Westdeutschland liegt die Zustimmung mit 37 Prozent spürbar darunter, während die Befürwortung in beiden Teilen Deutschlands an eine politische Zwangslage gekoppelt bleibt.
Entscheidend ist dabei, wie die Befragten die möglichen Alternativen gewichten. Wenn die AfD zwar vorn läge, aber ohne Alleinherrschaft bleibt, könnten sich die anderen Parteien für eine Landesregierung ohne die AfD entscheiden. Genau dieses Szenario halten 29 Prozent der Ostdeutschen für richtig, bei den Westdeutschen sind es mit 36 Prozent sogar mehr. Neuwahlen werden als Option dagegen deutlich seltener akzeptiert: 11 Prozent der Ostdeutschen und 12 Prozent der Westdeutschen würden sie in diesem Fall als angemessen ansehen. Ein Teil der Befragten bleibt zudem unentschlossen; 13 Prozent im Osten und 15 Prozent im Westen trauten sich hier kein Urteil zu.
Die Umfrage unterscheidet nicht nur nach der Frage „AfD ja oder nein“, sondern auch nach der Erwartung, was eine Beteiligung politisch bewirken würde. Beim Thema Demokratie fällt die Bilanz im Osten laut YouGov ambivalent aus: 38 Prozent gehen davon aus, dass eine AfD-Beteiligung die Demokratie stärken würde. Dem stehen 34 Prozent gegenüber, die eine Schwächung erwarten. In Westdeutschland ist der Dreiklang dagegen klarer in Richtung Skepsis: Dort rechnen 30 Prozent mit einer Stärkung, während 47 Prozent von einer Schwächung der Demokratie ausgehen. Diese Gegenüberstellung zeigt, dass Zustimmung zu einer Regierungsbeteiligung nicht automatisch Zustimmung zu deren Wirkung bedeutet; viele trennen offenbar pragmatische Mehrheitslogik von der normativen Bewertung politischer Folgen.
Beim Gedanken an eine AfD-Alleinregierung bleibt der gesellschaftliche Konsens noch deutlicher. So erwarten 30 Prozent der Ostdeutschen, dass eine AfD-Alleinregierung die Demokratie stärken würde, während 44 Prozent eher eine Schwächung befürchten. Im Westen sind es 21 Prozent für eine erwartete Stärkung und 57 Prozent für eine Schwächung. Hier wird sichtbar, dass die Distanz zur AfD weniger davon abhängt, ob die Partei überhaupt regiert, sondern wie umfassend ihr Einfluss ausfällt. Der Schritt von „Beteiligung in einer Koalition“ zu „allein verantwortlich“ scheint für viele Befragte eine Schwelle zu markieren, an der Risiken stärker wahrgenommen werden.
Ergänzend untersucht die Umfrage ein alternatives Regierungsmodell: eine „Expertenregierung“ mit wechselnden Mehrheiten, die auch die AfD einschließt. Für dieses Konstrukt kann sich im Westen zwar eine Mehrheit nicht eindeutig festlegen, aber immerhin 39 Prozent sagen, dem Modell lasse sich „etwas abgewinnen“; im Osten sind es sogar 44 Prozent. Gleichzeitig lehnen 34 Prozent im Westen und 29 Prozent im Osten das Modell eher oder voll und ganz ab. Unentschlossen bleiben jeweils 27 Prozent. Damit zeigt sich: Ein Teil der Bevölkerung sucht offenbar nach institutionellen Mechanismen, um den politischen Einfluss einer umstrittenen Partei zu begrenzen oder zu rahmen, etwa durch die Einbindung sogenannter Expertenlogik. Gleichzeitig bleibt ein beträchtlicher Sockel skeptisch, möglicherweise weil Wechselmehrheiten als Instabilitätsrisiko oder als Umgehung demokratischer Willensbildung verstanden werden können.
Was politisch aus diesen Zahlen folgt, ist weniger eine eindeutige „Freigabe“ als ein Signal für komplizierte Mehrheitsbedingungen und abweichende Bewertungen. Die Ergebnisse wurden mit 1.573 Befragten in Westdeutschland und 1.570 in Ostdeutschland erhoben; das Meinungsforschungsinstitut ordnet die Auswertung jeweils für die Landesteile als repräsentativ ein. In der Praxis heißt das: Parteien, die in Koalitionsverhandlungen stehen, können sich bei ihrer strategischen Planung nicht nur an der Frage „Wie viele würden AfD-Regierungsbeteiligung akzeptieren?“ orientieren. Sie müssen ebenso damit rechnen, dass ein relevanter Teil zwar Koalitionsarithmetik akzeptiert, aber die demokratische Wirkung kritisch sieht – und dass die Bereitschaft, eine AfD-Alleinregierung zu tragen, noch deutlich geringer ist.
Für die öffentliche Debatte ist außerdem interessant, dass das „Expertenregierung“-Modell in der Umfrage nicht rundheraus durchfällt, sondern eine nennenswerte Zustimmung erreicht. Das deutet darauf hin, dass in Teilen der Wählerschaft die Diskussion um demokratische Stabilität und Legitimation stärker an konkrete Mechanismen geknüpft wird als an die reine Frage der Parteizugehörigkeit. Gerade in Regionen wie Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, in denen das Parteiensystem in den vergangenen Jahren spürbar fragmentierter geworden ist, gewinnt die Frage nach Koalitionsfähigkeit damit zusätzlichen Raum: Nicht nur die Sitzverteilung entscheidet, sondern auch die gesellschaftliche Bewertung, ob Regierungshandeln als konsensstiftend oder als systemgefährdend wahrgenommen wird.
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