BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Bundeskriminalamt (BKA) und das FBI haben die Phishing-Plattform Kratos im Rahmen einer koordinierten internationalen Aktion zerschlagen. Dabei wurden über 200 Server beschlagnahmt und der mutmaßliche Betreiber der Infrastruktur in Indonesien festgenommen. Laut den Ermittlern lieferte die Plattform monatlich zehntausende Phishing-Kampagnen und zielte auf Anmeldedaten sowie Session-Cookies. Für Unternehmen und IT-Sicherheitsverantwortliche wird damit erneut sichtbar, wie eng Phishing, Account-Takeover und Umgehung von Schutzmechanismen zusammenhängen.

BKA und FBI zerschlagen Phishing-Plattform „Kratos“: Infrastruktur für Identitätsdiebstahl offline
BKA und FBI zerschlagen Phishing-Plattform „Kratos“: Infrastruktur für Identitätsdiebstahl offline (Foto: IT BOLTWISE)
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Das Bundeskriminalamt (BKA) und das FBI berichten über eine koordinierte Operation gegen eine Phishing-Plattform namens „Kratos“ und machen damit einen Kernbaustein moderner Account-Takeover-Kampagnen unschädlich. Im Fokus der Maßnahme stehen nicht „nur“ einzelne Webseiten oder Mails, sondern die dahinterliegende Infrastruktur: Den Angaben zufolge wurden über 200 Server beschlagnahmt und der mutmaßliche Entwickler der Infrastruktur in Indonesien festgenommen. Solche Aktionen zielen für Ermittler typischerweise auf die Pipeline, mit der aus gestohlenen Identitätsmerkmalen schnell wieder neue Angriffe entstehen.

Technisch beschreibt die Ermittlung Kratos als Plattform, die als Rückgrat für eine Vielzahl krimineller Akteure fungierte. Besonders relevant ist die Größenordnung der Nutzung: Demnach war Kratos für monatlich rund 15.000 Phishing-Kampagnen verantwortlich und verzeichnete etwa 1.800 Abonnenten. Seit 2024 sollen die Betreiber mit diesem Modell über 300.000 Euro erbeutet haben. Entscheidend für die Effektivität solcher Dienste ist die Standardisierung: Wer bezahlt, erhält eine Infrastruktur, mit der sich täuschend echte Phishing-Seiten für bekannte Dienste wie Microsoft, SharePoint und OneDrive erstellen lassen, ohne dass jeder Täter das Rad von Grund auf neu erfinden muss.

Im Detail liegt der operative Nutzen der Angriffe weniger im „klassischen“ Passwortdiebstahl, sondern im Abgreifen von Session-Cookies. Den Angaben zufolge zielte das technische Vorgehen darauf, Anmeldedaten und Cookies zu erlangen, die eine laufende oder persistente Anmeldung im Browser ermöglichen. Genau hier wird es für Verteidigungsteams kritisch: Mit gestohlenen Cookies können Angreifer häufig Sicherheitskontrollen umgehen, darunter die Multifaktor-Authentifizierung (MFA), weil der zweite Faktor bereits zum Zeitpunkt der legitimen Sitzung geprüft wurde. Damit verschiebt sich die Verteidigung vom reinen Login-Schutz hin zu Fragen rund um Session-Validierung, Cookie-Lebensdauer und Wiederverwendbarkeit gestohlener Authentifikatoren.

Der Schlag gegen Kratos kommt außerdem in einer Phase, in der Phishing nicht nur präsenter wird, sondern auch stärker in Betrugsformen und Social-Engineering-Mechaniken einwandert. Laut den genannten BKA-Statistiken zum ersten Halbjahr 2026 stieg SMS-Phishing um 146 %, Online-Betrug um 134 % und Delikte mit Schadsoftware um 69 %. Zusätzlich werden für das zweite Quartal 2026 rund 7,6 Milliarden Phishing-Mails genannt. Für IT-Sicherheitsleitungen bedeutet das: Selbst wenn einzelne Plattformen geschlossen werden, bleibt das Angriffsparadigma bestehen, weil Massenversand und zielgerichtete Weiterleitung (Landingpages, Umleitungen, Cookie-Diebstahl) weiterhin skaliert werden können.

Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) ordnet die Lage als hochgefährdet ein und führt in den vorliegenden Informationen aus, dass mittlerweile jede dritte unerwünschte E-Mail Phishing-Inhalte enthält; zudem berichten laut den Angaben rund 62 % der befragten Internetnutzer, bereits Empfänger solcher Betrugsnachrichten gewesen zu sein. Das ist eine belastbare Kernaussage für Security Awareness: Je stärker Phishing zur Normalität wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzerinnen und Nutzer in Stresssituationen oder bei Zeitdruck klicken, obwohl die technische Erkennung im Mail-Gateway nicht immer alle Varianten abfängt. Gleichzeitig zeigt die Beschreibung, dass die Angriffe nicht nur mit generischen Formularen arbeiten, sondern mit manipulativen Erzählmustern, etwa um legitime Prozesse wie Sicherheitsaktivierungen oder notwendige Updates vorzutäuschen.

Für den deutschen Finanzsektor bleibt die Bedrohung deshalb akut. In den Informationen wird gewarnt, dass gezielte Kampagnen gegen Kunden der DKB und Sparkassen laufen: Bei der DKB sollen Angreifer Opfer unter dem Vorwand einer notwendigen Aktivierung von „3D Secure 2.0“ auf manipulierte Webseiten leiten. Sparkassen-Kunden werden laut den Angaben mit angeblichen Sicherheits-Updates oder der Drohung einer Kontosperrung adressiert. Solche Muster sind organisatorisch relevant, weil sie zeigen, wie stark Banken und Zahlungsprozesse als Vertrauensanker missbraucht werden; sie erhöhen aber auch die Bedeutung technischer Kontrollen wie Anomalieerkennung bei Login- und Transaktionsmustern sowie die konsequente Durchsetzung von Session- und Token-Risiken in der Authentifizierungsschicht.

Der berichtete Einzelfall mit einem Verlust von 35.000 Euro durch ein vermeintliches Sicherheitsupdate macht zusätzlich deutlich, wie teuer erfolgreiche Manipulationen sein können. Auf Policy-Ebene verschärft die Europäische Zentralbank (EZB) den Druck auf die Institute: Den Angaben zufolge müssen Banken bis Oktober 2026 umfassende Aktionspläne vorlegen, um die Resilienz gegen Phishing-Angriffe nachhaltig zu erhöhen. Für Unternehmen heißt das konkret, dass sie nicht nur „Erkennungsquoten“ messen sollten, sondern die End-to-End-Kette berücksichtigen: Wie schnell lassen sich kompromittierte Sitzungen erkennen, wie robust sind Account-Wiederherstellung und Risikobewertung, und wie konsequent werden Schritte wie Session-Verwerfung oder zusätzliche Prüfungen bei ungewöhnlichen Kontexten umgesetzt.


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