WEINGARTEN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Weingarten dürfen Bürger ab sofort wieder gekennzeichnete Stadtbäume kostenlos beernten. Das Projekt „Pflück mich!“ soll dazu beitragen, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren und regionales Obst sinnvoll zu nutzen. Die Stadt gibt mehrere Standorte mit freigegebenen Zwetschgen-, Mirabellen-, Apfel-, Birn- und Walnussbäumen bekannt. Wer mitmacht, muss dabei Rücksicht auf Natur und Eigentum nehmen.

In Weingarten setzt die Stadt erneut auf eine einfache, aber wirksame Form der Bürgerbeteiligung: Ab sofort können Menschen an ausgewählten, gekennzeichneten städtischen Bäumen kostenlos Obst und Nüsse ernten. Die Aktion trägt den Namen „Pflück mich!“ und ist bereits zum sechsten Mal Teil einer landkreisweiten Initiative. Damit verbindet Weingarten zwei Ziele, die sich sonst oft gegenseitig ausschließen: Einerseits wird Überschuss aus öffentlichen Grünflächen nutzbar gemacht, andererseits bleibt die Ernte an Regeln gebunden, damit Natur und Eigentum nicht leiden.
Das Prinzip ist bewusst niedrigschwellig. Die freigegebenen Bäume sind mit einem gelben Band am Stamm markiert, das als Signal dient, dass reife Früchte ohne vorherige Rücksprache geerntet werden dürfen. Gleichzeitig macht die Stadt klar, dass die Teilnahme nicht „auf Kosten“ der Umgebung geht: Erlaubt ist das Pflücken, untersagt sind aber Verhaltensweisen, die Bäume oder Sträucher beschädigen, etwa durch riskantes Klettern. Wer sich an der Aktion beteiligt, handelt also im Rahmen eines klar abgegrenzten Zugriffs, der die Hürde für die Mitmachenden senkt, ohne Kontrollbedarf überall dort neu aufzubauen, wo er nicht nötig ist.
Die Stadt nennt für die diesjährige Runde mehrere Baumarten und damit auch unterschiedliche Erntefenster. Insgesamt stehen unter anderem Zwetschgen-, Mirabellen-, Apfel-, Birn- und Walnussbäume zur Verfügung. Neu an der Kommunikation ist vor allem die präzise Verteilung im Stadtgebiet: Die freigegebenen Standorte reichen vom Schlösslegarten über Bereiche am Mostgässle und am Fruchtkasten bis hin zu einem Kinderspielplatz an der Hölderlinstraße. Ergänzend nennt die Stadt die Grünfläche neben dem Museum für Klosterkultur, die Streuobstwiese am Verbindungsweg Schumannstraße Richtung Köpfingen sowie den Verbindungsweg am Marienfriedhof – St. Maria sowie Bereiche an der Grünfläche um den Fußweg Vorderochsen.
Damit Menschen auch dann mitmachen können, wenn sie keinen eigenen Garten haben, öffnet Weingarten die Aktion ausdrücklich für Privatpersonen ohne passende Strukturen. Wer keine eigenen Obstbäume oder -sträucher beernten kann, erhält Unterstützung in Form von kostenlosen gelben Papierbändern. Diese Bänder werden vom Landkreis Ravensburg bereitgestellt und liegen in der BürgerInfo im Amtshaus in der Kirchstraße 2 bereit. Praktisch betrachtet geht es dabei weniger um Bürokratie als um Sichtbarkeit: Markierungen machen aus „irgendwo im Grünen“ eine nachvollziehbare, verlässliche Erntezone, die für alle gilt.
Wichtig ist der Rahmen, in dem die Ernte stattfindet. Die Stadt stellt die Teilnahme auf eigene Gefahr, bittet aber zugleich um einen rücksichtsvollen Umgang. Konkret nennt sie als Erwartungen, nicht auf die Bäume zu klettern, Bäume und Sträucher nicht zu beschädigen und keine Abfälle zu hinterlassen. Gerade bei öffentlichen Obstbäumen kann der Unterschied zwischen einer erfolgreichen Gemeinschaftsaktion und einer belasteten Fläche schnell kippen, wenn Nutzerverhalten nicht von Anfang an klar adressiert wird. Mit den Leitplanken versucht die Stadt, aus einer einmaligen „Schnellernte“ eine nachhaltige Mitmachkultur zu machen.
Der Effekt der Aktion liegt dabei nicht nur im unmittelbaren Nutzen für die Teilnehmenden, sondern auch in der besseren Verteilung von „Erntezeit“ im urbanen Raum. Obst, das sonst ungenutzt von kommunalen Bäumen fällt oder erst verspätet entfernt wird, erhält einen Abnehmerkreis. Gleichzeitig wird regionale Lebensmittelvielfalt im Alltag sichtbar, ohne dass dafür ein spezieller Einkauf oder ein eigener Garten erforderlich ist. Gerade in einer Situation, in der Lebensmittelverschwendung zum wiederkehrenden Thema in Städten und Landkreisen zählt, kann eine Kombination aus Markierung, klarer Kommunikation der Regeln und gut erreichbaren Standorten dazu beitragen, die Hemmschwelle für verantwortungsvolle Nutzung zu senken.
Für Kommunen ist „Pflück mich!“ damit auch als Blaupause interessant, weil das Modell ohne komplexe Technik auskommt und dennoch steuerbar bleibt. Die gelben Bänder erfüllen dabei eine ähnliche Funktion wie eindeutige Zugriffsgrenzen in IT-Umgebungen: Sie definieren, was für wen gilt, und reduzieren damit Grauzonen. Wer die Aktion nutzen möchte, sollte sich vor Ort an den markierten Bäumen orientieren und die genannten Verhaltensregeln ernst nehmen, damit die kommenden Durchläufe nicht an Problemen wie Beschädigungen oder Verschmutzung scheitern. Wenn die Stadt die Aktion in ihrer sechsten Runde weiter stabil hält, steigt zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Mitmachenden auf wiederkehrende Abläufe einstellen.
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