BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die DIHK meldet sinkende Ausbildungsplätze: Mehr Unternehmen in Deutschland reduzieren ihr Angebot, weil die Konjunktur schwach bleibt. Gleichzeitig bleiben Lehrstellen überdurchschnittlich häufig unbesetzt, obwohl rund 14.000 Betriebe an der Umfrage teilnahmen. Besonders schwierig ist es, Bewerber zu finden, die die geforderten Grundkompetenzen mitbringen. Für viele Unternehmen wirkt Ausbildung damit wie ein stabilisierender Faktor – und zugleich wie ein organisatorischer Kraftakt.

Die jüngsten Ergebnisse der DIHK-Ausbildungsumfrage zeichnen ein widersprüchliches Bild: Ausbildung hat für viele Betriebe hohe Priorität, aber die Rahmenbedingungen werden spürbar enger. In Deutschland steigt laut Erhebung die Zahl der Unternehmen, die ihr Angebot an Ausbildungsplätzen verringern. Parallel dazu berichten Betriebe von anhaltenden Besetzungsproblemen, weil es immer schwieriger wird, vorhandene Lehrstellen mit passenden Bewerbern zu füllen. Die Umfrage basiert auf rund 14.000 teilnehmenden Unternehmen und liefert damit eine breite Momentaufnahme aus der Praxis.
Konkret planen 13 Prozent der Betriebe, in diesem Jahr mehr Ausbildungsplätze als im Vorjahr anzubieten (2025: 15 Prozent). Dem stehen 29 Prozent gegenüber, die weniger Ausbildungsplätze anbieten wollen (2025: 26 Prozent). 58 Prozent (2025: 59 Prozent) bleiben bei der Zahl ihrer Plätze gleich. Besonders angespannt ist die Lage bei Unternehmen mit negativen Geschäftserwartungen: Vier von zehn dieser Betriebe verkleinern ihr Ausbildungsangebot. Dass sich diese Unterschiede über die Einschätzung der Konjunktur hinweg zeigen, erklärt auch, warum das Thema gleichzeitig als Signal und als operativer Engpass wahrgenommen wird.
Während die einen ihre Planung zurückfahren, leiden die anderen unter einer anderen Art von Knappheit: der Passung zwischen Ausbildungsanforderungen und Bewerberprofilen. Etwa die Hälfte der befragten Betriebe (49 Prozent) konnte nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Wichtig ist dabei der Zeitbezug: Der Anteil liegt seit 2023 nahezu unverändert, die Besetzungsprobleme verharren damit auf Rekordniveau. Aus DIHK-Sicht wird deutlich, dass nicht allein die Zahl der angebotenen Plätze entscheidet, sondern auch die Qualität der eingehenden Bewerbungen im Verhältnis zu den konkreten Anforderungen der Ausbildungsberufe.
Bei den Ursachen nennen Unternehmen vor allem Defizite bei Grundkompetenzen. Jeder zweite Ausbildungsbetrieb berichtet über Schwächen beim Arbeits- und Sozialverhalten, etwa mit Blick auf die Belastbarkeit. Fast ebenso häufig werden unzureichende kognitive Kompetenzen angeführt. Zusätzlich sehen rund vier von zehn Unternehmen Lücken in Mathematik, Deutsch und wirtschaftlichem Grundwissen. Für Personalverantwortliche und Ausbildungsleiter entsteht daraus ein doppeltes Problem: Sie müssen sowohl Kapazitäten in der Ausbildung planen als auch die Erwartung an den Vorbildungsstand der Bewerber neu austarieren.
Dass die DIHK die Zahlen trotz aller Anspannung als positives Organisationssignal beschreibt, lässt sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Umsetzung ableiten. Helena Melnikov, DIHK-Hauptgeschäftsführerin, ordnet die Entwicklung als starkes Signal ein und betont, dass Ausbildung auch in schwierigen Zeiten hohe Priorität besitzt. Hinter dieser Aussage steht ein klassisches Strukturargument: Unternehmen benötigen qualifizierte Fachkräfte nicht nur für die unmittelbare Betriebsführung, sondern auch für zukünftige Leistungsfähigkeit. Gerade in Phasen schwächerer Konjunktur wirkt die Ausbildungsfunktion daher wie ein langfristig angelegtes Stabilitätsinstrument.
Für die betriebliche Praxis bedeutet das: Die reine Erhöhung oder Verringerung von Ausbildungsplätzen allein wird die Lücke nicht automatisch schließen. Wenn 49 Prozent der Betriebe Lehrstellen unbesetzt lassen, liegt der Engpass in der Matching-Logik. Unternehmen werden folglich verstärkt daran arbeiten, Auswahlverfahren, Eignungsfeststellung und begleitende Maßnahmen aufeinander abzustimmen. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass Ausbildungsbetriebe stärker in Maßnahmen investieren, die die genannten Grundlagen (Deutsch, Mathe und wirtschaftliches Grundwissen) adressieren, statt Defizite erst nach Vertragsabschluss zu adressieren.
Aus strategischer Sicht verschiebt sich damit auch der Blick auf Ausbildung im Wettbewerb um Talente. In einem Umfeld, in dem ein wachsender Teil der Firmen Plätze reduzieren will, wird die Frage, wie Bewerber inhaltlich und sozial vorbereitet werden, zum Standortfaktor. Unternehmen, die trotz schwieriger Prognosen ausbilden, müssen ihre Prozesse in der Breite anpassen: von der frühen Ansprache über Praktika und Kompetenztests bis hin zu Ausbildungsbegleitung. Damit wird Ausbildung stärker zu einem daten- und prozessgetriebenen HR-Thema, in dem Planungssicherheit und Qualitätsmanagement zusammenkommen – gerade dann, wenn wirtschaftlicher Druck steigt.
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