LONDON (IT BOLTWISE) – Nur 37 Prozent der Beschäftigten in Deutschland verfügen über eine betriebliche Altersvorsorge (bAV). Laut Continentale-Studie bekommt sogar jeder zweite Arbeitnehmer gar kein Angebot vom Arbeitgeber. Besonders bei der Berufsunfähigkeitsabsicherung zeigt sich die Lücke zwischen wahrgenommenem Risiko und tatsächlichen Verträgen. Gleichzeitig will der Versicherer die Starthürden mit besserer Aufklärung und stärkerem Einsatz von betrieblichen Benefits senken.

Die Zahlen wirken auf den ersten Blick wie ein klassisches Vertrauens- und Informationsproblem – und sie treffen doch ganz konkret den Alltag in Unternehmen: Wer im Job an die eigene Absicherung denkt, stößt in Deutschland häufig auf ein fehlendes Angebot. Laut der Continentale-Studie 2026 haben lediglich 37 Prozent der Beschäftigten eine betriebliche Altersvorsorge (bAV). Noch deutlicher wird die Schieflage bei der Ausgangslage: 51 Prozent der Erwerbstätigen berichten, dass sie von ihrem Arbeitgeber überhaupt kein Angebot erhalten haben. Damit entsteht ein Paradox, das Personalabteilungen seit Jahren kennen – Finanzierung und Gestaltung liegen oft beim Arbeitgeber, die tatsächliche Verfügbarkeit beim Arbeitnehmer jedoch offenbar nicht zuverlässig vor.
Technisch betrachtet geht es bei der bAV nicht um eine einzelne Produktkategorie, sondern um ein organisatorisch ausgestaltbares System aus Arbeitgeberzuschuss, steuer- und sozialrechtlichen Rahmenbedingungen sowie vertraglichen Wegen in der Umsetzung. Die Studie liefert dafür die harten Ankerpunkte: Befragt wurden 1.387 Personen ab 18 Jahren, darunter 823 Erwerbstätige. 14 Prozent lehnten ein bestehendes Angebot aktiv ab. Dieser Wert ist relevant, weil er zeigt, dass die Lücke nicht primär aus fehlender Zustimmung derjenigen entsteht, die prinzipiell erreicht werden. Vielmehr bleibt die entscheidende Hürde das fehlende „Erreichbar-Sein“: Wenn mehr als die Hälfte gar kein Angebot bekommt, spielt die Ablehnung einzelner gar nicht mehr die Hauptrolle.
Im Branchenbild wird außerdem sichtbar, dass die bAV offenbar nicht als alleiniger Schwerpunkt betrachtet wird, sondern im selben Atemzug andere betriebliche Bausteine mitverkümmern. Bei der betrieblichen Unfallversicherung (bUV) geben nur 13 Prozent an, abgesichert zu sein; bei der betrieblichen Krankenversicherung (bKV) sind es 11 Prozent. Noch niedriger liegt die betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherung (bBU) mit 8 Prozent. Genau hier wird die Diskrepanz zwischen Risikoempfinden und Vertragsstand besonders schmerzhaft: Zwar schätzen viele die Absicherung bei Berufsunfähigkeit als unverzichtbar ein, doch in den Abschlüssen spiegelt sich das bislang kaum wider. Für Arbeitgeber bedeutet das: Selbst wenn der Wille zur Bindung von Mitarbeitenden vorhanden ist, scheitert es häufig an Reichweite, Beratung und konkreter Umsetzung im Alltag.
Aus Sicht der Aufklärung nennt die Studie als Hauptursache mangelnde Information: Rund die Hälfte der Beschäftigten weiß nach den Angaben nicht über die Möglichkeiten im Betrieb Bescheid. Das ist keine bloße Kommunikationspanne, sondern ein Prozessproblem entlang der Informationskette – von der Benefits-Strategie des Unternehmens bis zur individuellen Entscheidung im richtigen Moment. Jürgen Wörner, Vorstand der Continentale, sieht laut Quelle zudem großes Potenzial in kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU), weil dort oft passende Vorsorgelösungen fehlen. Damit verschiebt sich der Hebel: Nicht nur „mehr Werbung“ wäre sinnvoll, sondern vor allem weniger Komplexität in der Einführung. Gerade KMU brauchen Lösungen, die sich administrativ schlank einführen lassen und Mitarbeitenden verständlich erklären, wofür sie sich konkret entscheiden.
Interessant ist außerdem die demografische Perspektive: Die 18- bis 29-Jährigen stufen eine Berufsunfähigkeitsversicherung besonders hoch ein. Das zeigt, dass das Risikobewusstsein vorhanden ist – doch der Weg vom Bewusstsein zum Abschluss bleibt offenbar kurz. Genau diese Lücke adressiert die Studie als ein Zukunftsauftrag, und sie deutet zugleich auf ein mögliches Umdenken bei der Gestaltung der Arbeitgeberrolle hin. Die Arbeitgeber könnten damit nicht nur Versorgungslücken schließen, sondern auch ihren Beitrag zu Bindung und Mitarbeiterzufriedenheit greifbarer machen. Für die junge Zielgruppe zählt dabei häufig weniger „eine Versicherung“, sondern ein verständlicher Benefit, der sich in den Lebensalltag übersetzen lässt.
Zusätzliche Dynamik könnte nach den Angaben der Continentale auch durch eine geplante GKV-Reform entstehen, die Arbeitgeber dazu bringen dürfte, betriebliche Krankenversicherungen stärker als Benefit einzusetzen. Der Gedanke ist dabei pragmatisch: Wenn Leistungskürzungen oder steigende Zusatzbeiträge die Planung vieler Haushalte belasten, wirkt ein strukturierter Zusatzbaustein als Stabilisierung. Bis zu den vollständigen Ergebnissen der Studie im September 2026 ist jedoch noch Zeit, und die Datengrundlage wird zugleich als langfristig beschrieben: Die Continentale erhebt die Daten bereits seit dem Jahr 2000 jährlich. Für Unternehmen heißt das am Ende vor allem eines: Wer Benefits nicht nur als „nice to have“ versteht, sondern als steuerbaren Teil der Personalstrategie, sollte den Informationsfluss und die konkrete Angebotsgestaltung genauso ernst nehmen wie die Produktseite. Für die KI-gestützte Kommunikation im Unternehmen (z. B. in HR-Portalen oder automatisierten Erklärstrecken) ergibt sich daraus perspektivisch ein klarer Nutzen, weil sie komplexe Vorsorgeverhältnisse in kurze, verständliche Schritte übersetzen kann – ohne die Beratung vor Ort zu ersetzen.
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