LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Untersuchung zur Incident-Response-Readiness zeigt, dass 73% der Organisationen bei einem schweren Cyberangriff nicht „vollständig bereit“ wären. Besonders kritisch: fehlende Koordination zwischen Security, IT, Legal, Kommunikation und Führungskräften sowie zu wenig Executive-Beteiligung. Zugleich melden 78% blinde Stellen in ihren Umgebungen, die Angreifern anhaltenden Zugriff ermöglichen können. Die Studie verbindet damit die technische Frage nach Sichtbarkeit direkt mit der organisatorischen Frage nach klaren Entscheidungsrechten.

Nur 27% bereit: Lücken in Incident-Response-Koordination und Sichtbarkeit
Nur 27% bereit: Lücken in Incident-Response-Koordination und Sichtbarkeit (Foto: IT BOLTWISE)
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Die eigentliche Sicherheitslücke liegt laut einer Untersuchung zur Incident-Response-Readiness weniger in Tools als in der „Ausführbarkeit“ unter Druck: 73% der befragten Organisationen geben an, bei einem bedeutenden Cyberangriff morgen nicht vollständig bereit zu sein. Die Zahlen stammen aus „The State of Incident Response Readiness 2026“, basierend auf einer Umfrage unter 600 Senior-Entscheidern für IT-Sicherheit, durchgeführt in den Monaten Januar und Februar 2026. Damit wird ein verbreitetes Grundproblem sichtbar: Viele Unternehmen verfügen über Pläne, ein Incident-Response-Team und technische Schutzmechanismen – aber die Kette aus Erkennen, Bewerten, Entscheiden und Handeln funktioniert im Krisenmodus nicht automatisch.

Interessant ist dabei der Unterschied zwischen „Vorhandensein“ und „Wirksamkeit“. Weniger als 40% der Befragten beschreiben zentrale Bausteine der Incident Response als hoch effektiv, darunter dokumentierte Pläne, Tabletop-Übungen, Threat Hunting, digitale Forensik und 24/7-Überwachung. Die Studie formuliert das als Testfrage: Können diese Elemente im Zusammenspiel liefern, wenn Entscheidungen innerhalb von Minuten oder sogar Sekunden getroffen werden müssen? Ein weiterer Treiber verschärft das: 76% berichten, in den vergangenen 12 Monaten mindestens einen Cyberangriff erlebt zu haben, 32% sogar mehr als einen. Incident Response ist damit nicht nur ein theoretisches Thema, sondern ein wiederkehrendes operatives Risiko, das in jeder Iteration härter wird.

Besonders stark wirken laut Bericht interne Reibungsverluste. 90% der Organisationen erwarten Schwierigkeiten bei der Koordination von Stakeholdern während eines wesentlichen Incidents. Sobald Legal-, Kommunikations-, Security-, IT- und Führungsteams nicht schon vor dem Ereignis aufeinander eingestimmt sind, entstehen Verzögerungen in genau den Momenten, in denen schnelle Containment-Entscheidungen nötig wären. Der Bericht nennt dazu konkrete Zustimmungswerte: 75% stimmen der Aussage zu, dass Verzögerungen oder Unklarheiten rund um die Beteiligung von Legal- und Kommunikationsverantwortlichen die Entscheidungsfindung in Cybervorfällen ausbremsen. Dazu passt, dass 89% eine begrenzte Executive- oder Board-Beteiligung bei Readiness und Entscheidungsprozessen beklagen – ein Muster, das in Echtzeit häufig zu „zu spätem Einsteigen“ führt.

Technisch betrachtet verschiebt sich die Krise dann von der Analyse zur Governance. Der Bericht skizziert sinngemäß eine problematische Abfolge: technische Teams untersuchen und sichern, während die Führung vor großen Aktionen Updates fordert; Legal und Kommunikation kommen später hinzu; Entscheidungen zur Offenlegung, zu Kundenbotschaften und zur Eskalation verzögern sich; am Ende verlieren Reaktionsteams Zeit, genau dann, wenn Geschwindigkeit entscheidend ist. In der Praxis kann unklare Ownership aus einem geplanten Prozess eine reaktive Schleife machen: Teams verbringen Zeit mit Briefing, Autoritätsklärung und Warten auf Freigaben statt mit dem konsequenten Ausrollen der Response-Schritte. Das ist mehr als organisatorisches Ärgernis – es beeinflusst unmittelbar, ob ein Angreifer nach der ersten Eindämmung erneut Fuß fassen kann.

Auch auf der technischen Seite benennt die Studie einen Engpass, der Wiederholungsangriffe wahrscheinlicher macht: 78% der Befragten sehen blinde Stellen in ihrer Umgebung als Problem an. Diese Lücken können On-Premises-Infrastrukturen, Public-Cloud-Umgebungen, Endpoints, SaaS-Plattformen, Identitätssysteme und sogar Operational Technology bzw. OT betreffen. Dadurch lassen sich grundlegende Fragen im Incident oft nicht mit der nötigen Sicherheit beantworten: Wo erfolgte der Einstieg? Welche Systeme wurden erreicht? Hat sich der Angreifer lateral bewegt? Sind privilegierte Konten kompromittiert? Wurde Malware oder Persistenz wirklich entfernt? Und ganz kritisch: Kann der Angreifer nach der Wiederherstellung zurückkehren? Wenn Sichtbarkeit fehlt, enthält Containment häufig nur einen Teil des tatsächlichen Schadensbildes.

Für Unternehmen mit OT- oder ICS-Umgebungen steigt der Handlungsdruck noch einmal. 84% äußern Sorge, dass Angreifer von Unternehmens-IT in Operational Technology oder industrielle Steuerungsumgebungen übergehen könnten. In Branchen wie Fertigung, Energie, Gesundheitswesen, Verkehr sowie kritischer Infrastruktur kann das Folgen haben, die weit über Datenabfluss oder reine Betriebsunterbrechung hinausgehen: Produktionsabläufe, Sicherheit, Service-Delivery und Recovery-Zeiten geraten in den Fokus. Dass die Studie diese Querschnittsabhängigkeit betont, passt zur weiteren Gesamterzählung: Cyberangriffe verursachen bereits messbare Schäden. Unter den betroffenen Organisationen nennt der Bericht unter anderem operative Abschaltungen, Datenverlust, Reputationsschäden, Kundenverlust, entgangenen Umsatz und disruptive Eingriffe in die Unternehmensführung – mit sektoralen Unterschieden, etwa häufiger Shutdowns im Einzelhandel oder häufiger Datenverlust in Produktion und Finanzdienstleistungen.

Ransomware und Cloud-Angriffe stehen außerdem bei zukünftigen Sorgen ganz oben: Ransomware wird als führendes Risiko genannt, gefolgt von Angriffen auf Cloud-Umgebungen. Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass es nicht „den einen“ dominanten Threat gibt, sondern eine Mischung aus Cloud-Compromise, Missbrauch von Identitäten, Third-Party-Risiken, KI-gestützten Angriffen, Ransomware und Bewegungen über hybride Umgebungen hinweg. Genau deshalb wird Readiness schwerer zu definieren: Organisationen müssen nicht nur auf ein Szenario vorbereitet sein, sondern über mehrere Angriffspfade hinweg reagieren können. KI- und Machine-Learning-gestützte Ansätze helfen dabei zunehmend: Fast ein Drittel berichtet von umfassender KI-Nutzung in relevanten Bereichen, verglichen mit 25% im Vorjahr; bis 2027 erwarten 63% die Einbettung von KI über diese Aktivitäten. Der Bericht warnt jedoch zugleich vor einem Irrtum: KI beschleunigt zwar Triaging, Threat Hunting und Untersuchungen, ersetzt aber nicht Governance, Sichtbarkeit und disziplinierte Ausführung, also die Faktoren, die bei unklaren Entscheidungsrechten oder fragmentierter Koordination sonst weiterhin ausbremsen.

Für die Praxis leitet der Bericht konkrete Prioritäten ab. Entscheidend ist, Entscheidungskompetenzen vor dem Incident festzuzurren: Security, Executives, Legal, Kommunikation, Compliance und Business sollten Rollen, Eskalationswege, Schwellenwerte und Kommunikationsaufgaben bereits in Übungen und Dokumenten gemeinsam verstehen. Ebenso wichtig sind Cross-Functional-Tests, bei denen Tabletop-Übungen sowohl technische als auch nicht-technische Stakeholder einbeziehen, um echte Engpässe in der Entscheidungsfindung und fehlende Business-Abhängigkeiten aufzudecken. Zusätzlich sollen Unternehmen ihre Visibility über Endpoints, Identität, Cloud, SaaS, On-Premises und – falls relevant – OT belastbar testen, etwa mit Threat-Hunting-Übungen, Attack-Simulationen oder Purple-Team-Ansätzen. Schließlich empfiehlt sich eine nüchterne Kapazitätsprüfung, intern und extern: Wo kann man zuverlässig selbst handeln, und wo braucht es externe Expertise – etwa für Geschwindigkeit, Tiefe, Multi-Environment-Fähigkeit und auch für Post-Incident-Verbesserungen. Die Quintessenz ist damit klar: Sicherheit reduziert Risiko erst dann messbar, wenn Pläne, Tools und Dienstleister über getestete Prozesse, klare Autorität und verlässliche Sichtbarkeit miteinander verbunden sind.

Auch wenn die Studie keine einzelne „Zauberwaffe“ liefert, zeigt sie doch einen konsistenten Befund: Viele Organisationen werden angegriffen, aber ein großer Teil traut seiner Response unter realen Belastungen nicht. In einer Landschaft, in der Angreifer schneller über Cloud, IT, Identität, SaaS und OT hinweg operieren können, muss Incident Response Readiness als kontinuierliche Betriebsdisziplin wachsen – nicht als statisches Dokument oder jährliches Compliance-Tool. Wer Lücken in Sichtbarkeit, Autorität oder Koordination erst im laufenden Vorfall entdeckt, riskiert Folgeschäden, die sich nicht nur in betroffenen Systemen messen, sondern auch in Umsatz, Reputation und Vertrauen.


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