LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher beschreiben eine groß angelegte Betrugswelle, die seit 2017 mit täuschend echten Klon-Websites russischer Unternehmen arbeitet. Die Betreiber kopieren Inhalte, nutzen teilweise lookalike Domains und verschieben Kontodaten, damit Vorauszahlungen an die Täter fließen. Betroffen sind vor allem B2B-Organisationen im internationalen Handel, und die Angreifer bauen ihre Interaktion häufig über kalte Anrufe sowie Phishing-E-Mails auf. In Einzelfällen berichten die Ermittler von Verlusten in Höhe von 150.000 USD allein im April 2025.

Betrugs-Kampagne: Falsche Websites russischer Firmen sollen Vorauszahlungen stehlen
Betrugs-Kampagne: Falsche Websites russischer Firmen sollen Vorauszahlungen stehlen (Foto: IT BOLTWISE)
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Was auf den ersten Blick wie ein klassischer Phishing-Vorfall wirkt, zeigt bei genauerem Hinsehen eine deutlich professionellere Betrugsarchitektur: Eine dokumentierte Kampagne erstellt seit 2017 imitierende Webseiten großer russischer Firmen, um internationale Geschäftspartner um Vorauszahlungen zu bringen. Laut den Angaben des Sicherheitsforschers F6 laufen die Aktivitäten bereits seit dem Jahr 2017 und richten sich über mehrere Branchen hinweg auf Zielunternehmen aus der Chemie-, Düngemittel-, Petrochemie- und Metallindustrie, ebenso auf Logistikdienstleister und Banken. Der Kern des Problems ist dabei nicht nur die täuschend ähnliche Außenwirkung der Seiten, sondern die systematische Umleitung von Zahlungen über manipulierte Kontakt- und Bankinformationen.

Technisch betrachtet funktioniert der Angriff wie ein zusammengesetztes „Gleiches Bild, andere Kontodaten“-Setup. F6 beschreibt, dass ein großer Teil der Inhalte von den legitimen Unternehmensseiten kopiert wird und manche Fälle zusätzlich lookalike Domainnamen verwenden. Diese gefälschten Webseiten sind nach den vorliegenden Informationen in mehreren Sprachen verfügbar, darunter Englisch, Französisch, Arabisch und Russisch, was die Schwelle für Kontaktaufnahme und Vertrauen im internationalen Handel senkt. Die Betroffenen sollen die Replica-Seiten besuchen, wobei sich die Kontaktdaten so ändern, dass die Kommunikation und später die Zahlungsströme bei den Angreifern landen.

Die Vorgehensweise geht jedoch über reine Website-Imitation hinaus: Laut F6 wird die Kontaktaufnahme häufig über kalte Telefonanrufe, Phishing-E-Mail-Kampagnen und betrügerische Unternehmenswebseiten gestartet. Sobald ein Kontakt zustande kommt, wird das Gegenüber in der Regel über Dokumente „durch die nächsten Schritte“ geführt: Die Angreifer stellen kommerzielle Angebote, Verträge und Rechnungen aus, in denen Bankverbindungen so eingetragen sind, dass Zahlungen auf Konten unter Kontrolle der Täter erfolgen. In einem beschriebenen Muster sollen sogar ahnungslose Vertriebskräfte für die kalte Ansprache eingesetzt werden; wenn der Verkaufsprozess eine finale Phase erreicht, wird der potenzielle Kunde an eine als „Senior Manager“ dargestellte Person weitergereicht. Ab diesem Punkt läuft die gesamte weitere Kommunikation mit den Betrügern, einschließlich der Zustellung von Unterlagen, die formell wie echt wirken.

Besonders auffällig ist laut F6 auch der Grad an Infrastruktur-Kohärenz. Im Rahmen der Untersuchung wurden nahezu 100 nicht autorisierte Domains gefunden, die verschiedene Firmen imitieren. Die früheste Domain, die in Zusammenhang mit der Aktivität identifiziert wurde, geht auf 2017 zurück. Ein weiterer Hinweis auf eine koordinierte Kampagne: Ein wesentlicher Anteil der Infrastruktur soll gemeinsame DNS-Records, IP-Adressen und Registrierungsdaten teilen. Daneben nennen die Ermittler konkrete Beispiele für IP-Adressen, die mit der beschriebenen Domainlandschaft in Verbindung stehen, darunter 212.127.73[.]235 und 167.86.100[.]68. Für Verantwortliche in Unternehmen ist diese Verknüpfung relevant, weil sie darauf hindeutet, dass die Betrüger nicht nur zufällig „irgendwelche“ Fake-Seiten betreiben, sondern ein wiederverwendbares Setup aus Domains, Hosting und Dokumentenvorlagen.

Zum realen Schaden kommt ein weiterer Faktor: die betrügerischen Geschäftsdokumente, die Vertrauen erzeugen sollen. F6 beschreibt, dass die Angreifer ein vollständiges Set an Unterlagen vorbereiten, darunter kommerzielle Angebote, Verträge und Rechnungen, in denen auch gefälschte Unternehmens-E-Mail-Adressen sowie manipulierte Bankdetails vorkommen. Damit wird die Lücke zwischen „wir haben eine seriös aussehende Anfrage bekommen“ und „wir haben bereits Geld überwiesen“ geschlossen. In einem genannten Einzelfall wird davon berichtet, dass eine aserbaidschanische Firma im April 2025 etwa 150.000 USD durch eine betrügerische Transaktion verloren habe. Solche Summen sind für B2B-Organisationen nicht nur finanziell schmerzhaft, sie stören auch Einkaufs- und Lieferprozesse, weil Vorauszahlungen typischerweise als Voraussetzung für Warenlieferungen oder Produktionsleistungen verstanden werden.

Dass solche Angriffe nicht isoliert sind, zeigen die von F6 beschriebenen Rückbezüge auf frühere Kampagnen. Demnach habe es 2017 bereits ein ähnliches Vorgehen gegeben, als eine russische Chemiefirma Anrufe von Landwirten wegen angeblich verspäteter Lieferungen für im Voraus bestellte Düngemittel erhielt. Die Bauern hätten dabei auf Verträge verwiesen, die Unterschriften enthielten, welche als Vertreter der Firma galten, obwohl es nach den weiteren Ermittlungen keine solchen Vereinbarungen gegeben haben soll. Außerdem wurde in diesem Kontext eine Brandjacking-Komponente erwähnt: Es sei eine betrügerische Webseite erstellt worden, die das legitime Angebot nahezu 1:1 abbildete, wobei als Unterschied vor allem Kontodaten und Kontaktdetails angepasst worden seien. Für die Praxis bedeutet das: Wenn Unternehmen einmal Warnhinweise zu Betrugsversuchen veröffentlichen, kopieren Angreifer diese Hinweise nach den vorliegenden Angaben teils direkt auf ihre Fake-Portale und ersetzen die Referenzen auf die echten Domains durch eigene.

Für die IT- und Geschäftsverantwortlichen in Import- und Export-Organisationen ergibt sich daraus eine klare Sicherheitsaufgabe, die über „Endpoint-Schutz“ hinausgeht. F6 rät zu unabhängiger Verifikation von Kontaktdaten und Zahlungsinformationen, bevor Geld transferiert wird, insbesondere bei Geschäftspartnern, die über internationale Kanäle adressiert werden. Dazu gehören laut Empfehlung das Prüfen von Partnerinformationen über vertrauenswürdige Quellen sowie öffentliche Register, die Sicherstellung der Echtheit von Tochtergesellschaften und Kontaktdetails, das Abgleichen der Lieferanten-Website-Domain inklusive Registrierungsdatum und das direkte Bestätigen der Zahlungsdaten vor der Überweisung. Damit verschiebt sich der Schutzmechanismus von einer reinen Erkennung verdächtiger Inhalte hin zu einem Prozess, der Zahlungsfreigaben an belastbare Identitätssignale koppelt.

Aus Branchenperspektive zeigt die Kampagne außerdem, warum Betrugsmuster zunehmend „operational“ wirken: Die Angreifer kombinieren digitale Imitation (Klonseiten, Lookalike-Domains, mehrsprachige Inhalte), Kommunikationssteuerung (kalte Anrufe, Phishing-E-Mails, Weitergabe an Rollen) und Dokumentenfälschung (Angebote, Verträge, Rechnungen) zu einem durchgängigen Ablauf. Für Unternehmen, die bereits stark automatisierte Workflows für Einkaufs- und Finanzprozesse einsetzen, ist das ein zusätzlicher Risikofaktor: Sobald eine „gültig wirkende“ Rechnungsgrundlage vorliegt, wird die eigentliche Plausibilitätsprüfung häufig weniger streng. Wer hier gegensteuert, kann sich auf klare Kontrollpunkte konzentrieren, statt nur nach technischen Indikatoren zu suchen. In der Praxis lautet die entscheidende Frage daher nicht „Ist die Seite professionell?“, sondern „Werden Zahlungsziele und Kontoinformationen in jedem Schritt unabhängig verifiziert, bevor Geld fließt?“


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