TABOGA FOREST RESERVE / LONDON (IT BOLTWISE) – Forscher haben mit CapuchinAI eine offene, batteriegestützte Plattform vorgestellt, die kognitive Tests von Kapuzineraffen direkt im Habitat automatisiert. Das System erkennt anhand von Gesichtserkennung einzelne Tiere, zeigt ihnen auf einem Touchscreen passende Aufgaben und löst bei korrektem Verhalten automatisch Futterbelohnungen aus. Im Taboga Forest Reserve erreichte die Computer-Vision-Identifikation nach Angaben aus dem Projekt 97% Genauigkeit. Damit entsteht ein geschlossenes Feld-Experiment, das Labor-ähnliche Kontrolle mit ökologischer Realität verbindet.

Im Freilandlabor zählt jede Minute: Nicht nur das Verhalten der Tiere ist in Bewegung, auch die Umgebung verändert sich. Genau hier setzt CapuchinAI an, ein KI-gestütztes, quelloffenes System, das kognitive Tests bei wilden Kapuzineraffen so automatisiert, dass die Tiere im natürlichen Kontext bleiben. Die Plattform bündelt mehrere Funktionen zu einem geschlossenen Regelkreis aus Videoerkennung, interaktiver Stimulation und einer motorisch gesteuerten Nahrungsabgabe. In der aktuellen Ausarbeitung wird CapuchinAI als Touchscreen-Paradigma beschrieben, das Labor-Kontrollmechanismen in ein Feld-Setup überführt, ohne dass Menschen bei jedem einzelnen Versuch die Reihenfolge oder Auslösung manuell steuern müssen.
Technisch beginnt das System bei der Identifikation: Eine YOLO-basierte Computer-Vision-Pipeline, trainiert auf GoPro-Bilddaten, soll ankommende Tiere in der Szene erkennen und zuordnen. In den Feldtests wurde damit eine Identifikationsgenauigkeit von 97% für die erkannten Kapuzineraffen berichtet. Sobald ein Tier detektiert wird, startet das Gerät eine für den Versuch passende Ablaufsteuerung. Der Touchscreen präsentiert dann eine Aufgabe, und nur bei erfolgreichem Verhalten löst eine integrierte Belohnungseinheit automatisch Futter aus. Dieser „Closed-Loop“-Ansatz ist mehr als eine bequeme Automatisierung: Er macht die zeitliche Kopplung zwischen Wahrnehmung, Reaktion und Belohnung reproduzierbarer, gerade weil die Interaktionen direkt vor Ort und in Echtzeit stattfinden.
Im praktischen Betrieb geht es jedoch nicht nur um die Trefferquote der Erkennung, sondern auch um das Verhalten der Tiere gegenüber dem Prototyp. Nach den Angaben aus dem Projekt habituieren wilde weißgesichtige Kapuzineraffen (Cebus capucinus) erstaunlich schnell an die feste Versuchsstation. Dabei lernen sie laut Beschreibung ohne gezielte Handtests, dass Berühren des Touchscreens mit Futter assoziiert ist. Bemerkenswert ist außerdem, dass CapuchinAI Aufgaben nicht als „Einheitsformat“ ausspielt, sondern softwareseitig auf individuelle Leistungsniveaus eingeht. Das System adressiert dafür mehrere Domänen der Kognition, etwa Lern-Tempo, Impulskontrolle, kognitive Flexibilität sowie Kurz- und Langzeitgedächtnis. Dadurch verschiebt sich das Freiland-Experiment weg von pauschalen Beobachtungsstudien hin zu messbaren, wiederholbaren Testsequenzen pro Individuum.
Dass das in einer realen Tiergruppe funktioniert, zeigt sich auch an einem klassischen Problem der Feldforschung: dominante Tiere übernehmen sonst schnell den Zugang zu beliebter Infrastruktur. CapuchinAI begegnet dieser Dynamik, indem es in Software Grenzen für die Teilnahme pro Individuum und Sitzung verwaltet. Die Logik dahinter basiert erneut auf der Live-Identifikation: Sobald ein bestimmtes Tier sein vorgesehenes Belohnungs-„Kontingent“ erreicht, pausiert das System die Aufgabenpräsentation gezielt für dieses Tier, während es für andere wieder erreichbar bleibt. Im Pilotbetrieb wird damit das Risiko reduziert, dass wenige aggressive Individuen die Datenerhebung monopolisieren. Gleichzeitig schützt ein weiterer Mechanismus das System vor Störungen durch andere Wildtiere: Die Einrichtung verhindert das Aktivieren der Testlogik, wenn andere Arten auftauchen, und besteht laut Projektbeschreibung auch „Coati-Tests“.
Die Hardwareseite ist absichtlich auf Zugänglichkeit und Feldtauglichkeit getrimmt. Als Rechen- und Steuerkern dient ein Raspberry-Pi-Mikrocomputer, ergänzt durch Webcam und Touchscreen sowie einen 3D-gedruckten, wettergeschützten Futterdispender mit Rotationsmotor. Das System läuft nach den Angaben bis zu acht Stunden mit einem leichten Akkupack, bevor es neu geladen werden muss. In der Aufbauphase stand damit nicht nur „KI im Labor“ im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, wie man eine robuste Versuchseinheit baut, die Witterung abkann und gegen Manipulation durch Tiere möglichst widerstandsfähig ist. Interessant ist außerdem, dass die Stimuli über Python-Skripte koordiniert werden: Eine Variante hilft dabei, Interaktionen zu erfassen und die Belohnung zu triggern; eine weitere unterstützt die Gestaltung einfacher Aufgabenlogiken für das kognitive Testing.
Inhaltlich knüpft CapuchinAI an eine Diskussion an, die die Primatenforschung seit Jahrzehnten begleitet: Laborstudien bieten präzise Variablenkontrolle, aber sie entfernen Tiere aus ihrem sozialen und ökologischen Umfeld. Freilandstudien liefern zwar realistische Kontexte, bleiben aber häufig schwer zu standardisieren, weil die Interaktionen unvorhersehbar sind. CapuchinAI versucht, die beiden Welten zu verbinden, indem es „lab-orientierte“ Trial-Strukturen direkt im Habitat abbildet. Als offene Blaupause richtet sich die Veröffentlichung zudem an andere Arbeitsgruppen: Der Beitrag enthält laut Beschreibung eine Anleitung zum Codeteil sowie ein Blueprint, wie sich die Bausteine zu einer skalierbaren geschlossenen Pipeline zusammenführen lassen. Als Referenz wird die Studie in der Fachzeitschrift American Journal of Primatology mit dem Titel „CapuchinAI 1.0: Development of a Machine Learning-Based Touchscreen Paradigm to Test Cognition in Wild Capuchins“ eingeordnet.
Für den Markt- und Forschungsalltag könnte gerade die Kombination aus geringer Stückkostenlogik und Wiederverwendbarkeit entscheidend sein. Wenn sich Identifikation, Stimulus-Auswahl und Belohnungssteuerung zuverlässig auf ähnliche Setups übertragen lassen, entstehen neue Möglichkeiten für vergleichende Langzeitstudien über Individuen hinweg und zwischen Populationen. In der Praxis heißt das: Statt nur Verhaltenstendenzen zu protokollieren, wird es leichter, kognitive Unterschiede messbar zu quantifizieren und mit individuellen Lebensverläufen in Beziehung zu setzen. Genau diese Perspektive – Kognition nicht als statisches Labor-Ergebnis, sondern als dynamisches Merkmal im Lebensraum – macht CapuchinAI zu einem Ansatz, der weit über „ein einzelnes Experiment“ hinausgehen kann. Die nächsten Entwicklungsschritte zielen dabei auf die Erweiterung der Erkennungsmodelle mit aufgezeichneten Videodaten sowie auf standardisierte Aufgaben, die sich über unterschiedliche Tiere, Gruppen und Standorte hinweg konsistent ausführen lassen.
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