DUBLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Europäische Kommission will den KI-Dienst ChatGPT und die Spieleplattform Roblox voraussichtlich als Very Large Online Platforms (VLOPs) einstufen. Damit würden für beide Dienste nach dem Digital Services Act deutlich strengere Transparenz- und Sicherheitsauflagen gelten. Im Zentrum steht vor allem die EU-weite Nutzerreichweite, die die 45-Millionen-Grenze offenbar klar überschreitet. Parallel dazu baut OpenAI seine Präsenz in Irland mit einer neuen EU-Zentrale aus.

Die geplante Neueinstufung von ChatGPT und Roblox als Very Large Online Platforms (VLOPs) würde in der EU ein spürbar anderes Aufsichtsniveau auslösen. Auslöser ist der Digital Services Act (DSA), der für Plattformen mit besonders großer Reichweite strengere Transparenz- und Sicherheitsanforderungen vorsieht. Wenn die EU-Kommission wie berichtet beide Dienste oberhalb der VLOP-Schwelle sieht, müssen sie künftig nicht nur allgemeine Regeln einhalten, sondern den Betrieb stärker dokumentieren, Risiken systematischer adressieren und die Funktionsweise bestimmter Mechanismen nach außen nachvollziehbarer machen.
Technisch und organisatorisch knüpft die VLOP-Logik dabei an eine harte Kennzahl an: mehr als 45 Millionen aktive Nutzer in der EU pro Monat. Laut den im Bericht genannten aktuellen Angaben überschreiten sowohl Roblox als auch ChatGPT diese Marke deutlich. Für ChatGPT werden demnach rund 120,4 Millionen Nutzer in der EU ausgewiesen. Damit läge der KI-Dienst OpenAI weit über dem Schwellenwert, der die Kategorie überhaupt erst triggert. Die eigentliche Entscheidung der EU-Kommission soll laut einem anonymen Bericht im kommenden August erwartet werden; bis dahin bleibt es bei der Erwartung, nicht bei einem finalen, rechtsverbindlich festgelegten Status.
Für die Unternehmen bedeutet eine VLOP-Einstufung vor allem: mehr Berichtspflichten, mehr Nachweisführung und mehr verpflichtende Maßnahmen zur Risikominderung. Der DSA zielt auf Transparenz, unter anderem durch zusätzliche Transparenzberichte, die darlegen sollen, wie Plattformbetreiber Risiken erkennen, bewerten und behandeln. Dazu kommt Werbetransparenz, weil die Plattformen offenlegen müssen, wie Algorithmen Inhalte priorisieren und wie Werbeanzeigen ausgeliefert werden. Bei Roblox tritt daneben stärker der Kinderschutz in den Vordergrund, was die operative Umsetzung voraussichtlich stärker auf Moderation, Altersverifikation und die Absicherung jugendgefährdender Inhalte ausrichtet.
Auch die ökonomische Dimension ist nicht zu unterschätzen. Der DSA sieht für die Aufsicht großer Plattformen eine jährliche Gebühr vor, die sich laut Bericht auf maximal 0,05 % des weltweiten Jahresgewinns des jeweiligen Unternehmens belaufen kann. Gleichzeitig wird das Sanktionsrisiko skizziert: Bei Verstößen gegen die Auflagen können Bußgelder bis zu 6 % des globalen Jahresumsatzes betragen. Für IT- und Compliance-Teams heißt das: Die regulierten Bereiche lassen sich nicht nur als juristisches Kapitel behandeln, sondern müssen in Prozesse übersetzt werden, etwa in die Governance für Empfehlungslogik, Content-Policy-Änderungen, Werbesysteme und die technische Nachverfolgbarkeit von Maßnahmen.
Interessant ist außerdem die zeitliche Parallelität zur KI-Regulierung nach dem EU AI Act. Während die DSA-VLOP-Einstufung unmittelbar auf Plattformtransparenz und Sicherheitsmechanismen wirkt, richtet der AI Act den Blick auf die Risiken von KI-Systemen und auf die Pflicht, je nach Einstufung stärker oder weniger stark nachzuweisen. Der Bericht ordnet deshalb beide Themen zusammen und leitet daraus ab, dass Unternehmen ihre Compliance-Strategie bereits heute integrieren müssen. Für Produktteams heißt das praktisch: Modell- und Systemdesign, Datenflüsse, Logging, Risikobewertungen und die Dokumentationskette werden mit der Zeit nicht nur „einmal fertiggestellt“, sondern müssen kontinuierlich mitziehen, wenn sich Daten, Userverhalten oder Modellversionen ändern.
Parallel zu den regulatorischen Entwicklungen verlagert OpenAI zudem offenbar operative Ressourcen nach Europa. Laut Bericht eröffnet das Unternehmen eine neue EU-Zentrale in Dublin, angesiedelt im sogenannten Tropical Fruit Warehouse. Der neue Standort umfasst demnach 8.200 Quadratmeter, gleichzeitig sollen 250 neue Arbeitsplätze entstehen; aktuell beschäftigt OpenAI bereits über 100 Mitarbeitende in Irland. Ergänzend wird das Programm „OpenAI for Ireland“ genannt, das die Implementierung und Förderung von KI in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) vorantreiben soll. Für die Branche ist das mehr als eine Standortmeldung: In dem Moment, in dem VLOP-Regeln und AI-Act-Anforderungen an Rechenschaft und Kontrolle steigen, erhöht eine lokale Präsenz auch die Wahrscheinlichkeit, dass KI-Entwicklung, Sicherheitsprozesse und Enterprise-Support näher an den regulierten Märkten verankert werden.
Damit rückt für Entscheider ein Muster in den Fokus, das sich bei großen Plattformen wiederholt: Die Kategoriefrage nach VLOP ist nicht nur Verwaltungsaufwand, sondern verändert die Prioritäten in der täglichen Engineering- und Betriebspraxis. Werbewirkung, Empfehlungslogik, Moderationsentscheidungen und Sicherheitsmaßnahmen werden stärker mess- und auditierbar, während die Dokumentationslast zunimmt. Gerade bei KI-Angeboten bedeutet das, dass Transparenz und Risikominderung nicht „nachgelagert“ werden können, sondern eng an Produktentwicklung und Datenmanagement gekoppelt bleiben müssen. Ob die VLOP-Einstufung im August final bestätigt wird, bleibt abzuwarten; die Richtung, in die sich die EU-Aufsicht entwickelt, ist jedoch bereits klar erkennbar.
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