LONDON (IT BOLTWISE) – UBS-Chef Sergio Ermotti widerspricht der Erzählung vom „Schnäppchen“ bei der Übernahme der Credit Suisse. Er argumentiert, die Bank habe zur Zeit des Kaufs operativ ein Verlustgeschäft geführt und der Preis von drei Milliarden Franken sei deshalb angemessen gewesen. Gleichzeitig betont er, die Integration habe Einsparungen ermöglicht, aber auch viele Stellen abgebaut. Bei den strengeren Eigenkapitalplänen des Bundesrats warnt er davor, Wachstum durch Vorschriften zu stark zu begrenzen.

UBS-Chef Sergio Ermotti: CS-Deal war kein Schnäppchen
UBS-Chef Sergio Ermotti: CS-Deal war kein Schnäppchen (Foto: IT BOLTWISE)
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Sergio Ermotti versucht, die Debatte um die UBS-Übernahme der Credit Suisse aus einer Schlagwort-Falle zu holen. Statt von einem „Schnäppchen“ spricht er davon, dass der Deal vor allem eine Reaktion auf eine real wirtschaftlich angespannte Ausgangslage gewesen sei. In der Argumentation steckt eine klare Logik: Wer ein angeschlagenes Institut übernimmt, kauft nicht nur eine Bilanz, sondern auch operative Probleme, Restrukturierungsbedarf und Risiken, die sich im Tagesgeschäft unmittelbar in Ergebnissen zeigen. Ermotti stellt dabei die Rentabilitätslage im Übernahmezeitpunkt in den Mittelpunkt und verweist darauf, dass die Credit Suisse operativ ein Verlustgeschäft gewesen sei. Damit verschiebt er den Fokus von einer reinen Betrachtung des Kaufpreises hin zu der Frage, welche „unsichtbaren“ Kosten und Restrukturierungsaufgaben im Preis bereits mitgedacht werden mussten.

Technisch lässt sich das als Verschiebung von Bewertungslogik beschreiben: Bei Banken werden Werte nicht nur über Buchgrößen, sondern auch über erwartete Erträge, Risikoausgleich und den Kostenapparat in der Umsetzung bestimmt. Ermotti nennt den Kaufpreis von drei Milliarden Franken explizit und verknüpft ihn mit dieser Ergebnislage. Entscheidend ist dabei weniger die politische Debatte über Zahlen-Statements als die praktische Umsetzung nach dem Closing: Integration ist bei großen Instituten kein „Add-on“, sondern ein mehrjähriges Umbauprogramm, das IT, Prozesse, Vergütungs- und Kontrollsysteme zusammenführen muss. Ermotti deutet genau darauf hin, wenn er den heutigen Erfolg der UBS nicht als Zufall, sondern als Ergebnis „schwieriger Entscheidungen“ und eines kostspieligen Umbaus einordnet. Für die Wahrnehmung des Marktes bedeutet das: Selbst wenn die Kursentwicklung nach der Übernahme stark gewesen ist, bleibt der operative Weg dorthin ein zentraler Bestandteil der Deal-Erzählung.

Auch der Blick auf den Marktmechanismus passt in diese Linie. Ermotti argumentiert, dass die UBS-Aktie seit der Übernahme im März 2023 deutlich gestiegen sei, die Bank im Vergleich zu ihren Konkurrenten an der Börse dennoch rund 20 Milliarden Franken weniger wert sei als ohne den CS-Deal. Das ist eine interessante Aussage, weil sie mehrere Ebenen gleichzeitig anspricht: Erstens erkennt er an, dass kurzfristige Kursbewegungen nicht automatisch eine „faire“ Gesamtbewertung garantieren. Zweitens versucht er, die Bewertungslücke als Folge von Unsicherheiten zu erklären, die der Markt dem Integrationsprozess, dem Risikoabbau und der Kapitalsteuerung zunächst noch anrechnet. Wer sich in der Praxis mit Bankbewertung beschäftigt, weiß: Der Markt preist nicht nur die Gegenwart ein, sondern auch die realistisch erwartete Kapitalbindung, die Kostenstruktur und die Fähigkeit, Erträge wieder nachhaltig zu normalisieren. Insofern wirkt seine Argumentation wie ein Versuch, den CS-Deal als Sanierungs- und Transformationsprojekt zu rahmen, nicht als opportunistische Schnäppchenjagd.

Die Aussagen zu Einsparungen und Personalabbau liefern dann die greifbare Umsetzungsebene. Ermotti nennt Einsparungen in Summe von 13,5 Milliarden Dollar, gleichzeitig sinkt die Zahl der internen Stellen bei UBS und CS von rund 120’000 bis 120’100 auf gut 99’000. Der Redetext verschiebt auch hier die Interpretation: Viele Mitarbeitende seien wegen Doppelspurigkeiten gegangen, nicht aufgrund mangelnder Leistung. Genau diese Differenzierung ist für Unternehmen wichtig, weil sich an ihr später auch Fragen nach Kultur, Know-how-Erhalt und Produktivität entscheiden. Integration entsteht in der Praxis häufig als Konsolidierung von Funktionen: Wiederholte Tätigkeiten in Vertrieb, Backoffice und Support müssen zusammengeführt werden, während gleichzeitig Kundenprozesse weiter stabil bleiben müssen. Dass Ermotti die vollständige Integration „in Kürze“ als Ziel nennt, zeigt zudem, dass er den Prozess nicht als einmaligen Schnitt, sondern als ein schrittweises Zusammenführen von Einheiten versteht.

Gleichzeitig will er nicht alles als „Verlust“ der übernommenen Teile darstellen. Von der Credit Suisse seien seiner Darstellung zufolge dennoch wichtige Ressourcen geblieben: Übernommene Mitarbeitende und vor allem die starke Position der CS in Teilen Asiens hätten die UBS gestärkt. Das berührt einen klassischen Zielkonflikt bei Übernahmen: Einerseits müssen Kosten gesenkt und Doppelstrukturen abgebaut werden, andererseits darf die Übernahme nicht zu einem reinen „Ablösen“ von strategischen Fähigkeiten führen. Gerade internationale Geschäftsmodelle können dabei ein Hebel sein, weil sie Kundenbeziehungen, Vertriebskompetenz und Marktzugang abbilden, die nicht vollständig „genauso“ in ein anderes Institut übertragbar sind. In der Wirkung heißt das: Integration muss nicht nur IT und Prozesse zusammenführen, sondern auch regionale Geschäftslogiken und Verantwortlichkeiten so umbauen, dass daraus neue Ertragslinien entstehen können.

Politisch und regulatorisch wird die Debatte bei Ermotti dann konkret. Er sieht den Erfolg der Übernahme als Beleg dafür, dass die UBS 2023 „stark genug“ gewesen sei, um die angeschlagene Credit Suisse aufzufangen. Gleichzeitig warnt er davor, dass Politik daraus möglicherweise „falsche Schlüsse“ ziehen könnte. Im Zentrum stehen die geplanten strengeren Eigenkapitalvorschriften des Bundesrats, die er als übertrieben bezeichnet. Für ihn ist die Gefahr vor allem ökonomisch: Wachstum werde unnötig begrenzt, wenn die Kapitalanforderungen zu restriktiv ausfallen und damit die Spielräume für Investitionen, Risikosteuerung und Skalierung enger werden. Sein Satz „Wer nicht wächst, stirbt.“ verdichtet dabei die Haltung auf eine Konstante: Kapitalregeln seien zwar wichtig, müssten aber den Leistungs- und Wachstumsmechanismus von Banken nicht so stark bremsen, dass Anpassungsfähigkeit leidet. Aus Unternehmenssicht ist das ein Signal, wie stark strategische Optionen – etwa Reinvestitionen in digitale Plattformen, Risikomanagement und neue Vertriebsmodelle – von regulatorischem „Headroom“ abhängen.

Für Entscheider, die sich mit Bank-KI, Datenintegration und Prozessmodernisierung beschäftigen, steckt in diesen Aussagen eine praxisnahe Konsequenz: Auch wenn die Debatte um Eigenkapital zunächst wie ein reines Controlling- oder Aufsichtsthema wirkt, bestimmt sie indirekt die Technologieagenda. Denn je knapper die Kapital- und Risikospielräume ausfallen, desto stärker müssen Banken priorisieren, wo Automatisierung tatsächlich Kosten senkt und wo sie Erträge absichert. Die von Ermotti genannten Integrations- und Einsparpfade deuten darauf hin, dass Standardisierung und Prozessharmonisierung bereits einen Kernhebel darstellen. Zugleich bleibt offen, wie sich Bewertungsunsicherheiten und Kapitalanforderungen in der nächsten Wachstumsphase auf die Umsetzungsgeschwindigkeit auswirken werden. Klar ist nur: Der CS-Deal ist für Ermotti kein rein finanzieller „Event“, sondern ein Lehrstück darüber, wie schnell operative Realitäten, Marktmeinungen und regulatorische Rahmenbedingungen zusammenwirken – und wie eng die nächsten Schritte mit der Frage verknüpft sind, ob Wachstum trotz strengerer Anforderungen möglich bleibt oder nur noch als kurzfristige Zahl möglich ist.


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