BREMEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Anfang August startet die Weiterbildung zum Multiplikator für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) bundesweit. Die Zahlen des World Economic Forum unterstreichen den Druck: Bis 2030 müssen voraussichtlich 59 von 100 Beschäftigten weitergebildet werden. Gleichzeitig zeigt der Ausbildungsstart ein gemischtes Bild aus steigenden Bewerberzahlen und teils sinkenden Stellen. Für Unternehmen wird damit Qualifizierung sowohl zu einem Gesundheits- als auch zu einem Personalstrategie-Thema.

Der Start der bundesweiten BGM-Weiterbildung zum Multiplikator Ende Juli und Anfang August fällt in eine Phase, in der sich Personalplanung nicht mehr nur an offenen Stellen, sondern an Kompetenzwechseln ausrichtet. Als zentrale Kennzahl nennt die Initiative Daten des World Economic Forum: Bis 2030 müssen voraussichtlich 59 von 100 Beschäftigten weitergebildet werden, weil sich 39 Prozent der Kernkompetenzen verändern. Dazu kommt der Befund, dass 63 Prozent der Unternehmen fehlende Fähigkeiten als größtes Hindernis für ihre Entwicklung bewerten. Genau hier setzt das BGM an, denn der Arbeitsalltag wirkt auf Dauer nur dann stabil, wenn Gesundheit, Qualifizierung und Führung zusammenspielen.
Technisch und organisatorisch betrachtet ist die Rolle eines BGM-Multiplikators weniger ein „neuer Titel“ als ein Brückenkonzept zwischen Prävention und Weiterbildung. Ein Betrieb muss dafür Prozesse schaffen, die Qualifikationslücken früh erkennen, Maßnahmen sauber dokumentieren und Verantwortlichkeiten in den Teams verankern. Genau diese Logik findet sich auch in großen Personalentwicklungsprogrammen: Mercedes-Benz plant laut Angaben für 2022 bis 2030 Investitionen von über 2 Milliarden Euro in Weiterbildung, davon 1,3 Milliarden Euro für Standorte in Deutschland. Verwendet werden dabei unter anderem Programme wie Turn2Learn und D.SHIFT, die Qualifizierungsangebote mit digitalen Lernformaten und einer stärker modularen Karriere- bzw. Skill-Planung verzahnen sollen.
Daneben verschärft der Ausbildungsstart den Praxisbezug der Debatte. Im Land Bremen meldete die Agentur für Arbeit seit Oktober 2025 insgesamt 5.115 Bewerber, das sind 5 Prozent mehr als im Vorjahr, während die gemeldeten Stellen um 11,9 Prozent auf 4.428 zurückgingen. Die Handelskammer Bremen registrierte 2.752 Ausbildungsverträge, ein Minus von 6,7 Prozent. Interessant ist das regionale Detail: Die Handwerkskammer Bremen meldete zwar ein Plus bei den Verträgen von 14 Prozent, zugleich blieben 225 Plätze in 137 Betrieben unbesetzt. Für Personalabteilungen heißt das, dass „pipeline“ und „matching“ nicht nur zahlengetrieben sind, sondern auch an Kommunikation, Berufsbildern und konkreten Einstiegswegen hängen.
In anderen Bundesländern zeigt sich, dass die Umstellung laufender Systeme ebenfalls in die Planung hineinwirkt. In Schleswig-Holstein starteten bei der IHK Kiel rund 6.400 Auszubildende, die Neuverträge lagen wegen der G8/G9-Umstellung um 6,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Besonders in Bereichen wie Einzelhandel, Logistik sowie im Metall- und Schiffbau seien laut Kammer noch viele Stellen offen. Die IHK Lübeck rät Suchenden zu Offenheit und Praktika, etwa in Zukunftsfeldern wie IT, Elektronik oder erneuerbaren Energien. Damit verlagert sich die Gewichtung im Recruiting spürbar: Unternehmen müssen nicht nur Plätze anbieten, sondern auch Lernpfade so gestalten, dass Einsteiger schneller von der ersten Phase zur Produktivität kommen.
Auch neue Standards in der Ausbildung folgen dieser Logik. Zum 1. August traten in der Bauwirtschaft neue Ausbildungsordnungen in Kraft; parallel plant die öffentliche Verwaltung den Bedarf: In Brandenburg sollen für den Sommer 2027 insgesamt 105 Ausbildungs- und 120 Studienplätze in Finanzämtern bereitstehen. Arbeitsminister Karl-Josef Laumann verwies in Nordrhein-Westfalen zudem auf Unterstützungsprogramme wie Ausbildungswege NRW sowie das Projekt TEP für Teilzeitberufsausbildungen; zusätzlich fließen jährlich 2 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds für weitere Plätze für Menschen mit Behinderung. Solche Maßnahmen wirken in der Summe wie ein Betriebssystem für Nachwuchsförderung: Sie reduzieren Hürden, verlängern jedoch zugleich die Notwendigkeit guter Planung, damit Unterricht, Betreuung und Prüfungen nicht zur Engpassstelle werden.
Dass Qualifizierung heute mehr ist als „Schulung“, zeigt der Blick auf Qualität und Spezialisierung. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnte zum Ausbildungsstart davor, Auszubildende als Ersatz für fehlendes Personal einzusetzen, und betonte damit die Grenze zwischen Ausbildung und kurzfristiger Personaldeckung. Ergänzend laufen spezialisierte Fortbildungen parallel zu klassischen Wegen: In Halle bietet die IHK BIZ einen Vollzeitkurs zum Geprüften Industriemeister Mechatronik an, der bis April 2027 dauert und über Aufstiegs-BAföG gefördert werden kann. Bei alfatraining startete zudem eine achtwöchige Vollzeit-Weiterbildung im Kundenservice mit CRM und digitaler Kommunikation, finanzierbar über Bildungsgutscheine. Selbst etablierte Unternehmen setzen auf breiten Einstieg: Sartorius begrüßte 79 Berufsstarter in Göttingen und Guxhagen mit Altersspanne von 15 bis 57 Jahren. Für Unternehmen ergibt sich daraus ein klares Bild: Wer BGM und Weiterbildung zusammendenkt, reduziert nicht nur Ausfallrisiken durch Überlastung, sondern verbessert auch die Verlässlichkeit der Qualifikationskette vom Ausbildungsbeginn bis zur laufenden Spezialisierung.
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