LONDON (IT BOLTWISE) – Bitcoin-Futures werfen im Carry-Trade inzwischen deutlich weniger Rendite ab als kurzfristige US-Treasuries. Nachdem die Basis während des Bullenmarkts 2021 zeitweise über 20% lag, liegt sie seit Februar bei unter 3% gegenüber rund 3,8% auf zweijährige Treasuries. Gleichzeitig brechen die Handelsvolumina der Bitcoin-Futures spürbar ein. Für Marktteilnehmer verschiebt sich damit der Anreiz, Kapital in Futures statt in „plain-vanilla“ Staatsanleihen zu stecken.

Der „Carry-Trade“ rund um Bitcoin-Futures hat seine Stärke eingebüßt: Wo die Rendite zeitweise mehr als 20% erreichte, liegt sie nach Angaben auf Basis öffentlich verfügbarer Marktdaten seit Februar konsistent unter dem Niveau kurzfristiger US-Treasuries. Konkret zeigt sich die Umkehr in der Rendite-Logik über die Futures-Basis: Wer Futures hält und gleichzeitig Spot-Positionen über ein börsengehandeltes Produkt (ETF) „verschränkt“, speist den Profit aus dem Abstand zwischen Futures- und Spot-Preis. Dieser Abstand ist in annualisierter Betrachtung nun niedriger als die zwei-jährigen Treasury-Noten – und das bereits über mehrere Monate am Stück.
Technisch betrachtet geht es bei der Futures-Basis um die Struktur des Terminmarkts. Futures sind Verträge, die den Kauf oder Verkauf eines Basiswerts zu einem festen Preis auf einen festgelegten Termin abbilden. Die Basis beschreibt den Preisunterschied zwischen dem Futures-Kontrakt und dem korrespondierenden Spot-Preis, bereinigt um die Marktannahmen, die sich in der Finanzierung und in der erwarteten Entwicklung widerspiegeln. Wenn diese Basis-Rendite unter das Niveau von Treasury-Renditen fällt, wird der Carry-Trade unattraktiver, weil Kapital mit weniger Risiko und ohne Futures-Spezifika zumindest vergleichbar vergütet wird. Genau dieser Effekt wird in den aktuellen Beobachtungen sichtbar: Der Drei-Monats-Basis zahlt seit Februar weniger als eine zweijährige Treasury – und damit verschwindet ein Kernargument für die Positionierung.
Für die Veränderung der Renditelage sorgt nicht nur ein einzelner Faktor, sondern ein Zusammenspiel aus schwächeren Carry-Erträgen und einem breiteren Krypto-Bärenmarkt. Dass sich das auch in der Aktivität niederschlägt, zeigen sinkende Futures-Volumina: Im Juli lag das Handelsvolumen laut Coinglass bei knapp über 880 Millionen US-Dollar, nachdem es im Februar noch bei etwa 1,47 Billionen US-Dollar gelegen hatte. Die Zahlen stehen nicht isoliert da. Wenn der Markttrend allgemein abwärts gerichtet ist und gleichzeitig die „übertreffbare“ Preisineffizienz im Basis-Trade schrumpft, reduzieren sich Risikobudgets. Händler müssen dann entweder höhere Sicherheiten und Gebühren überstehen oder akzeptieren, dass der erwartete Carry-Profit die Opportunitätskosten gegenüber Treasuries nicht mehr deckt.
Interessant ist dabei die Interpretation des Basis-Rückgangs: Ein fallender „Yield“ im Carry-Kontext bedeutet nicht automatisch, dass der Markt schlechter wird. In der vorliegenden Einordnung wird der Effekt sogar als Signal größerer Liquidität und Marktreife gelesen. Denn die klassische Basis-Strategie lebt von Diskrepanzen zwischen eng gekoppelten Märkten. Wenn die Basis-Erträge kollabieren, kann das darauf hindeuten, dass Futures und Spot-Preisbildung stärker konvergieren und damit weniger Spielraum für Arbitrage bleibt. In der Praxis kann das zu engeren Geld-Brief-Spannen (Bid-Ask-Spreads) führen und die Absicherung für Hedger erleichtern, weil weniger extreme Fehlbewertungen entstehen. Weniger „outsized“ Arbitrage bedeutet aber auch: Strategien, die früher über die Preisabstände dominant waren, verlieren ihre strukturelle Überrendite.
Die historische Einordnung liefert dafür einen wichtigen Abgleich: Die Sequenz, in der die Drei-Monats-Basis über längere Zeit unter dem Niveau der zwei-jährigen Treasury-Noten liegt, ist nach den Angaben von Glassnode ungewöhnlich lang. Genannt wird als Vergleich ein Zeitraum von August 2022 bis Januar 2023. Auch die aktuelle Dauer wird konkret: Die Basis liegt den Angaben zufolge 157 Tage hinweg niedriger als die zweijährige Treasury-Note. Solche Phasen sind für Portfoliomanager relevant, weil sie die Attraktivität von Carry-Exposures über verschiedene Risikobudgets hinweg verändern. Wenn der Carry nicht mehr als „zusätzlicher Renditetreiber“ funktioniert, wandert Kapital eher in liquide, standardisierte Instrumente wie Staatsanleihen oder in andere Krypto-Segmente mit anderer Risiko-Rendite-Kombination.
Für die Marktstruktur hat das gleich mehrere Konsequenzen. Erstens verändert sich die Besetzung der Handelsbücher: Wenn weniger Carry-Trader aktiv sind, sinkt tendenziell die Nachfrage nach den spezifischen Futures-Positionen, die früher stark von der Basis gelebt haben. Zweitens verschiebt sich der Wettbewerb um Renditequellen. Die Referenzgröße Treasuries ist für viele institutionelle Akteure ein „Benchmark of last resort“: Sobald Futures-Basis und Finanzierungskosten nicht mehr mithalten, wird es schwer, die Strategie intern zu rechtfertigen. Drittens steigt die Bedeutung anderer Ertragsquellen wie Gebührenmodelle auf Börsen, alternative Hedging-Mechaniken oder weiterhin bestehende Marktspannungen in Teilbereichen des Ökosystems.
Unter dem Strich zeigt der Vorfall, wie stark sich die Anreize im Krypto-Terminhandel an makroökonomische Finanzierungssätze anbinden. Der Carry-Trade war lange ein strukturelles Spiel zwischen Futures und Spot, verstärkt durch die Erwartung, dass Preisunterschiede dauerhaft genug bestehen. Wenn die Basis jedoch über Monate unter „Plain-Vanilla“-Treasury-Renditen fällt, wird aus einem Carry-Vorteil ein Opportunitätsverlust. Das erklärt, warum die Futures-Aktivität abnimmt, und warum gleichzeitig ein Teil der Marktwirkung positiv interpretiert werden kann: Konvergenz reduziert Ineffizienzen. Gleichzeitig bleibt offen, ob sich der Terminmarkt in einer späteren Phase erneut so stark von der Spot-Preisbildung entkoppelt, dass Carry-Trader wieder auf das alte Renditeniveau kommen.
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