LONDON (IT BOLTWISE) – Während die Zahl meldepflichtiger Arbeitsunfälle bei der BG RCI 2025 weiter sinkt, steigen die Belastungen im Bereich psychischer Gesundheit deutlich. Die KKH meldet für 2025 rund 119 Krankheitstage je 100 Versicherte bei Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen. Gleichzeitig führen Stressfaktoren wie mobiles Arbeiten und die Entgrenzung von Beruf und Privatleben dazu, dass Prävention neu gedacht werden muss. Dazu kommt politischer Druck: Für 2026 stehen Änderungen bei der Attestpflicht und der telefonischen Krankschreibung im Raum.

Die aktuelle Statistik der BG RCI zeigt ein zweigeteiltes Bild: Bei den meldepflichtigen Arbeitsunfällen wurden 2025 insgesamt 20.409 Fälle gezählt, etwa acht Prozent weniger als im Vorjahr mit 22.196 Unfällen. Auch die Unfallquote ging zurück, auf 15,97 Vorfälle je 1.000 Vollzeitkräfte. Selbst die Wegeunfälle entwickelten sich rückläufig, von 5.001 auf 4.867. Für das Sicherheitsmanagement ist das erfreulich, weil es anzeigt, dass Präventionsprogramme messbar wirken können – zugleich macht der Kontrast deutlich, dass sich der größte Handlungsdruck zunehmend in Richtung psychischer Belastung verschiebt.
In Zahlen spiegelt sich dieser Verschiebungseffekt auch im finanziellen Einsatz: Die Berufsgenossenschaft investierte im vergangenen Jahr 135 Millionen Euro in Prävention. Davon flossen 17 Millionen Euro in Qualifizierungsmaßnahmen mit der Teilnahme von rund 27.746 Personen. Selbst wenn die Unfallzahlen insgesamt fallen, bleiben Entschädigungsleistungen hoch: Rund 938 Millionen Euro – etwa 80 Prozent der Gesamtausgaben – gingen an Versicherte. Die medizinische Rehabilitation kostete dabei 250,5 Millionen Euro, während Rentenzahlungen mit 667 Millionen Euro zu Buche schlugen. Diese Kostenstruktur ist für Unternehmen relevant, weil sie zeigt, dass Prävention nicht nur „Unfälle verhindert“, sondern langfristige Folgekosten abfedert – und genau diese Logik gilt beim psychischen Gesundheitsschutz oft noch nicht in gleicher Tiefe.
Während die körperliche Sicherheit messbar zulegt, liefert die KKH einen Hinweis, warum Arbeitsschutz künftig stärker datenbasiert auf psychische Risiken reagieren muss. Für 2025 nennt die Krankenkasse einen Rekordwert bei Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen: knapp 119 Krankheitstage je 100 Versicherte – fast doppelt so viele wie 2017. Als Stressfaktoren werden dabei unter anderem mobiles Arbeiten, hohe Arbeitspensen und die Entgrenzung zwischen Beruf und Privatleben genannt. Ergänzend stützt eine YouGov-Umfrage unter 1.153 Industriebeschäftigten (Juni 2026) den Trend: 44 Prozent berichten von gestiegener geistiger oder körperlicher Belastung, in der Produktion sogar 59 Prozent. Besonders aufschlussreich sind die Ursachen aus Sicht der Befragten: Kosteneinsparungen und Effizienzprogramme (49 Prozent) sowie Personalabbau und unbesetzte Stellen (48 Prozent). Für die Gefährdungsbeurteilung heißt das: Der „psychische Faktor“ ist nicht bloß eine individuelle Befindlichkeit, sondern häufig Ergebnis organisationaler Rahmenbedingungen.
Genau hier wird klar, warum rechtssichere Prozesse in der Praxis mehr sind als Verwaltungsaufwand. Viele Sicherheitsverantwortliche wissen laut dem Bericht, dass wirksame Prävention nicht allein im Ausfüllen von Formularen besteht. Stattdessen brauchen Betriebe Unterlagen, die sowohl inhaltlich tragfähig als auch dauerhaft vor Aufsichtsbehörden Bestand haben. Entsprechend wird auf kostenlose Vorlagen und Checklisten verwiesen, die Arbeitgeber und Sifas dabei unterstützen sollen, Zeit zu sparen und rechtliche Risiken bei der Gefährdungsbeurteilung konsequent zu vermeiden. Technisch und organisatorisch betrachtet bedeutet das: Eine moderne GBU sollte nachvollziehbar dokumentieren, welche Risiken identifiziert, welche Schutzmaßnahmen abgeleitet und wie sie überprüft wurden. Gerade bei psychischen Belastungen, die oft dynamisch entstehen und stark vom Arbeitsdesign abhängen, hilft eine saubere Struktur, um Maßnahmen nicht nur einzuführen, sondern auch nachzusteuern.
Die gesellschaftliche Debatte um Gesundheit im Betrieb bekommt parallel eine politische Kante. Laut den Angaben zur Bundespolitik plant die Regierung unter Kanzler Friedrich Merz für 2026 eine Gesetzesänderung: Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag, während die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden soll. Die vbw unterstützt die Pläne, während Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter laut Bericht dagegenhalten. Der DGB Bayern warnt vor zusätzlicher Bürokratie für Hausärzte und vor höherer Ansteckungsgefahr in Wartezimmern. Für Unternehmen ist das vor allem ein Planungs- und Organisationssignal, weil sich Prozesse rund um Arbeitsunfähigkeit, Kommunikation und Dokumentation verändern können. Wenn gleichzeitig psychische Belastungen zunehmen, wird der Faktor „Verwaltungstakt“ zum Risiko: Je mehr Reibung im Krankheitsprozess entsteht, desto schwieriger wird es, Betroffene frühzeitig in Präventions- und Unterstützungsstrukturen einzubinden.
Dazu kommt eine weitere Einflussgröße, die in der betrieblichen Realität bereits jetzt spürbar ist: Laut der Umfrage zeigen 37 Prozent der unter 30-Jährigen die Sorge vor langfristigen Jobverlusten durch Künstliche Intelligenz. Auch wenn diese Aussage nicht direkt eine Ursache für psychische Krankheitstage liefert, wirkt sie häufig indirekt über Unsicherheit, wahrgenommene Kontrollverluste und die Belastung durch Veränderungsdruck. Für die GBU kann das bedeuten, dass Unternehmen nicht nur klassische Gefahren wie Lärm oder ergonomische Risiken betrachten, sondern auch die psychosozialen Effekte von Transformationsprozessen einbeziehen müssen – beispielsweise durch Qualifizierungspfade, transparente Rollenmodelle und eine verständliche Kommunikation von Einsatzszenarien. Eine gut dokumentierte Gefährdungsbeurteilung macht dabei sichtbar, ob Schutzmaßnahmen tatsächlich geplant, umgesetzt und überprüft wurden.
Der eigentliche Hebel liegt damit in einer Kombination aus messbaren Präventionsschritten, belastbaren Dokumentationsstandards und einem betrieblichen Umgang mit dem Thema „psychische Gesundheit“ als Managementaufgabe. Die sinkenden Unfallzahlen bei der BG RCI sind ein positives Signal dafür, dass Investitionen und Qualifizierung Wirkung entfalten. Gleichzeitig zeigen die KKH-Zahlen und die Umfrageergebnisse, dass psychische Belastungen trotz erfolgreicher Arbeitsschutzroutinen weiter ansteigen können, wenn Arbeitsorganisation und Personalbemessung nicht nachziehen. Für Unternehmen bedeutet das: Gefährdungsbeurteilungen sollten nicht nur formal rechtssicher sein, sondern auch die Realität abbilden – inklusive Entgrenzungsthemen, Personalsituation und Veränderungsdruck durch Effizienzprogramme oder KI-Transformationen. Welche Schutzmaßnahmen man priorisiert, hängt dabei weniger von allgemeinen Leitlinien ab, sondern stärker davon, wie genau der Betrieb Risiken identifiziert und welche Maßnahmen er in der täglichen Arbeit verankert.
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