LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie legt nahe, dass die Gesichtszüge von Psychotherapeutinnen und -therapeuten die Auswahl deutlich mitprägen. In einem Experiment wurden attraktiv wirkende Profile aus einem Online-Verzeichnis häufiger ausgewählt als weniger attraktive. Der Effekt blieb bestehen, selbst wenn die wahrgenommene Kompetenz der Profile berücksichtigt wurde. Zusätzlich zeigte sich keine relevante Verstärkung durch sexuelle Präferenzen der Teilnehmenden.

Wer Psychotherapeutinnen oder -therapeuten sucht, trifft selten eine rein fachliche Entscheidung. Eine neue Studie untersucht genau diesen Einstiegspunkt: die Auswahl aus einem Online-Verzeichnis, das meist nur ein Foto, einen kurzen Steckbrief und einige Basisangaben zeigt. Das Ergebnis ist weniger überraschend für Verhaltensforscher als für Menschen mit hohem Anspruch an professionelle Qualität: Teilnehmende wählten häufiger Therapeutinnen und Therapeuten mit attraktiven Gesichtern, obwohl die Kompetenz als zentrale Vergleichsdimension kontrolliert wurde.
Technisch und methodisch betrachtet geht es in der Arbeit um einen klassischen psychologischen Mechanismus, der im Hintergrund vieler Alltagsurteile steht: Gesichter ziehen Aufmerksamkeit an und erzeugen sehr schnell erste Eindrucksbilder. Aus diesen ersten Eindrücken lassen sich für viele Menschen vermeintliche Hinweise auf Eigenschaften ableiten, die mit dem Aussehen nicht zwangsläufig zusammenhängen – etwa Wärme, Vertrauenswürdigkeit oder moralische Einstellungen. Genau hier setzt die Studie an und prüft, ob ein „beautiful is good“-Halo-Effekt greift: Eine positive Bewertung des Erscheinungsbilds könnte späteren Urteilen über professionelle Qualitäten „vorarbeiten“.
Der Aufbau des Experiments ist dabei klar genug, um den Einfluss der Attraktivität isolieren zu können. Dafür nutzten die Forschenden 32 Gesichtsaufnahmen aus der „10k US Adult Faces Database“ und teilten sie in gleich große Gruppen „attraktiv“ und „unattraktiv“ auf. Alle abgebildeten Personen zeigten freundliche Mimik, und das Design sollte außerdem einen wichtigen Störfaktor reduzieren: Die Auswahl der Gesichter wurde so getroffen, dass sie durchschnittliche Vertrauenswürdigkeit signalisieren, damit dieser Faktor nicht die Entscheidungen allein erklären kann. Aus diesen Bildern konstruierten die Autorinnen und Autoren anschließend fiktive Profile in einer Art Online-Therapeutenverzeichnis – jeweils mit Name, Rolle, Geschlecht, Alter und einem Kompetenzwert, der über Sterne-Bewertungen operationalisiert wurde.
Im Zentrum stand dann die Frage, ob Attraktivität eine Vorliebe auslöst oder ob es eher um Vermeidung geht. Teilnehmende sahen Profile, die sich in drei Dimensionen unterschieden: Attraktivität des Gesichts (attraktiv, unattraktiv oder ohne Profilfoto) sowie die wahrgenommene Kompetenz (niedrige bis hohe Sternzahl). Nach dem Anzeigen aller Profile sollten sie angeben, wie wahrscheinlich sie wären, die jeweiligen Therapeutinnen oder Therapeuten auszuwählen. Zusätzlich erfassten die Forschenden das grundsätzliche Einstellungsprofil zur Inanspruchnahme psychologischer Hilfe mit der Skala „Attitudes Toward Seeking Professional Psychological Help Short Form Scale“. Die Stichprobe umfasste 108 Studierende aus Kolumbien und Peru, im Mittel 32 Jahre alt, davon 63 Frauen; 14 % gaben an, aktuell in Therapie zu sein, und 55 % berichteten von früherer Therapieerfahrung.
Die Ergebnisse sind in ihrer Richtung eindeutig: Profile mit attraktiven Gesichtsfotos wurden signifikant häufiger ausgewählt, selbst nachdem die wahrgenommene Kompetenz (Sternzahl) berücksichtigt wurde. Ebenso wichtig ist der Vergleich „unattraktiv“ versus „kein Foto“: Unattraktive Bilder wurden nicht systematisch seltener gewählt als Profile ohne Foto. Daraus folgt für die Interpretation ein differenziertes Bild – der Effekt ist eher eine Präferenz für Attraktivität als eine reine Abneigung gegen Unattraktivität. Ebenso wenig zeigten sich Modulationen durch das Geschlecht der Therapeuten oder die Geschlechts- und Präferenzangaben der Teilnehmenden. Die Arbeit deutet deshalb darauf hin, dass die beobachtete Auswahlneigung nicht stark durch Motive aus dem Bereich Partnerschaft oder durch sexualisierte Attraktivitätslogiken verstärkt wird.
Gleichzeitig nennt die Studie selbst Einschränkungen, die in der Praxis häufig den Unterschied zwischen „laborähnlicher Evidenz“ und „realer Entscheidungsdynamik“ ausmachen. Das Design arbeitete mit hypothetischen Entscheidungen: Es wurde nicht beobachtet, wie Menschen tatsächlich nach Abschluss der ersten Kontaktphase eine Therapeutin auswählen, Terminoptionen vergleichen oder sich in ein Beratungsgespräch begeben. Dazu kommt, dass die Teilnehmenden nicht aktiv Hilfe für ein konkretes psychisches Problem suchten. In einer realen Situation mit hoher Dringlichkeit könnten Kompetenzindikatoren – etwa therapeutische Spezialisierung, Behandlungsmethodik oder Erfahrung mit bestimmten Störungsbildern – stärker gewichtet werden als ein Foto im Verzeichnis. Für die Verallgemeinerbarkeit spielt auch die Zusammensetzung der Stichprobe eine Rolle: Sie stammte vor allem aus dem Umfeld von Studierenden in Kolumbien und Peru.
Trotzdem ist die praktische Relevanz groß, weil die Auswahlhürde häufig genau dort entsteht: Menschen beginnen die Suche online und sehen zuerst ein Foto. Wenn Attraktivität auch unter Kompetenzkontrolle wirkt, verschiebt sich der Fokus in der Diskussion um digitale Verzeichnisse und deren Gestaltungsprinzipien. Für Anbieter und Plattformen stellt sich damit die Frage, wie man Nutzerentscheidungen so unterstützt, dass fachliche Informationen nicht durch „visuelle Schnellurteile“ überlagert werden. Für Therapeutinnen und Therapeuten bedeutet das nicht, dass das Erscheinungsbild „entscheidet“, aber es kann die Sichtbarkeit und erste Reaktionswahrscheinlichkeit beeinflussen – gerade dann, wenn Nutzer nur wenig Zeit investieren und aus Unsicherheit heraus auf schnelle Signale zurückgreifen.
Die Studie wurde in Psychotherapy Research veröffentlicht. Der Beitrag trägt den Titel „Facial attractiveness increases the likelihood of choosing a psychotherapist, irrespective of sexual preferences and perceived trustworthiness“ und stammt von Antonio Olivera-La Rosa, Alessandro Ansani, Marco Viola und Marco Marini. Für Unternehmen, die mit KI-gestützten Empfehlungssystemen oder digitalen Verzeichnissen arbeiten, ist die Botschaft über den Bereich Psychotherapie hinaus anschlussfähig: Sobald Profile mit Bildmaterial und knappen Metadaten kombiniert werden, können einfache visuelle Heuristiken unerwünscht „in die Schleife“ der Nutzerwahl geraten. Genau hier liegt die Chance, Prozesse so zu gestalten, dass Kompetenz, Spezialisierung und Passung stärker sichtbar werden – nicht als Ersatz für menschliche Entscheidungen, sondern als Korrektiv gegen ungewollte Vorurteile, die sich schon beim ersten Blick auf ein Foto festsetzen.
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