LONDON (IT BOLTWISE) – Nel ASA berichtet trotz eines tiefroten Quartals von einem deutlichen Auftragssprung: 230 Millionen NOK im zweiten Quartal 2026. Der Großteil der neuen Bestellungen kommt aus der PEM-Sparte und lässt den Auftragsbestand auf 1,213 Milliarden NOK wachsen. Gleichzeitig belastet ein Rechtsvergleich mit der Iwatani Corporation of America das operative Ergebnis, das auf ein negatives EBITDA von -155 Millionen NOK fällt. Für Anleger und Branchenbeobachter entscheidet jetzt vor allem, wie schnell das Unternehmen aus dem vollen Auftragsbuch wieder schwarze Zahlen macht.

Bei Nel ASA klaffen Auftragsbuch und Bilanz wie bei einem klassischen Transformationsfall auseinander: Auf der einen Seite zieht der Wasserstoffspezialist laut eigener Meldung im zweiten Quartal 2026 Bestellungen im Wert von 230 Millionen norwegischen Kronen an. Das ist mehr als das Dreifache des Vorjahreswerts. Auf der anderen Seite rutscht das operative Ergebnis in den negativen Bereich, weil ein juristischer Themenkomplex zusätzlich auf das Quartal drückt. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, ob der Auftragsschub tatsächlich aus dem Markt kommt – oder ob der Turnaround noch zu stark von Sondereffekten überlagert wird.
Technisch betrachtet zeigt der Auftragssprung ein klares Muster: Fast der gesamte Zuwachs entfällt auf die PEM-Technologie (Proton Exchange Membrane). Für rund 96 Prozent der neuen Order wird diese Sparte verantwortlich gemacht. Genau diese Detailtiefe ist für die Bewertung entscheidend, denn PEM gilt in der Industrie häufig als Technologiefamilie, bei der sowohl Skalierung als auch Prozessstabilität im Fokus stehen. Dass Nel damit vor allem in einem konkreten Segment wächst, wirkt zunächst wie ein Stabilitätsanker – selbst dann, wenn große Energiekonzerne ihre grünen Wasserstoffpläne zeitweise zurückfahren und Nachfragezyklen dadurch unruhiger werden.
Mit dem neuen Auftragsvolumen steigt der Auftragsbestand auf 1,213 Milliarden NOK. Für die Produktionsplanung ist das mehr als nur eine Kennzahl: Nel beschreibt damit eine Auslastung, die weit in das Jahr 2027 hineinreicht. Genau an dieser Stelle wird das zweite Bild sichtbar, das das Quartal prägt: Das EBITDA liegt bei minus 155 Millionen NOK. Ein Einmaleffekt senkt das Ergebnis, und Nel nennt dafür den Abschluss eines laufenden Rechtsstreits. Konkret zahlt das Unternehmen der Iwatani Corporation of America eine Vergleichssumme von 70 Millionen NOK, wodurch der Konflikt beendet werden soll.
Für das Verständnis des operativen Geschäfts ist dabei weniger die Schlagzeile als die Bereinigung relevant: Rechnet man den genannten Vergleichsposten heraus, bleibt das operative Kerngeschäft laut Darstellung weitgehend stabil gegenüber den Vorquartalen. Das ist ein wichtiger Unterschied, weil es die Interpretation verändert: Es geht dann nicht primär um eine operative Schwäche im laufenden Projektgeschäft, sondern um die zeitliche Verschiebung von Kosten in ein Quartal. Gleichzeitig macht das den nächsten Fokus für den Markt klar – ob sich diese bereinigte Stabilität im Zusammenspiel mit der fortlaufenden Auslieferung der Bestellungen bis 2027 bestätigt.
Nel ASA hat sich zudem strategisch neu aufgestellt, was den technischen Charakter der Nachfrage noch stärker mit dem Ausblick verknüpft. Im Juni 2024 spaltete das Unternehmen seine Betankungssparte Cavendish Hydrogen ab und konzentriert sich seitdem ausschließlich auf die Herstellung von Elektrolyseuren. Zentral ist dabei die PA-Series, eine im Mai 2026 gestartete Plattform mit druckbeaufschlagter Alkali-Technologie. Für 25-Megawatt-Anlagen peilt Nel einen Systempreis von unter 1.450 US-Dollar pro Kilowatt an. In der Praxis zielt das auf modulare Skalierung: kleinere Anlagen sollen sich leichter in Projekt- und Ausbaupläne einpassen lassen – gerade in einem Umfeld, in dem die Industrienachfrage nach skalierbaren Lösungen zunehmend in die konkrete Implementierungsphase drängt.
Neben den Zahlen verschiebt sich auch die Führungsarchitektur. CEO Håkon Volldal kündigte Mitte Juni 2026 seinen Rücktritt an und befindet sich derzeit in einer sechsmonatigen Übergangsphase; der Aufsichtsrat sucht nach einem Nachfolger, der das Unternehmen durch die nächste industrielle Ausbauphase führen soll. Solche Übergänge sind für kapitalintensive Hardware- und Projektgeschäft besonders sensibel, weil Entscheidungen über Lieferketten, Produktionskapazitäten und Projekt-Rollouts häufig langfristig wirken. An der Börse zeigt sich daher auch ein gemischtes Bild: Die Aktie schloss am Dienstag bei 0,1982 Euro (+1,23 Prozent zum Vortag). Seit Jahresbeginn liegt sie bei +4,98 Prozent, aber rund 46 Prozent fehlen noch zum bisherigen Jahreshoch aus dem Mai.
Auch technische Indikatoren und Liquidität liefern Hinweise darauf, wie viel Spielraum kurzfristig vorhanden ist. Der 14-Tage-RSI von 42 bewegt den Titel im neutralen Terrain, was eher auf abwartende Marktteilnehmer hindeutet als auf einen klaren Trend. Gleichzeitig nennt Nel ein Liquiditätspolster von 1,328 Milliarden NOK zum Quartalsende. Das schafft Kapazität, um Ausbauarbeiten am Produktionsstandort Herøya zu finanzieren und die Auslieferung der Bestellungen bis 2027 zu stemmen. Der neue CEO wird damit zwar auf ein gefülltes Auftragsbuch treffen, zugleich aber die zentrale Aufgabe übernehmen, daraus wieder planbar positive operative Ergebnisse zu machen – insbesondere dann, wenn die bereinigte Stabilität nicht nur im Quartal, sondern über mehrere Perioden trägt.
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