LONDON (IT BOLTWISE) – Bitcoin kämpft seit Anfang Juni mit der Rückeroberung der 65.000-US-Dollar-Marke und steckte dabei zeitweise in einem 52-Wochen-Tief. Gleichzeitig hat die S&P-500-zu-Bitcoin-Kennzahl erstmals seit langem die 200-Wochen-Linie überholt. Damit könnte das langjährige Muster „Bitcoin outperformt Aktien“ vorerst ins Wanken geraten. Untermauert wird das Bild durch eine spürbare Aufhellung der US-Iran-Verhandlungsstory und einen eher mechanischen Charakter des jüngsten Abverkaufs.

Bitcoin-Rendite gegen Aktien: Das ändert sich laut Chart
Bitcoin-Rendite gegen Aktien: Das ändert sich laut Chart (Foto: IT BOLTWISE)
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Seit dem Jahresstart war das wichtigste Narrativ an den Kryptomärkten vergleichsweise klar: Bitcoin lieferte über viele Monate hinweg eine bessere Performance als der Aktienmarkt. Doch die aktuelle Chartlage setzt dieses Muster unter Druck. Laut den vorliegenden Marktdaten fiel Bitcoin ab Anfang Juni wieder in eine Drawdown-Phase und konnte die Schwelle von 65.000 US-Dollar nicht nachhaltig zurückerobern. Zwischenzeitlich erreichte der Kurs im Juli sogar ein 52-Wochen-Tief von rund 57.700 US-Dollar. Währenddessen markierte der S& P 500 in derselben Woche ein neues Allzeithoch. Genau diese gleichzeitige Gegenbewegung wirkt im Verhältnis besonders aussagekräftig, weil sie nicht nur absolute Kursbewegungen, sondern die Relative Performance beider Anlageklassen in den Fokus rückt.

Technisch betrachtet ist hier nicht der reine Preis entscheidend, sondern eine Kennzahl, die das Verhältnis zwischen dem S& P-500-Index und Bitcoin abbildet. Diese S& P-500-zu-Bitcoin-Ratio beschreibt vereinfacht, wie viel Bitcoin nötig ist, um „einen Einheitwert“ des S& P 500 nachzubilden. In der bisherigen Historie hielt sich die Ratio demnach über lange Zeit unter dem Niveau der 200-Wochen-Moving-Average-Linie (WMA) – so, dass der Trend zu Gunsten von Bitcoin in Relation zu Aktien „gewichtet“ blieb. Nun zeigt die Auswertung, dass die Ratio erstmals für einen durchgehenden Zeitraum über diese 200-Wochen-WMA geraten ist und seit Juni auch dort verbleibt. In der Praxis heißt das: Das klassische „Bitcoin muss weniger eingesetzt werden, um Aktienäquivalente abzubilden“ verschiebt sich zumindest kurzfristig.

Die Marktreaktion bleibt dabei nicht auf Preis-Charts beschränkt, sondern lässt sich auch in der Stimmung ablesen. Für den Retail-Bereich wird in den vergangenen Tagen eine eher bärische Haltung bei Bitcoin beschrieben, allerdings ohne eine extreme Zuspitzung im Tagesverlauf. Diese Kombination ist relevant, weil sie die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die jüngste Schwäche weniger aus einem abrupten Vertrauensbruch gespeist wird, sondern eher aus Positionierungseffekten und Mechaniken im Handel. Bitcoin lag laut den Daten zuletzt bei einem Tagesplus von 0,9 % auf rund 64.500 US-Dollar; der Abstand zum vorherigen Rekordhoch von über 126.000 US-Dollar aus Oktober bleibt damit erheblich. Genau an dieser Stelle wird die Unterscheidung wichtig: Eine Ratio-Veränderung kann sich auch dann einstellen, wenn Bitcoin nicht „grundsätzlich“ schlechter wird, sondern wenn Aktien oder Liquiditätsbedingungen relativ stärker wirken.

Aus Sicht der Risikofaktoren knüpft eine zweite Argumentationslinie an die Entwicklung „risk assets“ an. Charles Edwards, Gründer von Capriole Investments, verweist darauf, dass sich das Kräfteverhältnis breiter im Markt verändert habe. In seinem Kommentar heißt es: „oil rejected, breaking down“ und „stocks breaking up“. Edwards ordnet das zudem in eine Phase ein, in der Risikoassets im Juli unter Druck standen, unter anderem wegen geopolitischer Spannungen rund um Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran sowie wegen Effekten, die er als „Situational Awareness liquidation“ bezeichnet. Gleichzeitig zeigt die Nachrichtenseite rund um die Gespräche über den Persischen Golf laut Quelle erste Fortschritte: Der US-Außenminister nannte Fortschritt in den Verhandlungen, und aus dem Finanzministerium wurde in Aussicht gestellt, dass ein Deal „so früh wie Mittwoch“ möglich sein könnte. Für Märkte bedeutet das: Wenn sich der Makro-Schock abschwächt, kann die Risikoappetit-Komponente zurückkehren – und damit auch die relative Stärke von Aktien.

Damit aber nicht genug: Für die Erklärung des Bitcoin-Abverkaufs spielt laut einer frühen Juli-Auswertung von 21Shares die Handelsmechanik eine zentrale Rolle. Die Ausarbeitung kommt zu dem Schluss, dass der Rückgang weniger als Bruch der langfristigen Investment-These zu verstehen sei, sondern als „mechanical unwind“: Positionen, die als Basis-Trades bzw. über strukturierte Futures-Engagements aufgebaut waren, mussten bei fallenden Kursen schrittweise geschlossen werden. Konkret wird beschrieben, dass leveraged Fonds über den Einsatz des Chicago Mercantile Exchange (CME) Shorts reduziert haben sollen – von etwa 100.000 Bitcoin zum Hoch im Oktober auf rund 63.000 Bitcoin, als der Preis weiter nachgab. Solche Zahlen sind für die Praxis deshalb relevant, weil sie die Geschwindigkeit des Abschwungs erklären können, ohne dass dafür zwingend eine neue fundamentale Bewertung erforderlich wäre. 21Shares ordnet den Rückgang von rund 50 % zudem in den historischen Rahmen ein: Frühere Zyklen hätten Peak-to-Trough-Abfälle in einer Spanne von 75 % bis 85 % gezeigt.

Aus Unternehmens- und Investment-Sicht ist die entscheidende Frage weniger, ob Bitcoin „heute“ gewinnt, sondern ob sich die Marktstruktur verändert, sodass sich die Relative-Performance-Mechanik künftig anders verhält. Wenn die S& P-500-zu-Bitcoin-Ratio dauerhaft über der 200-Wochen-WMA bleibt, verschiebt sich das Zeitfenster für klassische „Bitcoin als Outperformer“-Strategien. Das kann Portfolios betreffen, die Bitcoin als taktische Diversifikation oder als Wachstumswette über Aktien hinaus behandeln. Gleichzeitig ist die Beobachtung, dass der Retail-Sentimentzustand eher in der „bearish“-Zone verharrt und die Chatter-Level eher normal bleiben, ein Hinweis darauf, dass keine breite, sofortige Reversal-Erzählung zündet. Vielmehr spricht das Gesamtbild für eine Marktphase, in der Liquidität und Risiko-Stimmung Aktien begünstigen, während Krypto noch „Positionierung nachholt“.

Für die nächsten Wochen wird es deshalb darauf ankommen, ob Bitcoin seine technische Schwächephase bei 65.000 US-Dollar beendet und gleichzeitig die Ratio-Entwicklung bestätigt. Der Kursstand um 64.500 US-Dollar wirkt wie eine Zwischenstation: nahe genug für ein Reclaim, aber noch nicht stark genug, um den Chart-Impuls gegen Aktien eindeutig zurückzudrehen. Trader werden dabei häufig auf die Kombination aus Preisverhalten und Ratio-Kurve schauen, weil die 200-Wochen-Linie historisch als Trendfilter dient. Sollte sich die Ratio jedoch weiter oberhalb der 200-Wochen-WMA halten, könnte das die Wahrnehmung „Crypto springt zurück“ in Richtung „Crypto muss sich erst neu einordnen“ verschieben. Unterm Strich ist die aktuelle Meldung weniger eine Prognose über Bitcoin-Long-Term-Thesen, sondern ein präziser Hinweis, dass die relative Marktmechanik gerade kippt.


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