BADEN-WÜRTTEMBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie von Universität Tübingen und IPN Kiel zeigt, wie stark Jugendliche KI als Wissensquelle über Lehrkräfte stellen. Bei 870 begabten Gymnasiasten aus den Klassen 6 bis 8 lagen 2023 noch 39 % bei der Aussage „KI weiß mehr“. 2024 sank der Wert zwar auf 34 %, aber er bleibt bei etwa einem Drittel stabil. Gleichzeitig glauben immer weniger Schüler an Fehlerfreiheit, während die Autorität der Systeme insgesamt hoch bleibt.

Die aktuelle Debatte über KI in Schulen bekommt eine neue, messbare Dimension: Nicht die Frage „Kann KI leisten?“ steht im Vordergrund, sondern „Wem glauben Lernende?“. In einer gemeinsamen Untersuchung von Universität Tübingen und IPN Kiel zur kognitiven Autoritätszuschreibung wurde untersucht, welche Wissenskompetenz Jugendliche KI-Systemen gegenüber menschlichem Lehrpersonal zuschreiben. Damit rückt ein Aspekt ins Zentrum, der im Schulalltag oft unsichtbar bleibt – nämlich wie Vertrauen in Informationsquellen entsteht und sich im Zeitverlauf verändert.
Untersucht wurde eine Kohorte von 870 begabten Gymnasiasten der Klassenstufen sechs bis acht in Baden-Württemberg. Die Forscher betrachteten dabei nicht nur allgemeine Vorstellungen über „Wissensmacht“, sondern auch, wie sich die Wahrnehmung nach Fragestellungen zur Wissenshoheit und zur Fehleranfälligkeit aufteilt. Der Kernbefund ist eindeutig: Im Jahr 2023 stimmten 39 % der Teilnehmenden der Aussage zu, dass künstliche Intelligenz mehr wisse als ihre Lehrkräfte. Für 2024 zeigt sich zwar eine leichte Korrektur, die Autoritätszuschreibung bleibt jedoch hoch: Der Anteil sank auf 34 %, also weiterhin knapp ein Drittel der besonders leistungsstarken Schüler.
Interessant wird diese Entwicklung vor allem dann, wenn man sie mit zwei ergänzenden Dimensionen kombiniert. Erstens differenziert die Studie zwischen der Vorstellung, KI sei besonders wissend, und der Idee einer absoluten Fehlerfreiheit. Die „Allwissenheit“ ist zwar seltener, aber keineswegs verschwunden: 2023 hielten 13 % die Aussage „KI weiß alles“ für zutreffend, 2024 waren es 10 %. Zweitens zeichnet sich bei der Unfehlbarkeit ein abnehmender Trend ab: 2023 gingen noch 10 % davon aus, dass die KI keine Fehler mache; 2024 waren es nur noch 6 %. Zusammengenommen deutet das auf einen Lernprozess bei einem Teil der Jugendlichen hin – auf der Ebene der erwarteten Zuverlässigkeit, während die grundsätzliche Autorität der Systeme vergleichsweise stabil bleibt.
Damit stellt sich eine pädagogische Kernfrage: Wenn KI als wissensmächtiger wahrgenommen wird als Lehrkräfte, verschiebt sich die soziale und kognitive Arbeitsteilung im Unterricht. Für das kritische Denken bedeutet das eine mögliche Verschiebung der Aufmerksamkeit – insbesondere beim Prüfen von Quellen, beim Abgleich widersprüchlicher Informationen und bei der Frage, wie man mit Unsicherheit umgeht. Genau an dieser Stelle wird der Studienkontext anspruchsvoll: Die Ergebnisse legen nahe, dass Bildungsungleichheiten weiter zunehmen können, wenn KI nicht reflektiert genutzt wird. Denn dann hängt der Lernerfolg stärker von der individuellen Fähigkeit ab, KI-Ergebnisse einzuordnen und nachzuvollziehen, statt sie als „automatisch richtig“ zu akzeptieren.
Aus Sicht der Medienkompetenz ist die Studie deshalb weniger ein Urteil über KI selbst als vielmehr eine Momentaufnahme über die Rollenbilder, die Jugendliche im Umgang mit digitalen Systemen entwickeln. Die Autoren betonen, dass nicht nur der Zugang zu KI-Technologien wichtig ist, sondern die Vermittlung eines differenzierten Verständnisses dafür, wie KI-Modelle zu Ergebnissen kommen und warum diese trotz hoher Plausibilität fehlerhaft sein können. Gerade im Schulkontext ist das eine Herausforderung, weil Lehrkräfte gleichzeitig fachliche Inhalte vermitteln und Methoden zur Überprüfung von Informationen strukturieren müssen – ohne dass Lernende KI als „Abkürzung“ für das eigene Denken missverstehen.
Auch der Zeitvergleich zwischen 2023 und 2024 ist dabei relevant, weil er zeigt, dass Wahrnehmungen nicht statisch sind. Die Daten deuten darauf hin, dass sich die Erwartung an Fehlerfreiheit teilweise reduziert hat, während die generelle Wissensautorität in der Stichprobe immer noch stark ausgeprägt ist. Für Schulen und Verantwortliche in der Bildungsplanung heißt das: Auf reine Sensibilisierung für „KI kann auch falsch sein“ zu setzen, greift möglicherweise zu kurz. Stattdessen braucht es Lernsettings, in denen Jugendliche KI-Ergebnisse systematisch mit Lernzielen, fachlichen Begründungen und methodischen Prüfungen verknüpfen.
Für Eltern und Bildungseinrichtungen folgt daraus eine klare Konsequenz: KI sollte als Werkzeug behandelt werden, nicht als allwissende Instanz. In der Praxis bedeutet das, Gesprächs- und Aufgabenformate zu stärken, die das Hinterfragen von Antworten trainieren – etwa indem man nicht nur das Endresultat bewertet, sondern die Schritte, Annahmen und Quellen hinter einer KI-Ausgabe mit thematisiert. Wenn die „kritische Einordnung von algorithmisch generierten Informationen“ gelingt, kann KI im Unterricht produktiv wirken, ohne dass sie bestehende Unterschiede in der Medienkompetenz verstärkt. Damit wird aus dem Studienbefund eine handfeste Aufgabe für Bildungsgerechtigkeit: nicht nur Geräte und Zugänge bereitstellen, sondern Kompetenzen so vermitteln, dass aus KI-Nutzung echte Lernprozesse werden.
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