LONDON (IT BOLTWISE) – Valerie Bures, Ex-CEO von Mrs. Sporty und heute Partnerin bei XAnge, beschreibt, wie Karriere und Familiengründung praktisch zusammenpassen. In einem Startup-Fellowship arbeiten Fellows zehn Wochen lang in Berlin an KI-gestützten Consumer-Ideen bis zum ersten Produkt. Bures betont, dass keine perfekte Lösung existiert: Man setzt Prioritäten, lebt mit Kompromissen und akzeptiert unterschiedliche Intensitäten. Besonders konkret wird es bei ihrem Schlafrhythmus, den sie über Jahre auf nur vier Stunden pro Nacht reduziert hat.

Wie Valerie Bures Familie und Startup-Karriere vereint: Prioritäten statt Idealbild
Wie Valerie Bures Familie und Startup-Karriere vereint: Prioritäten statt Idealbild (Foto: IT BOLTWISE)
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Valerie Bures’ Perspektive wirkt auf den ersten Blick wie ein Gegenentwurf zu den starren Erzählungen über „Vereinbarkeit“. Die ehemalige CEO der Fitnesskette Mrs. Sporty, heute Partnerin bei XAnge, berichtet in einer Q&A-Session eines Startup-Fellowships nicht über theoretische Work-Life-Balance, sondern über Entscheidungen in Echtzeit: Sie habe „alles auf einmal gemacht“ – und genau darin liege für sie der Kern der Realität. Das Fellowship selbst setzt zeitlich auf zehn Wochen, in denen acht ausgewählte Fellows in Berlin an Consumer-Startups arbeiten, unterstützt durch Künstliche Intelligenz von der Idee bis zum ersten Produkt. Damit bekommt das Thema Karriere und Familie einen technischen und unternehmerischen Rahmen: Während die einen an Produkt, Prototyp und Launch denken, müssen Gründerinnen und Gründer gleichzeitig ihr persönliches Leistungs- und Energieprofil organisieren.

Technisch betrachtet steckt in dem Programm ein bewusst komprimierter Entwicklungszyklus. Fellows entwickeln in einem Zeitraum von zehn Wochen, also unter starkem Zeitdruck, aus einer Idee ein greifbares erstes Produkt. Der Einsatz von KI wird dabei nicht als Selbstzweck beschrieben, sondern als Teil des Weges vom ersten Anstoß bis zur Umsetzung. Entscheidend ist, dass diese Art von Programm nicht nur Tools bereitstellt, sondern Teamarbeit, Mentoring und Feedback-Schleifen erzwingt: Die Fellows arbeiten gemeinsam in den Büroflächen, begleitet von erfahrenen Unternehmern, Investoren und weiteren Experten. Für Bures’ Argumentation zur Vereinbarkeit ist das relevant, weil es eine zweite Wahrheit in den Vordergrund rückt: Nicht jede Phase des Lebens hat dieselbe „Geschwindigkeit“, und nicht jede Energiequelle ist gleichzeitig verfügbar.

In der Frage, wie es in der Praxis gelingt, nennt Bures den Punkt, an dem viele Idealbilder scheitern: Prioritäten. Sie formuliert es klar: „Vereinbarkeit heißt nicht, in jedem Bereich maximal zu performen. Man muss Prioritäten setzen und mit Kompromissen leben.“ Ihr Verlauf umfasst dabei frühe Mutterschaft und eine langjährige Führungslaufbahn, inklusive mehrerer CEO-Rollen. Auch wenn diese Kombination in der Öffentlichkeit oft als Erfolgsgeschichte verkauft wird, macht sie die Kehrseite sichtbar: „Zwangsläufig kann nicht alles gleichzeitig in derselben Intensität laufen, irgendetwas fällt dann eben immer runter.“ Dieses „runterfallen“ beschreibt weniger ein Versagen als eine bewusste Steuerung von Energie, Aufmerksamkeit und Zeitbudgets – besonders dann, wenn Führungsverantwortung nicht nur Meetings, sondern auch Entscheidungen mit hoher Konsequenz bedeutet.

Besonders greifbar wird die Diskussion, wenn Bures den Begriff „Erfolg“ neu definiert. Für sie müsse Erfolg nicht zwingend aus Macht, Geld oder Sichtbarkeit bestehen, sondern daraus, „einen geilen Job zu machen und trotzdem viel Zeit für die Kinder zu haben“. Gleichzeitig räumt sie ein, dass dieses Modell einen Preis hat: „Ich habe über Jahre hinweg nur vier Stunden pro Nacht geschlafen. Trotzdem habe ich alles ganz gut hinbekommen.“ Aus unternehmerischer Sicht ist das ein Hinweis auf die Grenzen vieler Pläne zur Produktivität: Selbst wenn Prozesse, Delegation und Automatisierung helfen, ersetzt Schlafmangel keine nachhaltige Leistungsfähigkeit. Wer eine ähnliche Doppelrolle plant – Führung, Gründungsvorbereitung oder Startup-Engagement plus Care-Arbeit – muss daher nicht nur Zeitslots koordinieren, sondern auch realistische Erholungsfenster einplanen.

Auch die psychologische Ebene spielt bei Bures eine Rolle, denn sie beschreibt einen Wandel in ihrem Selbstbild. Früher habe sie sich stärker an Erwartungen anderer orientiert und versucht, „es allen recht zu machen“. Gerade für Frauen beschreibt sie dabei einen strukturellen Druck, weil von außen kommentiert und bewertet werde. Ihr Gegenmittel lautet aber nicht Resignation, sondern Selbststeuerung: Man dürfe sich davon nicht beeinflussen lassen und müsse den eigenen Weg gehen. Das ist für Startup-Ökosysteme relevant, weil deren sichtbare Erfolgsmetriken – Nutzerwachstum, Fundraising-Statements, Teamgröße – häufig ein sehr öffentlichkeitswirksames Leben spiegeln. Wer gleichzeitig Familie aufbaut, erlebt diese Öffentlichkeit oft als zusätzliche Last: Man ist nicht nur verantwortlich für Ergebnisse, sondern auch für das narrative „Wie“ der eigenen Lebensführung.

Aus den Aussagen lassen sich mehrere Takeaways ableiten, die sich in der Praxis direkt auf Karrierepfade und Unternehmensplanung übertragen lassen. Erstens: Vereinbarkeit ist keine Idealgeschichte, sondern eine fortlaufende Reihe von Prioritäten und Kompromissen. Zweitens: Karriere und Kinder schließen sich nicht aus, aber sie verändern Tempo und Intensität – und damit auch die Erwartungen, die man an sich selbst stellt. Drittens: Erfolg muss individuell definiert werden, weil externe Maßstäbe schnell zu einer falschen Zielkonfiguration führen. Und viertens: Mutterschaft und Führung sind möglich, aber in der Regel nicht reibungsfrei, weil sich Verantwortungsbereiche überschneiden und damit auch Konfliktzonen entstehen.

Schließlich liefert das Startup-Fellowship selbst einen sinnvollen Kontext, um Bures’ Aussagen in die Tech-Welt zu übersetzen. Unterstützer des Programms nennen unter anderem Dash0, DHL, OpenAI und Vercel, was zeigt, wie vielfältig die praktische Infrastruktur hinter KI-gestützten Consumer-Projekten sein kann. Für Unternehmen bedeutet das: KI-Programme, die auf kurze Iterationszyklen und Mentoring setzen, können attraktiv sein – sie erhöhen aber auch die Notwendigkeit, menschliche Engpässe mitzuplanen. Wenn man Bures ernst nimmt, geht es dabei nicht um perfekte Work-Life-Schemata, sondern um die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen, ohne die eigene Definition von Erfolg aus den Augen zu verlieren.


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