LEIPZIG / LONDON (IT BOLTWISE) – Aktuelle Studien ordnen eine Neandertaler-Genvariante am Wachstumshormon-Rezeptor (GHR) als Faktor für deutlich mehr Muskelmasse ein. In den Daten zeigt sich bei Trägern im Mittel eine um 270 Gramm höhere Muskelmasse, begleitet von einem zusätzlichen Körpergewicht von durchschnittlich 285 Gramm. Der Effekt lässt sich auch in Zellkulturen beobachten, während er bei Kindern vor der Pubertät noch nicht messbar ist. Damit rückt die Pubertät als entscheidendes Zeitfenster für genetisch beeinflusstes Muskelwachstum in den Fokus.

Die Vorstellung, dass prähistorisches Erbgut heute noch messbar in die Körperkonstitution moderner Menschen eingreift, bekommt in diesen Monaten zusätzliche Substanz. Laut Arbeiten, die Anfang August 2026 in Current Biology veröffentlicht wurden, hängen bestimmte Genvarianten des Neandertalers mit Unterschieden bei Muskelkraft und Körpergewicht zusammen. Besonders im Blick steht dabei eine Variante am Wachstumshormon-Rezeptor (GHR). Damit verschiebt sich die Diskussion weg von rein historischer Genetik hin zu funktionellen Mechanismen: nicht nur welche Varianten existieren, sondern auch wie sie sich im Körper verhalten und wann sie ihre Wirkung entfalten.
Im Zentrum der Untersuchungen stand die Rolle des GHR-Haplotyps. Forscherinnen und Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zusammen mit dem Karolinska Institutet analysierten die Neandertaler-DNA in Bezug auf Physiologie und fanden bei Trägern bestimmter Neandertaler-Genvarianten eine im Mittel um 270 Gramm erhöhte Muskelmasse. Ergänzend bezifferten Daten für erwachsene Träger eine durchschnittliche Zunahme des Körpergewichts um 285 Gramm, die nach Angaben der beteiligten Wissenschaftler nahezu vollständig auf die höhere Muskelmasse zurückzuführen sei. Interessant ist außerdem, dass sich der Zusammenhang nicht nur in Personenbeobachtungen zeigt: In Zellkulturen wuchsen die betroffenen Zellgruppen zwischen 39 und 40 Prozent stärker als Vergleichsgruppen ohne die Neandertaler-Variante.
Ein weiterer Punkt, der für die Einordnung der Ergebnisse zählt, ist die regionale Häufigkeit dieser Variante. Die vorliegenden Daten nennen für Europa eine geringe Verbreitung von 0,5 Prozent, während in Amerika 2 Prozent erreicht werden. Für Ostasien werden 15 Prozent genannt, in Südasien sogar 20 Prozent; für den südund ostasiatischen Raum ist in der Auswertung des Karolinska Institutet von bis zu 24 Prozent die Rede. Solche Unterschiede sind ein typisches Muster menschlicher Populationsgeschichte: Je nach Region und zeitlicher Dynamik der Kreuzungen zwischen frühen Menschen und Neandertalern können bestimmte Allele heute deutlich häufiger oder seltener auftreten. Zusätzlich wird berichtet, dass der sogenannte Neandertaler-Haplotyp des GHR-Gens pro Kopie statistisch zu einer um 3 Millimeter größeren Körperstatur führt.
Technisch betrachtet ist das Zeitfenster für die Wirkung besonders spannend. Die Forschungsgruppe um Philipp Kanis und Miriam Berreiter berichtet, dass genetische Unterschiede bei Kindern unter 11 Jahren noch keine messbaren Effekte zeigen. Auch beim Geburtsgewicht soll die Variante keinen Einfluss haben. Erst nach der Pubertät manifestiere sich der Effekt auf Muskelmasse und Körpergröße. Genau hier liegt eine plausible Brücke zwischen Genetik und Biologie: Wachstumshormonachsen und Rezeptor-Signalwege sind in der Entwicklungsphase besonders aktiv, sodass eine Variante am GHR in einer späteren Phase deutlich stärker zum Tragen kommt als in der frühen Kindheit.
Für die statistische Belastbarkeit nennt die Studie zudem eine ungewöhnlich breite Datengrundlage. In einer Untersuchung von Kanis et al. mit über 1 Million Individuen wird die Wirksamkeit der Variante bestätigt; dabei gelten die beschriebenen Effekte auf Einzelpersonen zwar als eher subtil, auf Populationsebene aber als hochsignifikant. Als molekulare Grundlage werden zwei spezifische Aminosäureänderungen im Wachstumshormon-Rezeptor angeführt, die bei Trägern den muskulären Aufbau fördern. Für die Praxis bedeutet das: Auch wenn der einzelne Effekt klein wirken kann, kann er in Aggregaten erklären helfen, warum Menschen mit vergleichbarem Trainingsumfang und ähnlichen Lebensstilen statistisch unterschiedliche Muskelzuwächse zeigen.
Gleichzeitig sollte man die Ergebnisse nicht als „Trainingshack“ missverstehen. Der Befund beschreibt eine genetische Assoziation beziehungsweise einen biologisch erklärten Mechanismus für Muskelwachstum unter Beteiligung des GHR-Systems, nicht eine Garantie für den individuellen Trainingserfolg. In der aktuellen Form ist der Mehrwert vor allem wissenschaftlich: Er liefert konkrete Zielstrukturen für weitere Forschung zu Wachstumshormon-Signalwegen, zur Rolle der Pubertät und zur Frage, wie unterschiedliche Genvarianten miteinander interagieren. Für Unternehmen aus der Biotech- und Health-Tech-Landschaft entsteht daraus außerdem eine messbare Perspektive auf „genetisch informierte“ Trainings- und Präventionskonzepte – allerdings nur dann, wenn spätere Studien die gefundenen Zusammenhänge in klaren klinischen Endpunkten und in realen Lebensläufen robust replizieren.
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