LONDON (IT BOLTWISE) – Die Zahl der Ransomware-Angriffe ist im Juli 2026 deutlich gestiegen: 799 Vorfälle wurden dokumentiert, das entspricht einem Plus von 19 Prozent zum Vormonat. Besonders der Finanzsektor spürt den Druck spürbar stärker, dort legten die Angriffe um 71 Prozent zu. Gleichzeitig treiben etablierte Erpresserbanden die Doppelerpressung voran, während neue Gruppen Opferlisten auf Leak-Plattformen veröffentlichen. Für Unternehmen wird damit die ohnehin kritische Sicherheitslage im August weiter verschärft.

Der Juli 2026 markiert in der weltweiten Ransomware-Lage einen klaren Wendepunkt: In einer Auswertung wurden insgesamt 799 Angriffe gezählt, was gegenüber dem Vormonat einem Anstieg von 19 Prozent entspricht. Nach einem vergleichsweise ruhigen zweiten Quartal haben Erpressergruppen ihre Kampagnen offenbar wieder hochgefahren. Auffällig ist dabei nicht nur die Gesamtzahl, sondern auch die Streuung der Betroffenheit: Finanzunternehmen, Kliniken und Logistiker geraten besonders häufig in den Fokus, wobei der Finanzsektor mit einem Plus von 71 Prozent eine deutlich überdurchschnittliche Dynamik zeigt. Auch in den USA stiegen gezielte Angriffe laut den zugrunde liegenden Dokumentationen um 31 Prozent.
Technisch und strategisch deutet vieles auf eine weitere Professionalisierung hin. Für etwa ein Drittel aller Angriffe werden zwei Gruppen als Mitverursacher genannt: The Gentlemen und Qilin. Bei den Vorgehensweisen setzt sich die Doppelerpressung als Standard durch: Die Täter stehlen zunächst sensible Daten und drohen anschließend mit deren Veröffentlichung, falls kein Lösegeld gezahlt wird. Dadurch entsteht ein doppelter Druckpfad – zum einen auf die IT-Betriebsfähigkeit durch die Verschlüsselung, zum anderen auf die Reputation und Vertragsfähigkeit, weil geleakte Daten unmittelbare Folgeschäden auslösen können. Zu den genannten prominenten Opfern zählen unter anderem der US-Gesundheitsdienstleister AnMad sowie das Grundbuchamt in Rumänien.
Der operative Ablauf der Angriffe wird außerdem durch die Veröffentlichungspraxis auf Leak-Plattformen begleitet. Die Bedrohung bleibt auch im August angespannt: So tauchte die Gruppe Helix dem Bericht zufolge mit der Veröffentlichung der Opferliste für den Logistikkonzern Venture Logistics auf, und parallel wird ein Angriff auf Uber beansprucht – ohne dass eine offizielle Bestätigung des Unternehmens vorliegt. In ähnlicher Weise ergänzte Qilin laut den Meldungen im Umfeld bereits weitere Organisationen; ebenso wird über die Aktivitäten von Storm berichtet, darunter ein Vorgehen gegen das Dienstleistungsunternehmen EvansPetree. Für Sicherheitsteams ist das relevant, weil die Veröffentlichung nicht nur die Verhandlungssituation verschärft, sondern auch die Geschwindigkeit bestimmt, mit der Incident-Response-Entscheidungen getroffen werden müssen. Sobald Daten exfiltriert und öffentlich in Aussicht gestellt werden, reichen klassische Ransomware-Playbooks allein oft nicht mehr aus.
Auch auf Malware-Ebene zeigt die Lage konkrete Weiterentwicklungen. Sicherheitsforscher entdeckten eine neue Schadsoftware namens KansasGroup, die gezielt Windows-Systeme angreift. Im Kern wird PowerShell genutzt, um Schattenkopien zu löschen – ein Schritt, der Wiederherstellungsoptionen nach einer Verschlüsselung reduziert. Zusätzlich werden verlängerte „Schlafphasen“ eingesetzt, um Erkennungssysteme auszutricksen. Das ist aus Verteidigungssicht ein wichtiger Hinweis: Selbst wenn die eigentliche Payload bekannt wirkt, verändern Verzögerungsmechanismen und Skript-gestützte Aktionen das Timing von Telemetrie, sodass SIEM-Regeln allein manchmal zu spät reagieren. Unternehmen brauchen deshalb nicht nur Signaturen, sondern robuste Verhaltensdetektion, die auch bei verschobenen Ausführungsfenstern greift.
Regional rückt in den Daten der Gesundheitssektor in Brasilien besonders stark in den Fokus. Für die Region wird berichtet, dass 51 Prozent aller Ransomware-Vorfälle im Gesundheitssektor auf Brasilien entfallen. Im ersten Quartal 2026 registrierten Forscher dort 2.424 Angriffe; in 96 Prozent der Fälle seien dabei bereits Daten gestohlen worden, bevor es zur Verschlüsselung kam. Gleichzeitig werden in Brasilien Lockbit5 und The Gentlemen als besonders aktiv beschrieben, jeweils mit 13 gemeldeten Opfern. Parallel dazu läuft offenbar auch regulatorischer Druck auf betroffene Organisationen zu: Die brasilianische Datenschutzbehörde ANPD habe ein Sanktionsverfahren gegen die Gesundheitsorganisation Isac eingeleitet; den Angaben zufolge wirft die Behörde dem Unternehmen unzureichende Sicherheitsmaßnahmen und eine mangelhafte Kommunikation des Vorfalls vor, mit dem Risiko von Strafen von bis zu zwei Prozent des Jahresumsatzes – Details zur Entscheidung stehen jedoch noch aus, und es gilt die Unschuldsvermutung.
Über Ransomware hinaus erweitert sich das Bedrohungsportfolio. Laut einem aktuellen Bericht von CrowdStrike stieg die cloud-bezogene Cyberkriminalität um 171 Prozent, und auch Vishing—Phishing per Telefonanruf – hat sich verdoppelt. Besorgniserregend ist außerdem, dass Angreifer mit Verbindungen nach China Schwachstellen innerhalb von 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Proof-of-Concept ausnutzen können. Für die Praxis heißt das: Patch- und Monitoring-Zyklen müssen mit der realen Angriffslogik mithalten, sonst werden organisatorische „Sicherheitsfenster“ zu Angriffsfenstern. Auf Behördenseite werden solche Zeitkritikalitäten konkret adressiert: Die US-Behörde CISA ergänzte Ende Juli eine kritische Schwachstelle im Arista VeloCloud Orchestrator (CVE-2026-16812) in ihren Katalog bekannter ausgenutzter Sicherheitslücken und bewertete sie mit 10.0; ebenso wurde eine Patch-Umgehung in FortiOS (CVE-2025-68686) gemeldet, für die betroffene Organisationen bis zum 10. August Zeit haben sollen, Updates einzuspielen. Auch Schwachstellen in SonicWall SMA1000 und Microsoft SharePoint werden in diesem Kontext genannt.
Für Unternehmen in Deutschland und Europa lässt sich aus der Kombination von Zahlen, Taktiken und Behördenhinweisen eine klare Priorität ableiten: Sicherheitslücken schließen, bevor Erpresser sie finden – und die Wiederherstellung so planen, dass Doppelerpressung und Exfiltration nicht automatisch in einen Reputationsschaden kippen. Praktisch bedeutet das, dass Teams ihre Backups und Wiederherstellungswege regelmäßig testen müssen, während gleichzeitig strengere Anforderungen an Zugriffsmanagement, Segmentierung und Phishing-Resilienz nötig werden. Denn die aktuelle Entwicklung zeigt, dass Täter nicht nur zahlreicher werden, sondern auch schneller und professioneller agieren. Wer sich darauf beschränkt, nur Verschlüsselungsereignisse zu verhindern, greift in einem Bedrohungsmodell zu kurz, in dem Datenabfluss und Leak-Druck ebenso Teil der Erpressungsroutine sind.
Unabhängig von der konkreten Tätergruppe bleibt damit das Muster entscheidend: Exfiltration vor Verschlüsselung, beschleunigte Ausnutzung neuer Schwachstellen und die Nutzung von Skript- und Evasion-Techniken. Organisationen, die diese Faktoren in Incident-Response-Übungen einbauen, reduzieren die Wahrscheinlichkeit, dass ein Angriff „zu spät“ entdeckt wird oder dass wichtige Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden müssen. Damit wird die Ransomware-Lage im August nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch der Prozessreife – von der Erkennung bis zur Kommunikation. Die aktuelle Datenlage liefert dafür eine harte Messlatte: 799 dokumentierte Angriffe im Juli sind kein Ausreißer, sondern ein Warnsignal, das sich offenbar noch verstärkt.
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