LONDON (IT BOLTWISE) – Microsoft Threat Intelligence warnt vor einer neuen Cyber-Angriffswelle namens ClickFix. Die Kampagne nutzt die BNB Smart Chain, um Befehle für die Schadsoftware bereitzustellen und klassische Command-and-Control-Abschaltungen zu erschweren. Angreifer kompromittieren dafür legitime Websites und schleusen Base64-JavaScript ein, das über ein RPC-Gateway mit Smart Contracts kommuniziert. Auf den infizierten Seiten sollen gefälschte CAPTCHA-Abfragen Nutzer zu manuellen Schritten verleiten und so die Infektion anstoßen.

ClickFix reiht sich nicht einfach nur als weitere Malware-Familie in die ständig wachsende Landschaft ein. Der auffällige Teil der Kampagne ist die Architektur: Laut Microsoft Threat Intelligence verknüpfen die Angreifer Web-Kompromittierung mit Blockchain-Infrastruktur, konkret über die BNB Smart Chain. Dadurch wird das, was viele Defender vor allem aus der Vergangenheit kennen – abschaltbare Steuerserver für Command-and-Control – zum weniger eindeutigen Angriffspunkt. Praktisch heißt das: Selbst wenn Teams typische Infrastrukturkomponenten identifizieren und sperren, können nachgelagerte nächste Schritte weiterhin über die Blockchain-Kopplung organisiert werden.
Technisch startet der Angriff den Angaben zufolge mit einer Manipulation legitimer Websites. In den kompromittierten Seiten wird manipulierte Logik in Form von Base64-JavaScript injiziert. Dieses JavaScript arbeitet nicht isoliert, sondern spricht über ein RPC-Gateway mit einem Smart Contract auf der BNB Smart Chain. Über diesen Umweg holen die Angreifer dann die nächsten Schritte der Kampagne ab – also in der Sprache klassischer Threat-Modelle die “Befehle”, die sonst oft von einem zentralen Server kämen. Genau hier liegt der Vorteil aus Angreifersicht: Blockchain-basierte Komponenten sind weniger leicht als einzelne Ziel-IP oder Domain zu “kappern”, weil die Interaktion eher über verteilte oder zumindest schwer greifbare Pfade läuft als über einen klaren, zentralen Endpoint.
Für die Ausführung auf dem Endgerät setzen die Angreifer zusätzlich auf Social Engineering im Browser. Microsoft beschreibt, dass Opfer auf den manipulierten Seiten durch gefälschte CAPTCHA-Abfragen dazu gebracht werden sollen, manuelle Befehle auszuführen. Diese Verzahnung aus technischer Nutzdaten-Injektion und menschlichem Klickpfad ist mehr als nur ein kosmetischer Umweg: Sie kann Sicherheitsmechanismen verwirren, weil sich Teile der Infektionskette scheinbar an normalem Nutzerverhalten orientieren. Damit entsteht eine Angriffslogik, die nicht vollständig ohne Interaktion funktioniert und zugleich die Schwelle für reine “Automations”-Signaturen erhöht.
Auf Windows zielt ClickFix nach Angaben von Microsoft Threat Intelligence auf die Verbreitung mehrerer Infostealer und Fernzugriffs-Komponenten. Genannt werden unter anderem Lumma Stealer, XWorm, AsyncRAT und MintsLoader. Für Sicherheitsverantwortliche ist dabei weniger die konkrete Kombination als das Muster relevant: Solche Programme sind häufig darauf ausgelegt, sensible Daten zu extrahieren, Session-Informationen abzugreifen oder später einen Fernzugriff auf das System zu ermöglichen. In Unternehmensumgebungen kann das in der Praxis bedeuten, dass selbst nach einem erfolgreichen Incident-Response-Eingriff weitere Spuren über unterschiedliche Malware-Varianten nachgelagert auftauchen – etwa durch unterschiedliche Persistenz-Mechanismen oder unterschiedliche Exfiltrationspfade.
Parallel dazu beobachteten Analysten auch eine spezielle macOS-Variante der Kampagne. Laut den beschriebenen Analysen nutzt diese mehr als 250 algorithmisch generierte Domains und wählt serverseitig aus, welche Schadsoftware tatsächlich den “echten macOS-Anwendern” angezeigt wird. Dieses Selektionsprinzip reduziert Reibung bei der Auslieferung und kann Fehlalarme senken, weil nicht jedes infizierte Umfeld sofort die volle Signaturlast ausspielt. In diesem Zweig kommen Programme wie MacSync und der Atomic Stealer (AMOS) zum Einsatz; zudem wird die macOS-Schadsoftware als in Go geschriebener Stealer eingeordnet. Im Fokus stehen demnach das Auslesen von Passwörtern aus Browsern sowie Daten aus dem Apple-Schlüsselbund. Ergänzend werden Umleitungen bei Kryptowährungs-Transaktionen oder sogar das Leeren von Wallets genannt, wobei ausdrücklich digitale Vermögenswerte wie Bitcoin, Ethereum, Litecoin, Dogecoin, Monero und XRP genannt werden. Als Infrastrukturkomponente wird ein über Aeza Group abgewickeltes Hosting beschrieben, das als sanktioniert eingeordnet ist.
Dass ClickFix nicht nur auf Blockchain und Web-Injektion setzt, zeigt auch die Detailtiefe der beschriebenen Umgehung von Sicherheitsmechanismen. Experten von Unit 42 identifizierten eine Variante, die legitime Systemdateien wie pcalua.exe sowie den WebDAV-Standard missbraucht. Der Ablauf wird als mehrstufig beschrieben: Zunächst startet das System pcalua.exe, anschließend folgen PowerShell-Befehle. Über Windows-Verwaltungsinstrumentierung (WMI) wird cmd.exe aufgerufen, um ein WebDAV-Verzeichnis über eine verschlüsselte HTTPS-Verbindung einzubinden. Abschließend wird eine bösartige DLL-Datei über rundll32 geladen. Für die Erkennung ist das vor allem deshalb heikel, weil sich einzelne Schritte in Datenquellen wie Prozessketten, Script-Ausführung oder Netzwerkzugriffe zerlegen, die für sich genommen oft noch nicht “alarmierend” wirken – die Kombination aber ein klarer Angriffsmuster-String ist.
Für die Verteidigung lässt sich daraus ein pragmatisches Bild ableiten: Teams müssen weniger auf einzelne klassische Indikatoren wie “ein bestimmter Command-and-Control-Server” setzen, sondern stärker auf Korrelation und Kontext. Wenn eine Kampagne über Smart Contracts und RPC-Zugriffe nächste Schritte organisiert, rückt die Frage nach Browser-Integrity, Netzwerkanomalien sowie nach ungewöhnlichen Interaktionsmustern in den Vordergrund. Ebenso wichtig ist eine konsequente Härtung von Endpunkten gegen mehrstufige Injektionsketten, etwa über restriktive PowerShell- und WebDAV-Nutzung, saubere WMI-Berechtigungen sowie ein Monitoring von rundll32-Lasten und Prozessanomalien. Für macOS gilt spiegelbildlich: Der Schutz des Schlüsselbunds, das Monitoring von verdächtigen Domain-Requests sowie die saubere Trennung von Benutzerrechten können im Zusammenspiel verhindern, dass ein Infostealer nach erfolgreicher Zustellung sofort verwertbare Geheimnisse findet.
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