LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher zeigen, wie Malware unter Windows Passkeys aus dem Zusammenspiel zwischen Google Password Manager und Chrome auslesen kann. Besonders kritisch ist ein 32-Byte-„Security Domain Secret“, das laut Analyse im Arbeitsspeicher abgegriffen wird. Die Synchronisation über Cloud-Dienste eröffnet dabei zusätzliche Angriffswege. Parallel dazu nutzen Kriminelle Passkeys für Telefonbetrug mit gefälschten Webseiten.

Passkeys gelten in vielen Unternehmen als „phishing-resistent“es Upgrade gegenüber klassischen Passwörtern. Doch die aktuelle Analyse zu einem Sicherheitsproblem im Google Password Manager unter Windows zeigt, dass die reale Schutzwirkung stark davon abhängt, wie Geräte kompromittiert werden. Im Kern geht es nicht um das Ersetzen einzelner Logins, sondern um die Frage, ob ein Angreifer die kryptografischen Schlüssel überhaupt aus dem Client herauslösen kann. Wenn Schadsoftware bereits auf dem Endgerät läuft, verschiebt sich das Bedrohungsmodell: Dann reichen die typischen Vorteile passwortloser Verfahren gegen gefälschte Eingabeformulare nicht mehr aus.
Die Sicherheitsforscher von Unit 42 (Palo Alto Networks) beschreiben drei Angriffsszenarien, die alle mit bereits installierter Malware auf dem Windows-Rechner des Opfers beginnen. In der Basis-Variante exportieren Angreifer dabei die Identität des Nutzers. Die „Silver“-Methode erlaubt anschließend eine unbemerkte Re-Registrierung, bei der eigene Schlüssel des Angreifers in den Zielkontext eingehängt werden. Am schwerwiegendsten ist der „Golden“-Angriff: Hier extrahiert die Schadsoftware laut Demonstration das „Security Domain Secret“ direkt aus dem Arbeitsspeicher von Google Chrome. Dieses Secret wird als 32 Byte großer Master-Key beschrieben.
Der entscheidende technische Punkt liegt in der Kombination aus Master-Key und Synchronisationslogik: Sobald das „Security Domain Secret“ kompromittiert ist, lassen sich damit die synchronisierten Passkeys des betroffenen Nutzers entschlüsseln. Dass der Master-Key „derzeit nicht rotiert werden kann“, macht die Schwachstelle besonders hart, weil ein kompromittiertes System dauerhaft im Risiko bleibt. Gleichzeitig erklärt das, warum Cloud-Synchronisation als vermeintlicher Komfortfaktor auch eine Angriffsfläche sein kann: Wo mehrere Geräte und Dienste auf eine gemeinsame Vertrauensbasis zugreifen, kann die Kompromittierung eines zentralen Secrets Auswirkungen über den ursprünglichen Host hinaus auslösen. Google habe zwar die Exposition des Secrets aus Fehlerprotokollen im Browser entfernt, aber der Zugriff aus dem Arbeitsspeicher bleibe als Problem prinzipiell bestehen.
Für die Praxis bedeutet das: Risiko-Management bei Passkeys ist nicht nur eine Frage der richtigen Nutzeranmeldung, sondern vor allem der Endgerätesicherheit. Fachleute empfehlen daher, „gerätegebundene“ Passkeys zu verwenden, die nicht mit der Cloud synchronisiert werden und sich damit nicht über den beschriebenen Weg „wegnehmen“ lassen. Das ist eine wichtige Weichenstellung für Unternehmen, die Passkeys einführen wollen: Technisch werden dann zwar weiterhin „passwordless“ Prozesse genutzt, aber die Angriffsrichtung verschiebt sich. Anstatt dass ein einmal kompromittierter Synchronisationszustand eine ganze Account-Umgebung verunmöglichen kann, steigt die Hürde für einen Angreifer. Ergänzend zeigt die Analyse, dass Sicherheitskonzepte wie Device Hardening, schnelle Malware-Erkennung und strikte Patch-Disziplin bei Login-Daten plötzlich wieder im Mittelpunkt stehen.
Parallel zur technischen Lücke wird in der Quelle ein zweites, eher „sozial getriebenes“ Risiko betont: Kriminelle nutzen das Thema Passkeys für Vishing-Kampagnen, um Mitarbeiter in Finanzhäusern und Private-Equity-Umgebungen in die Irre zu führen. Laut Angaben der Google Threat Intelligence Group soll eine aktuelle Kampagne auf den Akteur UNC6671 zurückgehen, der mehreren Erpresser- und Betrugsmarken zugeordnet wird. Die Angreifer kontaktieren Mitarbeitende telefonisch, geben sich als Helpdesk aus und fordern unter dem Vorwand einer Passkey-Umstellung oder einer MFA-Aktualisierung den Besuch manipulierte Websites. Zielunternehmen, die in den Untersuchungen genannt werden, umfassen unter anderem Blackstone, Apollo, KKR, Bain und Moody’s.
Auch die Größenordnung der Infrastruktur macht das Muster deutlich: Die Quelle nennt mindestens 72 bösartige Domains und berichtet, dass die Erpresser zwischen einer und drei Millionen US-Dollar fordern. In rund 53 Prozent der untersuchten Fälle sei es zu Zahlungen gekommen, mit einem Mittelwert von etwa 750.000 US-Dollar, überwiegend in Bitcoin. Auf zugehörigen Wallets identifizierten die Forscher insgesamt 141,65 BTC, entsprechend mehr als zehn Millionen US-Dollar Gegenwert. Selbst wenn Passkeys Phishing bei legitimen Login-Flows besser abfangen, funktioniert dieses Betrugsschema weiterhin, weil es Nutzerverhalten über Social Engineering steuert und nicht primär auf Kennwort-Abgriffen angewiesen ist.
Die Passkey-Problematik betrifft zudem nicht nur Windows-Setups. In einem weiteren Zusammenhang wird eine Schwachstelle in WebKit beschrieben, die den iCloud Private Relay-Anonymisierungsdienst betreffen soll: Bei Passkey-Logins könne unter bestimmten Umständen die echte IP-Adresse offengelegt werden, weil der Anonymisierungsdienst umgangen werde. Apple untersuche den Vorfall; ein Patch sei laut Quelle noch nicht verfügbar. Für Entscheider folgt daraus eine klare Konsequenz: Passkeys verbessern den Login-Standard grundsätzlich, aber sie ersetzen nicht die Endgerätedurchsetzung. Wer die Umstellung plant, sollte technische Schutzmaßnahmen wie Malware-Resilienz und rollenbasierte Zugriffskontrollen ebenso priorisieren wie die Auswahl zwischen Cloud-synchronisierten und gerätegebundenen Varianten.
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