LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesregierung will Selbstständige konsequent in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen und die Pflicht ab 2027 starten. Grundlage ist ein Abschlussbericht der Alterssicherungskommission vom 23. Juni 2026 mit 33 Empfehlungen. Geplant ist ein Beitragssatz von 18,6 Prozent vom Gewinn, ergänzt durch gestaffelte Einstiegssätze für Neugründer. Gleichzeitig wächst politischer Widerstand im Bundesrat, weil Teile der Länder an der abschlagsfreien Rente ab 63 festhalten wollen.

Das geplante Rentenversicherungspflicht-Gesetz trifft in Deutschland vor allem die rund 3,6 Millionen Selbstständigen, weil sie bisher deutlich seltener automatisch in die gesetzliche Alterssicherung eingebunden sind. Laut Regierungsangaben gibt es 2024 etwa 2,6 Millionen Selbstständige ohne Pflichtversicherung; geschätzt 1,6 Millionen arbeiten als Solo-Selbstständige. Der Entwurf soll auf einem Abschlussbericht der Alterssicherungskommission vom 23. Juni 2026 aufbauen, der insgesamt 33 Empfehlungen umfasst. Ziel ist dabei weniger eine kurzfristige Einnahmenerhöhung, sondern eine strukturelle Lücke in den Erwerbsbiografien zu schließen und Altersarmut vorzubeugen.
In der Ausgestaltung setzt das Kabinett unter Bundeskanzler Merz auf eine Pflicht zur Einbeziehung in die gesetzliche Rentenkasse, verbunden mit einem klar definierten Beitragssystem. Der geplante Beitragssatz liegt bei 18,6 Prozent des Gewinns; die Versicherten sollen die Beiträge nach aktuellem Stand allein tragen. Für die Praxis bedeutet das: Selbstständige müssen ihre Sozialabgaben stärker als bisher in die laufende Liquiditäts- und Gewinnerwartung integrieren, weil die Beiträge nicht erst im Rentenalter wirken, sondern unmittelbar die Kostenstruktur verändern. Für Neugründer sind dafür gestaffelte Einstiegssätze vorgesehen: Anfangs sollen monatlich 367 Euro anfallen, nach drei Jahren steigen die Beträge auf 735 Euro pro Monat.
Daneben existiert eine Alternative, bei der sich Selbstständige für einen einkommensabhängigen Beitrag entscheiden können. Genau an dieser Logik entzündet sich jedoch Kritik aus der Gründungsberatung: Isabella Wichmann weist darauf hin, dass in den ersten Jahren der Selbstständigkeit die Risikobereitschaft für zusätzliche, relativ hohe laufende Kosten typischerweise geringer sei. Als Beispiel wird genannt, dass bei einem monatlichen Umsatz von etwa 4.000 Euro nach Abzug von Kosten häufig nur wenige Hundert Euro als Reingewinn übrig bleiben. Für Unternehmen und Führungskräfte ist das nicht nur eine Frage von „abstrakten Prozenten“, sondern von Planungssicherheit: Wer Beiträge in frühen Wachstumsphasen einpreisen muss, erhöht den Druck auf Kalkulation, Finanzierung und Nachkalkulation.
Das Reformvorhaben wird mit statistischen Erhebungen zur sozialen Lage ehemaliger Selbstständiger begründet. Demnach ist fast jeder Fünfte im Alter von Armut bedroht; rund 4,4 Prozent beziehen derzeit Grundsicherung. Auch deshalb wird die Rentenversicherungspflicht als Kernbaustein dargestellt, um Rentenansprüche aufzubauen, die im Lebensverlauf nicht nur in einzelnen Branchen, sondern breit wirksam sein sollen. Der politische Ansatz ergänzt die gesetzliche Pflicht zudem um ein staatlich gefördertes Altersvorsorge-Depot ab 2027. Selbstständige sollen dadurch nicht nur in der gesetzlichen Rente landen, sondern zusätzliche Bausteine erhalten, die sich theoretisch flexibler an Lebensrealitäten anpassen lassen.
Die Debatte zeigt zugleich, dass die Reform innerhalb der Sozialpartnerschaft umstritten bleibt. Der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) begrüßt zwar die Einbeziehung in das geförderte Altersvorsorgedepot ab 2027, äußert aber Kritik an der Pflicht in der gesetzlichen Rentenkasse. Ver.di fordert dagegen eine Beteiligung der Auftraggeber an den Beiträgen, orientiert am Modell der Künstlersozialkasse; Veronika Mirschel warnt vor gebrochenen Versicherungsbiografien und empfiehlt Betroffenen bereits jetzt eine freiwillige Pflichtversicherung. Auch aus der Forschung gibt es Unterstützung für eine Auftraggeberbeteiligung: Ein Wirtschaftswissenschaftler vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) argumentiert in diese Richtung und verweist damit auf einen Hebel, der die Lasten möglicherweise besser verteilt.
Parallel verschärft sich die politische Blockadegefahr im Bundesrat. Zwar haben sich der Koalitionsausschuss am 1. und 2. Juli 2026 auf die Umsetzung der Kommissionsvorschläge verständigt, zu denen auch eine Kapitalrente nach schwedischem Vorbild gehört, doch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer droht mit Gegenwehr. Er lehnt insbesondere die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente ab 63 Jahren ab und verlangt substantielle Änderungen an den Plänen zur Renten- und Pflegereform, um einer Zustimmung in der Länderkammer näherzukommen. Da die ostdeutschen Bundesländer im Bundesrat über insgesamt 19 Stimmen verfügen, könnte diese Haltung die für eine Mehrheit nötigen 35 Stimmen spürbar beeinflussen; ein Beschluss der ostdeutschen Ministerpräsidenten wird für den Donnerstag in Sachsen-Anhalt erwartet.
Für Selbstständige, aber auch für die planenden Funktionen in Unternehmen, Steuerberatung und Controlling ergibt sich aus all dem ein klarer Handlungsrahmen: Beitragsmodelle müssen absehbar in Szenarien gerechnet werden, weil der Einstieg über 367 Euro und später 735 Euro pro Monat bei gleichzeitiger Gewinnorientierung eine spürbare Varianz erzeugt. Gleichzeitig sollten Betreiber von Geschäftsmodellen, die stark von Auftraggebern abhängen, die Diskussion um eine mögliche Auftraggeberbeteiligung sehr genau verfolgen. Denn falls sich die Finanzierungslogik politisch verschiebt, kann sich nicht nur die Kostenhöhe, sondern auch die Verhandlungsposition in Verträgen verändern. In der nächsten Phase wird entscheidend sein, wie Bundestag und Bundesrat die Reform so zuschneiden, dass sie sowohl sozialpolitisch als auch im föderalen Zusammenspiel durchsetzbar bleibt.
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