LONDON (IT BOLTWISE) – Scam.ai bringt mit „Halo“ eine On-Device-Lösung für die Erkennung von Deepfakes in Videokonferenzen auf den Markt. Das System soll manipulierte Gesichter in Zoom, Microsoft Teams und Google Meet in Echtzeit identifizieren, ohne dass Videodaten in die Cloud wandern. Für die Erkennung KI-generierter Stimmen kooperiert das Startup mit Modulate. Parallel werden weitere Tools gegen Social-Media-Fälschungen und Betrugsmaschen wie Boss Scams wichtiger.

Mit „Halo“ setzt Scam.ai ein klares Signal: Deepfakes sollen nicht erst im Nachgang auffallen, sondern direkt während der Kommunikation. Die Software erkennt laut Anbieter manipulierte Gesichter in Videokonferenzen wie Zoom, Microsoft Teams und Google Meet. Gerade in Szenarien, in denen Führungskräfte „kurz mal“ eine dringende Überweisung oder eine Freigabe für sensible Daten veranlassen sollen, zählt jede Minute. Genau solche Boss-Scams nehmen zu, weil Kriminelle sich als Vorgesetzte ausgeben und durch überzeugende Videoimitationen Entscheidungsketten beschleunigen.
Technisch liegt der Schwerpunkt auf der lokalen Verarbeitung: Die Erkennung läuft laut Beschreibung direkt auf dem Endgerät, nicht in der Cloud. Entscheidend ist dabei die Zusammenarbeit mit Qualcomm, konkret mit Snapdragon-NPU-Prozessoren, die Aufgaben für neuronale Netze auf der Hardware beschleunigen können. Damit reduziert sich nicht nur die Abhängigkeit von Uploads und Netzverfügbarkeit; auch die Angriffsfläche rund um Datentransfer und zentrale Verarbeitung sinkt. In der Praxis heißt das: Das Modell braucht Inputs aus dem laufenden Meeting, verarbeitet sie mit Hilfe der NPU und liefert ein Erkennungsergebnis, bevor der Betrug durch die eigentliche Geschäftsmaßnahme vollendet ist.
Neben Bild- und Gesichtserkennung adressiert Scam.ai auch die zweite Täter-Währung: Stimmen. Für die Erkennung KI-generierter Stimmen arbeitet das Unternehmen mit Modulate zusammen, um Sprachmanipulationen in Echtzeit oder nahezu echtzeitnah zu identifizieren. Für Unternehmen ist das vor allem deshalb relevant, weil Voice-Scams in vielen Organisationen nicht nur als isoliertes Sicherheitsproblem gelten, sondern in Workflows hineinwirken: Wer im Zweifel einen echten Ansprechpartner „am Telefon“ hat, veranlasst eher Rückfragen, ändert Freigabelogiken oder öffnet Social-Engineering-Kanäle. Wenn Stimme und Bild zusammen mit betrugsrelevanten Kontextsignalen wirken, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich klassische Prüfprozesse nicht mehr robust genug durchsetzen.
Dass die Abwehrteams nicht allein auf eine einzelne Plattform setzen können, zeigt auch ein Blick auf die Social-Media-Schiene. Hydaway Digital Corp startete am 6. August einen Erkennungs-Bot für X: Nutzer erwähnen das Profil „RealityChek“ in einem Beitrag und lassen Inhalte auf Echtheit prüfen. Der Hintergrund ist ein Markt- und Volumenproblem: Branchenannahmen zufolge entstehen täglich mehrere zehn Millionen KI-generierte Bilder. Für Sicherheits- und Compliance-Verantwortliche bedeutet das: Eine wirksame Strategie braucht Mechanismen, die sowohl auf Kommunikationskanälen mit hohem Traffic als auch auf geschützten Unternehmenswegen greifen.
Der finanzielle Druck wirkt dabei wie ein Beschleuniger für die Sicherheitsbudgets. Deloitte prognostiziert für die USA bis 2027 Verluste durch KI-Betrug von rund 40 Milliarden US-Dollar. Das FBI bezifferte den Schaden durch manipulierte Überweisungsaufforderungen und Deepfakes für 2025 bereits auf etwa 2,9 Milliarden US-Dollar. In Deutschland wiederum beziffert das Bundeskriminalamt den Schaden durch falsche Polizeibeamte 2025 auf 49,5 Millionen Euro, nach 30,1 Millionen im Vorjahr; dabei erbeuteten Täter bei Schockanrufen und Enkeltrick 49,0 Millionen Euro. Diese Zahlen zeigen weniger eine abstrakte Bedrohung, sondern konkrete Erfolgsmodelle, die durch KI-gestützte Simulation von Stimmen und Authentizitätsmerkmalen zusätzliche Durchschlagskraft bekommen.
Für die Absicherung bleibt jedoch nicht nur die Technologie entscheidend, sondern auch die Betriebspraxis. Bei angesprochenen Vishing-Angriffen auf Finanzunternehmen sollen Angreifer sich als IT-Helpdesk ausgegeben haben, um Zugangsdaten abzugreifen und danach Lösegeldforderungen in Millionenhöhe zu platzieren. Solche Muster passen häufig zu einer generischen Schwachstelle: Identität wird im Alltag zu schnell als gegeben betrachtet. IT-Sicherheitsexperten raten deshalb zu konsequenter Zwei-Faktor-Authentifizierung, und auch Kommunikationspartner sollten in kritischen Situationen mehrfach verifiziert werden – nicht zuletzt, weil moderne Sprachmodelle von Meta, OpenAI und Anthropic inzwischen eigenständig IT-Schwachstellen identifizieren können und damit Social Engineering technisch „feiner“ wird.
Auch Behörden- und Präventionsprogramme spiegeln den Trend zur stärkeren Kontrolle von Manipulationen wider. Dänemark reagiert mit einem Sofortprogramm: Das Bildungsministerium empfiehlt Gymnasien Bildschirm-Überwachungswerkzeuge bei Prüfungen und setzt auf mündliche Verteidigungen für Hausarbeiten. In Indien warnt die Cybercrime-Behörde I4C vor manipulierten Dateien über WhatsApp, die Schadsoftware installieren sollen; staatliche Warnsysteme konnten dort bereits zehntausende Bürger vor finanziellen Verlusten schützen. Gleichzeitig kommen gesellschaftliche Streitfragen hinzu: Digitalrechte-Organisationen erheben nach eigenen Angaben Vorwürfe gegen Meta im Zusammenhang mit Betrugsanzeigen und sollen laut ihrem Bericht Ermittlungen gegen das Unternehmen fordern – eine Entscheidung steht hier noch aus. Für Unternehmen heißt das am Ende: Abwehrprodukte wie „Halo“ sind ein Baustein, aber die Gesamtstrategie muss mit Identitätsprüfungen, Kanaldisziplin und Monitoring zusammenspielen.
Für die nächsten Monate ist besonders relevant, wie schnell sich solche Schutzfunktionen in den Arbeitsalltag integrieren. Scam.ai plant die Integration in die Windows-Plattform bis Anfang September; das adressiert in vielen Firmen direkt den zentralen Desktop-Stack, über den Videokonferenzen, Freigaben und Kommunikation laufen. Wer heute Finanzabteilungen und Führungskreise als „Zugriffszone“ betrachtet, kann „Halo“ als technische Hürde nutzen, muss aber parallel Prozesse prüfen: Wo wird eine neue Zahlungsanweisung ausgelöst, wie wird sie verifiziert, und welche Kanäle gelten bei Verdachtsfällen als vertrauenswürdig? Je enger diese Kette geschlossen ist, desto geringer ist der Spielraum für Scams, die KI-Output mit organisatorischen Routinen verknüpfen.
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