ALLMANNSHAUSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Apnoetaucher Minja Marinkovi? ist an der Allmannshauser Steilwand mit einem Atemzug auf 85 Meter abgetaucht, aber beim Auftauchen kurz vor der Oberfläche bewusstlos geworden. Der Blackout in etwa drei Metern Tiefe führte dazu, dass der Versuch nicht als Rekord gewertet werden konnte. Der Sportler bekam Unterstützung durch Sicherungstaucher, erhielt Sauerstoff und war rasch wieder bei Bewusstsein. Damit bleibt der deutsche Tiefenrekord in der Disziplin Free Immersion vorerst bei 80 Metern aus dem Jahr 2011.

Der Versuch wirkte wie eine Zielgerade, doch im Apnoesport entscheidet oft nicht die Tiefe allein, sondern der Zustand beim Auftauchen. Am Boot und am Ufer gab es Applaus, weil Minja Marinkovi? seine anvisierten 85 Meter an der Allmannshauser Steilwand mit einem Atemzug erreicht hatte. Dann kam die kritische Phase: Kurz vor der Oberfläche verlor er in rund drei Metern Tiefe das Bewusstsein. Taucher sprechen dabei von einem Blackout – und genau dieser Moment reichte aus, damit die Leistung nicht in die Rekordliste wandert.
Technisch betrachtet geht es beim Freitauchen um ein Zusammenspiel aus Atemanhalte-Toleranz, mentaler Steuerung und physiologischer Reserve. Bei etwa 80 bis 85 Metern herrschen laut Bericht rund neun Bar Druck, die Luft in der Lunge wird dadurch auf ein Neuntel komprimiert. Je tiefer und länger der Aufenthalt, desto schneller rutscht der Körper in einen Bereich, in dem Sauerstoffmangel das Steuer übernehmen kann. Marinkovi? beschreibt das Gefühl des Bewusstseinsverlusts als etwas, das „wie in einen Schlafzustand fallen“ wirke – ein Bild, das die Gefahr deutlich macht: Es passiert häufig genau dann, wenn man eigentlich nur noch hochkommt.
Dass der Rekord nicht anerkannt wurde, lag an den formalen Bedingungen für die Bestätigung. Wettkampfrichter des Verbandes AIDA International konnten den Versuch nicht bestätigen, weil unter anderem gefordert wird, dass der Taucher aus eigener Kraft nach oben kommt und bei Bewusstsein ist. Für Marinkovi? bedeutet das: Wäre die Leistung gewertet worden, wäre er als erster Deutscher in dieser Tiefe in einem See gewesen und damit Teil der Gruppe der weltweit besten Apnoetaucher. Damit bleibt der bisherige deutsche Referenzwert bei 80 Metern aus dem Jahr 2011, während die internationale Bestmarke in anderen Disziplinen bereits deutlich weiter geht.
Der konkrete Tauchablauf zeigt, wie sehr das Setup den Unterschied zwischen „halten“ und „kippen“ ausmachen kann. Marinkovi? startete in der Disziplin Free Immersion ohne Flossen und nutzte ein Seil, um sich nach unten zu ziehen. Ab ungefähr 30 Metern beginnt der freie Fall kopfüber in die Tiefe – und im Dunkel ist nicht nur der Druck, sondern auch die Wahrnehmung der entscheidende Faktor. Der Bericht nennt als belastende Rahmenbedingungen Kälte und absolute Dunkelheit; in der Tiefe seien vier Grad gemessen worden, während neun Bar den Körper entsprechend fordern. Zusätzlich nennt der Sportler Faktoren wie Schlafmangel und eine Verzögerung des Tauchgangs aus technischen Gründen, die offenbar Einfluss auf seine volle Leitungsfähigkeit hatten.
Auf der letzten Strecke kommt ein weiterer praktischer Aspekt dazu: der Beweis am Zielpunkt, also der Griff nach dem „Tag“ – einem Stück Stoff, das er nach oben bringen muss. Über den Neoprenhandschuhen trug Marinkovi? Gartenhandschuhe, befestigt mit Klebeband, um mehr Grip zu erreichen. Beim anschließenden Weg nach oben rechnet man im Kopf meist nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit dem Timing. Genau kurz vor der Oberfläche verlor er den Kampf gegen den Blackout. Die Reaktion des Teams war dabei unmittelbar und standardisiert: Ein Sicherungstaucher brachte ihn nach oben, kurzzeitig wurde Mund-zu-Nase beatmet, danach erhielt er Sauerstoff. Drei Sicherungstaucher und eine Ärztin begleiteten den Versuch, was zeigt, dass die scheinbar „minimalistische“ Sportart in Wahrheit ohne Sicherheitskette nicht denkbar ist.
Diese Sicherheitslogik zieht sich auch durch Wettkämpfe, weil die Hauptgefahr beim Freitauchen Bewusstlosigkeit durch Sauerstoffmangel ist. Der Bericht beschreibt, dass deshalb unter streng kontrollierten Bedingungen gearbeitet wird – mit Sonar, Gegengewichtssystem und mehreren Sicherungstauchern. Ein Blick auf frühere Versuche macht außerdem klar, dass die Grenze nicht nur individuell, sondern auch situativ ist: An der Steilwand von Allmannshausen hatte 2018 bereits Jens Stötzner versucht, den Rekord zu brechen, schaffte es auf 81 Meter, verlor beim Auftauchen ebenfalls das Bewusstsein und blieb folglich ohne gültige Bestätigung.
Gleichzeitig liefert der Vorfall auch eine mentale Perspektive. Marinkovi? spricht von einem Gefühl „wie auf einem anderen Planeten“, davon, dass man sehr ruhig und zugleich sehr allein sei. Nils Heininger, Vizevorsitzender von Aida Deutschland, ordnet die Leistung in der Dimension des Trainings ein, in der es nicht nur um körperliche Reserven, sondern um mentale Stabilität geht: Es sei anspruchsvoll, mental ruhig zu bleiben, während der Körper eigentlich Alarm schalten sollte. Wenn es gelingt, beschreibe er den Zustand als meditativen Modus, bei dem der Taucher „völlig abschaltet“. Diese Mischung aus Kontrolle und Grenzerfahrung macht Apnoetauchen für viele langfristig so attraktiv, auch wenn gerade an solchen Tagen der letzte Funken Professionalität zwischen „es hat geklappt“ und „es zählt nicht“ entscheidet.
Historisch wird dabei seit Jahren die Frage diskutiert, wo die menschliche Leistungsfähigkeit ohne technische Hilfsmittel real verläuft. Lange Zeit galt als harte Annahme, dass ein Mensch ohne technische Unterstützung nicht tiefer als etwa 40 Meter tauchen könne. Heute liegt der Rekord im Meer in der Disziplin Free Immersion bei 137 Metern – damit verschiebt sich die Diskussion in Richtung: Wie weit lässt sich die Grenze durch Technik und Training überhaupt „nach oben“ rechnen? Der Vergleich zum Höhenbergsteigen drängt sich im Bericht ebenfalls auf, weil technische Rahmenbedingungen und Trainingsmethoden dort wie dort die Erwartungshaltung verändern. Für den Sportler selbst ist die Richtung nach vorn klar: Er will es wieder versuchen, sagt, dass man das Scheitern eben „zum Sport“ zählt, und formuliert zugleich, dass der Versuch wiederholt wird.
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