DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Rheinmetall-Chef Armin Papperger sieht bei jungen Menschen ein wachsendes Bewusstsein für Verteidigungsfähigkeit. Gleichzeitig äußert er Zweifel, ob ein neuer Wehrdienst in der Praxis allein auf Freiwilligkeit bauen kann. Der Konzern beobachtet parallel einen spürbaren Bewerberandrang in der Rüstungsindustrie, während die Bundeswehr zwar Zulauf erhält, ihn aber für den nötigen Ausbau als nicht ausreichend einordnet. Vor diesem Hintergrund rückt Papperger die Diskussion über Musterung, mögliche Bedarfswehrpflicht und die Reaktivierung des Zivildienstes in den Fokus.

Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender von Rheinmetall, macht zwei Entwicklungen gleichzeitig fest: Die junge Generation nehme Verteidigungsfähigkeit zunehmend als sicherheitspolitische Grundlage wahr, und der Arbeitsmarkt für sicherheitsrelevante Technologien entwickle sich parallel mit deutlich spürbarer Nachfrage. In dem Kontext argumentiert Papperger, dass Menschen in Deutschland „gemerkt“ hätten, wie verwundbar ein Land ohne Verteidigungsfähigkeit wäre. Seine Kernbotschaft zielt dabei weniger auf eine generelle Kampagnenrhetorik, sondern auf die Frage, wie sich gesellschaftliche Bereitschaft in planbare Personalzahlen übersetzen lässt.
Während Papperger in der gesellschaftlichen Perspektive auf steigendes Interesse verweist, zeigt er sich bei der politischen Umsetzung deutlich skeptisch. Er sieht zwar die Notwendigkeit einer Debatte um den Wehrdienst, hält aber die Freiwilligkeit im erwarteten Umfang für problematisch. „Ich glaube, dass das im Bereich der Freiwilligkeit schwierig sein wird“, sagt der 63-Jährige und verknüpft diese Einschätzung direkt mit den aktuellen Zulaufzahlen der Bundeswehr. Dabei entsteht ein technischer und zugleich organisatorischer Kern: Wenn Personal- und Ausbildungszyklen nicht schnell genug hochskaliert werden, bleiben selbst positive Trends hinter den Zielwerten zurück.
Das Reformpaket, das der Diskussion eine konkrete Struktur geben soll, knüpft an das Gesetz über den neuen Wehrdienst an: Es soll zum 1. Januar 2023 in Kraft treten und eine verpflichtende Musterung für junge Männer ab dem Jahrgang 2008 einführen. Das gesetzgeberische Ziel ist, Freiwillige für den Truppenaufbau zu gewinnen. Für den Fall, dass die angestrebten Rekrutenzahlen nicht erreicht werden, sieht der politische Rahmen eine mögliche Bedarfswehrpflicht vor, über deren Einführung der Bundestag entscheiden könnte. Ergänzend nennt das Verteidigungsministerium eine messbare Veränderung: Seit der Gesetzesänderung sei die Zahl der Bewerbungen um 24 Prozent gestiegen und liege nun bei rund 38.500.
Damit verlagert sich die Debatte vom Symbolischen ins Operative – auch, weil die Diskussion um den Zivildienst bereits wieder Fahrt aufnimmt. Berichten zufolge bereitet sich die Bundesregierung auf eine mögliche Rückkehr zur Wehrpflicht vor und plant zugleich die Reaktivierung des Zivildienstes. Papperger unterstützt diese Richtung und formuliert den gesellschaftlichen Nutzen als Prinzip: „Dienst an der Gesellschaft ist sicherlich etwas, was nicht schadet.“ Historisch hatte die Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 auch das Ende des zivilen Ersatzdienstes für Männer bedeutet, die aus Gewissensgründen den Militärdienst verweigerten. Genau hier liegt der Spannungsbogen zwischen individueller Gewissensfreiheit und dem Bedarf an planbarem Personal in sicherheitsnahen Bereichen.
Unmittelbar sichtbar wird der Bedarf an Einsatzkräften und Qualifikationen allerdings nicht nur bei staatlichen Strukturen, sondern vor allem auch in der Industrie. Im Gegensatz zur Bundeswehr, so die Darstellung, verzeichnet die Rüstungsindustrie – insbesondere Rheinmetall – einen erheblichen Anstieg an Bewerbungen. Der Konzern erhält demnach monatlich durchschnittlich fast 23.000 Bewerbungen in Deutschland; insgesamt seien im vergangenen Jahr 232.000 Bewerbungen in Deutschland und 360.000 weltweit eingegangen. Rheinmetall beschäftigt aktuell etwa 34.000 Mitarbeiter. Für Unternehmen, die in der Verteidigungs- und Sicherheitskette arbeiten, ist das relevant, weil Recruiting, Qualifizierung und Projektlaufzeiten oft enger gekoppelt sind, als es reine Headcount-Statistiken vermuten lassen.
Auf dieser Basis rückt Papperger auch die junge Belegschaft als konkreten Hebel in den Mittelpunkt. In der Zentrale von Rheinmetall in Düsseldorf arbeiten nahezu 1.000 Menschen, von denen etwa die Hälfte unter 30 Jahre alt ist. Papperger betont in diesem Zusammenhang die Motivation: „Und das sind alles Menschen, die hoch motiviert sind und sich einsetzen.“ Aus strategischer Sicht passt das zu einer Industrie, die nicht nur Produkte liefert, sondern Teams braucht, die über längere Zeit in Entwicklung, Produktion und Wartungslogistik arbeiten. Für die weitere Diskussion um Wehrpflicht, Musterung und mögliche Bedarfswehrpflicht bedeutet das: Selbst wenn staatliche Personalplanung kurzfristig an Dynamik gewinnt, bleibt die Fähigkeit, technische und organisatorische Kompetenzen über Branchen hinweg zu mobilisieren, ein Engpass-Thema.
Interessant ist schließlich, wie eng gesellschaftliche Einstellung und wirtschaftliche Nachfrage hier ineinandergreifen. Pappergers Aussage zur Verteidigungsfähigkeit setzt bei Wahrnehmung an; die Bewerbungszahlen zeigen dagegen, dass sich diese Wahrnehmung auch in Karriereentscheidungen niederschlägt. Für Arbeitgeber heißt das, dass Recruiting nicht nur ein HR-Thema ist, sondern unmittelbar mit Ausbildungsplanung, Projekt-Roadmaps und dem Ausbau von Kapazitäten zusammenhängt. Für Politik und Streitkräfte entsteht daraus wiederum die Aufgabe, Personalströme so zu steuern, dass sie zu Ausbildungs- und Einsatzrealitäten passen – und nicht nur zu Stichtagszahlen.
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