BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Umfrage des TüV-Verbands zeigt, dass bereits jeder zweite Beschäftigte KI in seinem Job nutzt. In Berliner Dönerläden beantwortet eine KI Bestellanrufe automatisch und reicht die Wünsche direkt an die Küche weiter. Im Hundesalon und im Erotikshop bleibt es dagegen bei Zurückhaltung. Im Hotel und bei Bestattern wird KI vor allem als Assistent eingesetzt – mit klaren Grenzen bei Service, Trauerreden und persönlichem Kontakt.

KI in Berlin: Wo sie Jobs unterstützt – und wo sie Menschen ersetzen will
KI in Berlin: Wo sie Jobs unterstützt – und wo sie Menschen ersetzen will (Foto: IT BOLTWISE)
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In Berlin ist KI längst kein reines Labor-Thema mehr, sondern verändert konkrete Abläufe zwischen Theke, Empfang und Verwaltung. Die Ausgangslage wirkt dabei fast widersprüchlich: Während eine aktuelle Umfrage des TüV-Verbands ermittelt, dass jeder zweite Beschäftigte KI bereits im Job nutzt, berichten einzelne Betriebe gleichzeitig, dass sie die Technologie in bestimmten Bereichen bewusst nicht einsetzen. Genau diese Bruchlinien machen die Dynamik der kommenden Jahre aus – nicht nur die Frage „Kann KI Aufgaben übernehmen?“, sondern auch „Welche Aufgaben dürfen KI übernehmen, ohne das eigene Geschäftsversprechen zu beschädigen?“

Dass KI schnell in den Alltag rutscht, sieht man besonders dort, wo wiederholte Kommunikation mit Kunden zeitkritisch und in hoher Frequenz auftritt. Im Dönerladen von Yunus Kayar (23) beantwortet inzwischen ein KI-Chatbot Bestellanrufe und leitet die Bestellung direkt in Richtung Küche weiter. Kayar beschreibt den Effekt als spürbare Entlastung: Während zur Mittagszeit das Telefon zuvor kaum stillstand, läuft die Abfrage jetzt automatisiert. Bemerkenswert ist dabei weniger der einzelne Use Case als das Prinzip, das dahintersteht: Sprach-Interaktion wird zur „Schnittstelle“ zwischen Kundenanliegen und internen Workflows, sodass Mitarbeiter nicht jede Nachfrage synchron bedienen müssen.

Gleichzeitig zeigt der Blick in andere Branchen, dass KI nicht überall gleich willkommen ist. In einem Berliner Hundesalon wird das Thema KI mit Spott quittiert: Wer gerade einen Pudel auf dem Tisch hat, braucht vor allem Zeit, Handling und unmittelbare Aufmerksamkeit, nicht einen digitalen Gesprächspartner. Ähnlich konsequent fällt die Haltung in einem Erotikshop aus: Dort gibt es bislang keine KI-Anwendungen im Alltag und auch keine smarten Sexspielzeuge, die als Teil einer „digitalen Einkaufsliste“ auftauchen. Das ist keine technische Unmöglichkeit, sondern eine bewusste Produkt- und Markenentscheidung: Der Betrieb will den Moment der Beratung, Betreuung und Bedienung nicht an eine Software-Logik delegieren.

Im Dienstleistungsgewerbe sieht man häufig einen Mittelweg: KI übernimmt unsichtbare Aufgaben, bleibt aber als „Front-of-House“ Menschen vorbehalten. In einem Berliner Marriott-Hotel in Mitte gehört KI-Hilfe dagegen zum Routinebetrieb – allerdings eher als Werkzeugkette als als Ersetzung. Empfangschef Jens Schörmann (51) lässt sich beim Formulieren internationaler E-Mails von Microsoft Copilot unterstützen. Auch die Infrastruktur nutzt KI indirekt: Intelligente Kameras in Müllbehältern sollen analysieren, welche Lebensmittel weggeworfen werden, um künftig weniger im Abfall landen zu lassen. Dazu kommt eine weitere typische Service-Optimierung, bei der Veranstaltungsräume virtuell vor der Buchung besichtigt werden können. Schörmann zieht dafür jedoch eine harte Linie: Die Gäste „kommen wegen der Menschen“.

Diese Abgrenzung ist auch im Tagesgeschäft der Mitarbeitenden spürbar. Dana Karnau (24), die dual Tourismusmanagement studiert und am Empfang arbeitet, nennt KI vor allem als Assistent für organisatorische Engpässe. Besonders die Dienstplanung kann demnach künftig viel Zeit sparen, weil KI Muster in Schichten, Verfügbarkeiten und Anforderungen schneller zusammenführen kann. Trotzdem bleibt ein menschlicher Ansprechpartner notwendig: Am Empfang werde „immer jemand stehen müssen“. Genau hier entscheidet sich die Produktivität: KI reduziert Koordinationsaufwand und Systempflege, aber die Qualität der Interaktion hängt weiterhin von Sprache, Tonfall, situativem Empfinden und persönlicher Verantwortung ab.

Besonders deutlich wird der Unterschied zwischen „Arbeit erleichtern“ und „Gefühl ersetzen“ in der Bestattungsbranche. Helena Giuffida (56), Inhaberin von Atelier Magnolie Bestattungen, nutzt KI vor allem im Hintergrund, etwa zum Prüfen von Dokumenten, für Übersetzungen oder zum sprachlichen Feinschliff von Website-Texten. Für die bürokratischen Aufgaben sei die Technik „praktisch und hilfreich“. Doch sobald es um Trauerreden oder persönliche Formulierungen geht, setzt sie klare Grenzen: Texte müssten persönlich und nah sein, dürfen nicht nach KI klingen. Auch als eine Kundin erzählte, sie habe bei einem anderen Unternehmen zunächst nur mit einer KI-Stimme sprechen können, reagiert Giuffida emotional und fachlich: In einem Trauerfall wolle sie eine echte Person erreichen, die zuhört und das Gefühl vermittelt, aufgefangen zu werden. Ihr Fazit ist konsequent – KI kann Bürokratie entlasten, Mitgefühl und Menschlichkeit aber nicht ersetzen.

Für Programmierer und andere wissensintensive Rollen entsteht damit eine zweite, für die Arbeitswelt entscheidende Perspektive. Der Artikel deutet an, dass ausgerechnet technische Tätigkeiten zuerst unter Druck geraten könnten, weil KI dort besonders gut in Mustererkennung, Text- und Code-ähnlichen Assistenzaufgaben und der Automatisierung definierter Schritte wirkt. Gleichzeitig bleiben Berufe mit starkem Menschenkontakt oder handwerklichem Geschick nach dieser Einordnung vorerst robuster. Die gemeinsame Klammer für alle Fälle lautet: KI trifft nicht alle Jobs gleich, und sie verschiebt die Grenze zwischen Unterstützung und Substitution. Für Unternehmen in Berlin heißt das praktisch, dass KI-Einführung nicht nur ein IT-Thema ist, sondern eine Frage von Prozessdesign, Kundenerwartung und Qualitätssicherung – etwa indem man KI dort einsetzt, wo sie Routine entlastet, und sie konsequent aus Bereichen herauslässt, in denen Vertrauen, Empathie oder unmittelbare körperliche Arbeit zählen.


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