LONDON (IT BOLTWISE) – Universitäten setzen wieder stärker auf beaufsichtigte Prüfungen, Blätter und mündliche Abfragen, um KI-gestützte Täuschung einzuhegen. In diesem Herbst startet die University of Chicago Law School einen weitgehenden Geräte-Verzicht in zentralen Erstsemester-Kursen. Dartmouth College ergänzt solche Ansätze mit dem Ziel, sichtbar zu machen, was Studierende ohne KI tatsächlich leisten. Damit rückt ein tieferes Problem in den Fokus: Prüfungsdesign muss den Lernnachweis neu definieren.

Wer sich in den vergangenen Monaten mit Prüfungsorganisation beschäftigt hat, merkt einen Wandel: Es geht nicht mehr nur um klassische Kontrollen, sondern um die Frage, ob eine Bewertung überhaupt noch Lernprozesse abbildet oder lediglich den Einsatz von Künstlicher Intelligenz belohnt. Laut einem Beitrag von Santiago Schnell, Mathematikprofessor und Provost am Dartmouth College, ziehen Hochschulen deshalb verschiedene Gegenmaßnahmen zusammen. Dazu zählen wieder vermehrt beaufsichtigte Klausuren (proctored exams), die Nutzung von handschriftlichen Blättern („blue books“) sowie mündliche Prüfungsanteile. Der gemeinsame Nenner ist klar: Dozierende wollen feststellen, ob Studierende Wissen abrufen und anwenden können – oder ob sie am Ende Texte einreichen, die KI „fertig“ generiert.
Technisch betrachtet liegen in diesem Ansatz zwei unterschiedliche Hebel nebeneinander. Einerseits kann eine stärkere Aufsicht in Kombination mit eingeschränktem Zugriff auf elektronische Geräte die unmittelbare Nutzung KI-gestützter Tools in der Prüfungsphase erschweren. Andererseits verändert sich der Charakter der Aufgaben, wenn Prüfungen stärker auf kurze, spontane Antworten, das eigenständige Formulieren oder das Erklären im Gespräch setzen. Genau dieser zweite Hebel spielt in den genannten Maßnahmen eine wichtige Rolle, denn er prüft Fähigkeiten, die nicht so leicht automatisierbar sind: etwa das Herleiten, Begründen und Nachfragen in Echtzeit. Zudem hilft eine mündliche Abfrage dabei, typische „KI-Signaturen“ zu vermeiden, die entstehen, wenn Studierende zwar sprachlich überzeugend klingen, aber fachlich nicht nachvollziehen können, warum bestimmte Schritte sinnvoll sind.
Besonders deutlich wird der Gerätebezug in der Ankündigung für den Herbst: Die University of Chicago Law School will in zentralen Kursen des ersten Studienjahres ein generelles Verbot elektronischer Geräte einführen, allerdings mit begrenzten Ausnahmen. Solche Regelwerke sind organisatorisch anspruchsvoll, weil sie nicht nur die Prüfungsräume betreffen, sondern auch die Vorbereitung der Studierenden und die technische Ausstattung vor Ort. Selbst wenn KI-Tools außerhalb des Raums weiterhin verfügbar bleiben, verschiebt ein strikter Geräte-Ansatz den Schwerpunkt stärker auf das, was in der Prüfung selbst entsteht. Gleichzeitig verdeutlicht die Formulierung „mit begrenzten Ausnahmen“, dass Hochschulen den Konflikt zwischen Prüfungsintegrität und praktischem Bedarf (z. B. zwingend notwendige Hilfsmittel) versuchen, pragmatisch zu managen.
Die eigentliche Herausforderung – so lässt sich der Kern der Argumentation zusammenfassen – beginnt aber dort, wo reine Kontrollmaßnahmen enden. Wenn Prüfungen zu sehr auf Textproduktion abzielen, entsteht ein Systemwettbewerb: Studierende optimieren nicht mehr ihr Verständnis, sondern ihre Fähigkeit, KI-Ausgaben so zu verpacken, dass sie wie eigene Arbeit wirken. Santiago Schnell beschreibt deshalb das Ziel, Lehrenden sichtbar zu machen, was Studierende ohne KI leisten können. Für die Lehre heißt das: Aufgaben müssen so gestaltet werden, dass sie auf Lernstände „zugreifen“ statt auf generierte Endprodukte. Das kann bedeuten, häufiger Zwischenresultate zu verlangen, Variationen einzubauen, die auf Kursinhalte und konkrete Vorlesungsfragen Bezug nehmen, oder Bewertungen stärker auf Diskussion, Rechenwege und begründete Entscheidungen zu stützen.
Auch im Markt- und Wettbewerbsumfeld zeichnet sich ab, dass die Universitäten nicht isoliert handeln. Wenn eine Hochschule einen Geräte- und Aufsichtsansatz einführt, werden Studierende und Lehrende schnell vergleichen, wie andere Institutionen den Lernnachweis erheben. Gerade juristische Fakultäten stehen dabei unter besonderem Druck, weil Fallargumentation, Sprache und logisches Strukturieren zusammenkommen. Die Maßnahmen in Chicago – Geräteverbot in Kernkursen – sind deshalb auch ein Signal für die Branche: KI-Cheating wird nicht nur als Disziplinproblem behandelt, sondern als Designproblem. Ähnlich dürften Dartmouth und andere Standorte vor der Aufgabe stehen, Prüfungen so zu adaptieren, dass sie sowohl fair als auch arbeitsfähig bleiben, ohne in einen dauerhaften „Sicherheitsmodus“ zu kippen, der Lehre und Ressourcen unnötig bindet.
Für Entscheiderinnen und Entscheider in Hochschulen ist daraus eine klare Konsequenz ableitbar: Eine Prüfung ist nicht nur ein Kontrollpunkt, sondern ein pädagogisches Werkzeug. Wenn Universitäten proctored exams, blue books und mündliche Assessments reaktivieren, schaffen sie kurzfristig mehr Transparenz – aber sie lösen langfristig nur dann das Grundproblem, wenn sie parallel das zugrundeliegende Prüfungsdesign überarbeiten. Entscheidend wird sein, wie schnell sich Aufgabenformate ändern lassen, wie konsistent Regeln kommuniziert werden und ob Lehrende ausreichend Unterstützung bekommen, etwa für die Gestaltung mündlicher Prüfungsszenarien oder für Bewertungsraster, die nicht auf „Textqualität“ allein setzen. Der Fortschritt besteht damit weniger in einem „Zuschauen“ als in einem konsequenten Umschalten darauf, dass der Lernnachweis wieder eindeutig an menschliche Kompetenz gekoppelt ist.
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