LONDON (IT BOLTWISE) – Die Europäische Kommission hat die überarbeiteten European Sustainability Reporting Standards (ESRS) festgelegt und die Zahl verpflichtender Datenpunkte deutlich reduziert. Die Neufassung senkt die Berichtslast um mehr als 60 Prozent und fokussiert künftig vor allem auf für Unternehmen wesentliche Aspekte. Gilt wird das für Geschäftsjahre ab dem 1. Januar 2027. Parallel laufen Entwürfe zur Ausweitung auf Nicht-EU-Konzerne und der Markt rüstet sich mit KI-gestützter Reporting-Software.

Die überarbeitete ESRS-Regelung greift an einer Stelle an, die viele Unternehmen aus der Praxis kennen: nicht fehlende Umwelt- oder Sozialziele, sondern der Weg dahin über immer längere Fragebögen, Tabellen und Nachweise. Die Europäische Kommission hat die Neufassung der European Sustainability Reporting Standards festgelegt und damit die Zahl verpflichtend zu meldender Datenpunkte um mehr als 60 Prozent reduziert. Damit verschiebt sich das Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen spürbar, gerade weil ESG-Reporting bislang häufig als Datenaufbereitung für „Vollständigkeit“ empfunden wurde, statt als Beitrag zu unternehmerischer Steuerung.
Technisch und methodisch rückt die neue Ausrichtung den „Datenfriedhof“ in den Hintergrund: Künftig sollen Unternehmen stärker auf die Aspekte fokussieren, die für das eigene Unternehmen tatsächlich wesentlich sind. Aus dem Berichtssystem wird damit weniger ein generisches Monitoring-Tool für jede denkbare Kennzahl, sondern eher eine strukturierte Darstellung quantitativer Informationen, die im jeweiligen Kontext relevant sind. Die Vorgaben gelten für Geschäftsjahre, die ab dem 1. Januar 2027 beginnen. Für die Umsetzungsplanung ist das ein konkreter Takt: Viele Datenmodelle, ESG-Workflows und Berichtsvorlagen müssen rechtzeitig vor dem ersten Anwendungsjahr vorbereitet werden, sonst bleibt es bei punktuellen Anpassungen statt bei einer konsistenten „ESG-Datenlinie“ von der Fachabteilung bis zur Finance- und Governance-Ebene.
In den Vorarbeiten zeigt sich zudem, dass die Kommission nicht bei der Kern-ESRS allein stehenbleibt. Bereits im Juli wurden interaktive Dokumente sowie ein freiwilliger Standard für kleinere Unternehmen veröffentlicht (VSME). Dessen Bedeutung wächst, weil große Finanzinstitute und andere Abnehmer ESG-Daten von Lieferkettenpartnern zunehmend einfordern. Genau an dieser Schnittstelle entsteht in der Praxis oft der größte Zusatzaufwand: Selbst wenn die eigene Berichtspflicht geringer ist, müssen Lieferanten Daten in Form liefern, die zu den Erhebungstools großer Auftraggeber passen. Der Einsatz spezialisierter Software kann hier den Verwaltungsaufwand für diese Berichte laut Marktbeobachtungen um bis zu 75 Prozent senken. Für IT-Entscheider heißt das: Datenmapping, Validierungsregeln und Schnittstellenlogik werden zu Kernbausteinen, nicht zu Nebenaufgaben.
Über die Entlastung bestehender Berichtspflichtiger hinaus treibt die europäische Beratergruppe EFRAG die Umsetzung von ESRS-40a voran. Ein Entwurf liegt seit dem 23. Juli 2026 vor, und er zielt auf Nicht-EU-Konzerne, die in der EU einen jährlichen Nettoumsatz von mehr als 450 Millionen Euro erzielen. Zusätzlich müssen deren lokalen Tochtergesellschaften einen Umsatz von über 200 Millionen Euro ausweisen. Der Rollout ist gestaffelt: Eine Konsultationsphase läuft bis zum 31. Oktober 2026, ein delegierter Rechtsakt wird für Mitte 2027 erwartet. Die ersten Berichte sollen dann 2029 für das vorangegangene Geschäftsjahr erscheinen. Damit rückt neben der reinen ESRS-Compliance auch die Frage in den Fokus, wie Unternehmen ihre Konzern-Reporting-Daten so strukturieren, dass regionale Schwellenwerte automatisch erkannt werden und Berichtspflichten nicht erst „am Ende“ als Projekt sichtbar werden.
Gerade weil sich die Anforderungen auf mehreren Ebenen gleichzeitig bewegen, steigt der Druck auf Digitalisierung. Ende Juli stellten Anbieter von Finanz- und ESG-Software neue KI-gestützte Werkzeuge vor, die beispielsweise Peer-Vergleiche oder die Erstellung von Berichtsentwürfen automatisieren. Das ist weniger „KI als Highlight“, sondern eher die Fortsetzung einer Entwicklung: Dort, wo Unternehmen Daten aus verschiedenen Systemen konsolidieren, Texte im Report-Format erzeugen oder Argumentationen konsistent halten müssen, können KI-Assistenten Teile der Handarbeit reduzieren. In der Praxis geht es dabei typischerweise um Dokumentenvergleich, Konsistenzchecks und das beschleunigte Erstellen von Textpassagen auf Basis bereits vorhandener Struktur. Ebenso schreitet die Digitalisierung in der Industrie voran: Erste Zertifizierungen für digitale Produktpässe sind bereits vergeben. Für Handelsunternehmen wird außerdem relevant, CO2-Fußabdruck-Daten stärker in ihr Sortiment zu integrieren, etwa nach internationalen Standards wie dem GHG-Protokoll. Diese Bausteine wirken wie ein „Datenlieferant“ für ESRS-relevante Nachweise, und sie machen deutlich, warum die ESRS-Reform auch als Impuls für bessere Datenflüsse verstanden werden kann.
Für Unternehmen entsteht daraus eine zweigeteilte Priorität: Einerseits soll die ESRS-Überarbeitung die Berichtslast senken, andererseits bleiben die regulatorischen Ziele und die Erwartung der Stakeholder bestehen, dass ESG-Informationen überprüfbar und entscheidungsnützlich sind. Die Reduktion um mehr als 60 Prozent betrifft zwar verpflichtende Datenpunkte, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit, die verbleibenden Kennzahlen sauber zu begründen, Prozesse nachvollziehbar zu halten und Verantwortlichkeiten festzulegen. Andererseits eröffnet die klarere „Wesentlichkeit“-Logik auch Chancen für Standardisierung: Wenn weniger Pflichtfelder gemeldet werden müssen, lässt sich das Datenmodell gezielter auslegen, Validierungsregeln können enger gezogen werden und die Berichtsproduktion wird planbarer. Entscheidend ist, frühzeitig zu klären, welche Daten intern wirklich als „wesentlich“ eingestuft werden, wie diese Einstufung dokumentiert wird und wie Lieferkettenpartner die notwendigen Informationen so liefern, dass spätere Korrekturen nicht den Zeitplan sprengen.
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