BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick, kritisiert Verteidigungsminister Boris Pistorius für falsche Akzente bei Rüstungsinvestitionen. Schularick fordert im Kanzleramt einen zentralen Koordinator für die militärische Beschaffung, damit Industrie, Startups und Ministerien an einem Ziel ausgerichtet werden. Außerdem warnt er, dass das bis 2030 geplante 700-Milliarden-Programm bei falschem Fokus zu wenig Wirkung entfalten könnte. Er plädiert dafür, stärker auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik zu setzen statt vor allem auf veraltete Systeme.

In der laufenden Debatte um Umfang und Ausrichtung der Rüstungsplanung wird immer deutlicher, dass es nicht nur um Budgethöhe geht, sondern um Steuerbarkeit. Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick, stellt in den Mittelpunkt, dass die Modernisierung der Bundeswehr bis 2030 zwar mit einem Volumen von 700 Milliarden Euro geplant ist, die Mittel aber nicht automatisch den gewünschten technologischen und industriellen Effekt entfalten. Besonders scharf fällt dabei seine Kritik an den Prioritäten aus: Laut Schularicks Darstellung weiche Verteidigungsminister Boris Pistorius bei der Mittelverwendung von Investitionen in künftige Waffensysteme ab und setze einen größeren Teil auf Panzer, Fregatten und andere als veraltet beschriebene Technologien.
Schularick argumentiert dabei nicht nur politisch, sondern betont auch die Engpässe, die aus seiner Sicht jede rein hardwarezentrierte Beschaffungslogik verstärkt. Er verweist auf den Charakter des Programms als weitgehend kreditfinanziertes Milliardenpaket und leitet daraus ab, dass die gesamtwirtschaftliche Wirkung nur dann steigen könne, wenn das Geld in die richtigen Wertschöpfungsketten fließt. In seiner Begründung greift er einen demografischen und operativen Punkt auf: „Was wir nicht haben, sind Hunderttausende Menschen, die in Panzer steigen und an die Front fahren möchten. Das heißt: Statt auf mehr Soldaten, mehr bemannte Fahrzeuge und mehr Kasernen müssen wir – wo immer möglich – auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik setzen.“ Für ihn ist das weniger ein zusätzlicher Technologiewunsch als eine Antwort auf knappe Personalressourcen und damit auf die Einsatzrealität.
Der zentrale Hebel liegt aus Sicht Schularicks zudem in der Organisation der Beschaffung. Er beschreibt ein einzelnes und zudem „sehr langsames“ Ministerium als strukturell überfordert, sobald parallel mit international abgestimmten Verteidigungszielen, Beschaffungszyklen und industriellen Kapazitäten gearbeitet werden muss. „Ein zentraler Koordinator“, so die Forderung des IfW-Chefs, soll die politischen Zuständigkeiten bündeln und Friktionen zwischen Industrie, Startups und Ressorts ausräumen. Dabei nennt er auch konkrete Personalprofile, die er sich für diese Aufgabe im Kanzleramt vorstellen kann: „Er könnte sich beispielsweise den früheren Telekom-Vorstandschef René Obermann oder Ex-Airbus-Chef Tom Enders als einen solchen Koordinator im Kanzleramt vorstellen“, heißt es in seinem Vorschlag. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Beschaffung soll als durchgängiger Prozess gestaltet werden, nicht als Folge einzelner Ministerialentscheidungen.
Technisch lässt sich Schularicks Forderung als Verschiebung vom reinen Systemkauf hin zu einer investiven Industriefähigkeit lesen. Im Kern plädiert er dafür, Produktionskapazitäten aufzubauen, statt nur kleine Stückzahlen hochkomplexer, maßgefertigter Einheiten zu bestellen. Seine Kritik an der typischen Logik lässt sich an einem sehr konkreten Vergleich festmachen: „Anders ausgedrückt: Wir bestellen nicht mehr das einzelne Gerät, sondern die ganze Fabrik, die dann im Ernstfall sehr rasch 2.000 statt 200 Raketen pro Jahr produzieren kann“, so Schularick. Damit verbindet er die Beschaffung mit Planungslogik aus dem Produktions- und Operations-Management: Der entscheidende Faktor ist die Skalierbarkeit in der Krise, also die Fähigkeit, Stückzahlen hochzufahren, ohne dass Lieferketten, Werkzeuginstandhaltung und Qualifizierung der Mitarbeitenden zum Flaschenhals werden.
Auch der Hinweis auf die „wirtschaftlichen Prozesse“ zielt auf die praktische Umsetzung: Er verlangt, dass von Beginn an gedacht wird, wie die industrielle Produktion im Ernstfall tatsächlich in Gang kommt. Schularick sagt dazu: „Vielmehr müssen wir von Beginn an mitdenken, wie die wirtschaftlichen Prozesse aussehen müssen, damit die nötigen Waffensysteme im Fall der Falle auch wirklich rasch und in ausreichender Menge nachproduziert werden können.“ Aus dieser Perspektive wird verständlich, warum er dem reinen Auffüllen von Beständen skeptisch gegenübersteht. Wenn ein Unternehmen in Friedenszeiten eine Produktionslinie nicht auslasten kann, rechnet sie sich häufig nicht von selbst; dann braucht es staatliche Anreize, die Risiko und Vorhaltekosten in Richtung Industrie verlagern.
Für die KI- und Softwareseite in der Verteidigung folgt daraus eine andere Prioritätensetzung als bei klassischen Beschaffungsvorhaben. Schularick nennt KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik nicht als Schlagwort, sondern als Richtung, die seine Logik zur operativen Knappheit ergänzt. Gerade bei diesen Technologien ist die Entstehungskette oft zweigeteilt: Einerseits braucht es Sensorik, Konnektivität und Auswertungsplattformen, andererseits entstehen Mehrwerte über Software-Updates, Datenflüsse und Integrationsfähigkeit. Das bedeutet zwar nicht, dass klassische Plattformen überflüssig werden, aber die Wertschöpfung verlagert sich stärker in Richtung messbarer Fähigkeiten im Betrieb, beispielsweise in der Automatisierung von Aufklärung und in der schnelleren Anpassung an veränderte Lagen.
Markt- und industriepolitisch dürfte die Debatte genau deshalb so viel Druck erzeugen: Wenn der Fokus von einzelnen Systemen hin zu „ganzen Fabriken“ und damit zu Investitionsentscheidungen verschoben wird, rücken auch Kapazitätsplanung, Qualifizierungsbudgets und langfristige Abnahmefenster stärker in den Vordergrund. Zudem wird die Koordinationsfrage im europäischen Kontext noch bedeutsamer, weil eine isolierte nationale Beschaffung in einem integrierten Markt schneller an Grenzen stößt. Für Unternehmen aus der Rüstungszulieferkette, für Startups im Bereich Robotik und für Anbieter von Daten- und Satellitentechnik wird damit besonders relevant, wie früh Beschaffungsentscheidungen technische Schnittstellen festlegen und welche Planbarkeit sie für die eigene Roadmap schaffen. Die Diskussion zeigt damit ein Grundmuster: Selbst bei großen Summen entscheidet die Ausrichtung der Beschaffung darüber, ob sich Industriekompetenz und Modernisierung in der Realität schnell genug skalieren lassen.
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